Mark und Marlen Philippi vor einigen ihrer Reisebusse, die seit dem 16. März abgemeldet sind. Für die Demo der Busunternehmen am Mittwoch in Wiesbaden werden die Fahrzeuge für einen Tag angemeldet. 
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Mark und Marlen Philippi vor einigen ihrer Reisebusse, die seit dem 16. März abgemeldet sind. Für die Demo der Busunternehmen am Mittwoch in Wiesbaden werden die Fahrzeuge für einen Tag angemeldet. 

Interview

Busunternehmer Philippi zur Branche in der Krise: "Wir haben leider keine Lobby"

  • Armin Pfannmüller
    vonArmin Pfannmüller
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Die Lufthansa wird mit Geld vom Staat gerettet, die Bahn soll mit zehn Milliarden Euro unterstützt werden. Von solchen Summen können Busbetriebe nur träumen. "Wir haben leider keine Lobby", sagt Mark Philippi.

Rund 240 000 Beschäftigte hat die deutsche Busbranche. Das sind fast so viele wie die Deutsche Bahn (198 000) und die Lufthansa (87 000) zusammen. Während die Unternehmen für Schienen- und Luftverkehr auf staatliche Hilfe bauen können, gehen die Busbetriebe bisher leer aus. Am Mittwoch wollen Busunternehmen mit bis zu 100 Reisebussen hupend durch Wiesbaden fahren und sich für ihre Anliegen Gehör verschaffen. Einer der Demo-Organisatoren ist der heimische Busunternehmer Mark Philippi.

Herr Philippi, seit Mitte März ist die Reisebusbranche durch die Corona-Krise lahmgelegt. Sehen Sie irgendeinen Hoffnungsschimmer?

Es gibt mittlerweile einige Lockerungen. Doch die sind für uns nicht praktikabel, wenn ich daran denke, dass ursprünglich pro Fahrgast fünf Quadratmeter zur Verfügung stehen sollten. Grundsätzlich gilt: Wir dürfen uns nicht aus der aktuellen Lage heraushalten, sondern wir müssen so mit der Situation umgehen, dass wir wieder in Verhältnisse kommen, die wirtschaftlich darstellbar sind.

Was genau haben Sie vor?

Wir wollen Öffentlichkeit und Politik auf unsere Situation aufmerksam machen. Deshalb werden wir am Mittwoch in Wiesbaden mit Reisebussen für unsere Interessen demonstrieren. Die Route führt durch die Innenstadt bis zur Staatskanzlei.

Und was versprechen Sie sich davon?

Wir haben bisher leider keine Lobby. Wenn man sieht, dass Lufthansa und Bahn mit zweistelligen Milliardenbeträgen gestützt werden, muss man sich fragen, warum die Busbranche bisher leer ausgegangen ist. Schließlich haben wir deutlich mehr Beschäftigte als die beiden Konzerne.

Sie sind also nicht einverstanden damit, wie die Politik Sie behandelt?

Das würde ich so nicht sagen. Grundsätzlich bin ich mit den Entscheidungen der politischen Gremien zur Eindämmung der Pandemie zufrieden. Wenn man bedenkt, wie wenig im Vorfeld über das Virus und seine Auswirkungen bekannt war, hat die Politik einen richtig guten Job gemacht. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass Fehler, sobald sie als solche erkannt wurden, schneller korrigiert worden wären.

Was wünschen Sie sich speziell für Ihre Branche?

Das fängt schon bei kleinen Dingen an. Derzeit gibt es eine Reisewarnung bis zum 15. Juni, aber unterschiedliche Verordnungen in den Ländern. Momentan habe ich sogar Probleme, wenn ich mit dem Reisebus bundesländerübergreifend unterwegs sein will, indem ich zum Beispiel von Hessen nach Rheinland-Pfalz fahre.

Gibt es denn derzeit überhaupt irgendwelche Busreisen - abgesehen von Fahrten mit dem Linienbus?

Der Linienverkehr läuft in der Auslastung fast wieder so wie vor Corona. Und der macht immerhin etwa 50 Prozent unseres Umsatzes aus. Aber das Reisen ist unser Kerngeschäft. Und da ist bis in den Juni hinein alles storniert. Wir hoffen aber, dass wir mit den sich abzeichnenden Neuregelungen im Juli wieder starten und unsere Kunden zum Reisen motivieren können.

Wie könnte denn eine Busreise unter Corona-Bedingungen aussehen?

Unser Hygienekonzept sieht unter anderem vor, dass Reisegäste und Mitarbeiter den Mindestabstand einhalten. Wenn dies vorübergehend nicht möglich ist, müssen die Gäste einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Auf die Verhaltensregeln wird auch mit Aushängen im Bus hingewiesen. Der Busfahrer wird möglichst hinter einer Spuckschutzwand geschützt.

Haben Sie Rückmeldungen von Kunden, ob sie unter diesen Bedingungen eine Reise antreten wollen?

Da sehe ich zwei klar getrennte Gruppen. Die einen wollen auf jeden Fall reisen, und zwar mit aller Konsequenz. Die anderen wollen nicht reisen. Da gibt es nur eins oder null.

Eine große Zielgruppe für Busreisen sind Senioren, also Menschen mit einem erhöhten Risiko.

In unseren Bussen sitzt eine andere Klientel. Wir übernehmen ja nicht nur die Beförderung, wir sind auch Veranstalter. Wir fahren zu Konzerten, Weinfesten, wir bieten sportliche Touren an und fahren zum Beispiel auch die Gießen 46ers und ihre Fans zu den Auswärtsspielen. Viele unserer Passagiere sind also deutlich jünger.

Würde es sich für Sie denn wirtschaftlich lohnen, eine Reise mit reduzierter Fahrgastzahl zu unternehmen?

Am schönsten wäre es natürlich, wenn der Bus voll wäre. Aber in der Realität wird die Belegung wohl deutlich darunter liegen. Die normale Buskapazität liegt bei 48 bis 56 Personen. Wir werden unter den aktuellen Bedingungen diese Kapazitätsgrenzen eher nicht erreichen. Wir wollen, dass es endlich wieder losgeht!

Und wann rechnen Sie damit, Reisen wieder unter Normalbedingungen anbieten zu können?

Die Pessimisten unserer Branche rechnen damit, dass es 2023 wieder normal läuft, die Optimisten setzen auf 2021. Realistisch ist wahrscheinlich ein Termin dazwischen. Doch egal, wann es wieder so weit ist: Ich möchte an dieser Stelle den Beschäftigten der Firma Philippi ein Lob aussprechen. Obwohl sich alle Mitarbeiter in Kurzarbeit befinden, hat sich in diesen schwierigen Zeiten niemand krankgemeldet. Jeder zieht mit. Darauf bin ich sehr stolz.

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