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Auch das Angebot des Wettenberger Bussi soll ausgeweitet werden. ARCHIVFOTO: SO

Busfahren auf Bestellung

  • Rüdiger Soßdorf
    VonRüdiger Soßdorf
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Gießen (so/pm). Klar scheinen nach dem ersten Blick schon zwei Dinge: Es wird zusätzliches Geld kosten. Und: Es kann ein weiterer Baustein im Öffentlichen Personenverkehr sein und das klassische Linienbusnetz ergänzen - aber voraussichtlich nicht überall.

Die Rede ist vom sogenannten On-Demand-Verkehr, also einem Bus-Angebot auf Abruf respektive Bestellung. Die Idee dabei: Den Bus quasi auf Abruf buchen, über eine App oder per Anruf. Mehrere Anfragen von Personen, die den gleichen oder einen ähnlichen Weg haben, werden dann auf einer Tour mit einem (Klein-) Bus »gebündelt«, wie man das bereits von Anruf--Linien-Taxis oder Anruf-Sammeltaxis kennt. Das entlastet vom Individual-Pkw-Verkehr und ist idealerweise aber komfortabler als der »klassische« Linienbus. Eben weil die Fahrt zu einer gewünschten Zeit ohne lange Wartezeiten an einer Haltestelle angetreten werden kann, bestenfalls sogar mit Zustieg vor der eigenen Haustüre. Wartezeiten sollen ab Bestellung höchstens 15 bis 20 Minuten betragen, zumeist aber deutlich kürzer sein.

Ob und wie das im Kreis Gießen funktionieren kann, darüber gibt eine Untersuchung erste Aufschlüsse, für die sich der Kreistag mit breiter Mehrheit im vergangenen Jahr ausgesprochen hat. Das Fachbüro IOKI hat die Studie im Auftrag des Zweckverbands Oberhessische Versorgungsbetriebe (ZOV) durchgeführt, der die ÖPNV-Versorgung für den Landkreis Gießen übernimmt.

»Derzeit sind On-Demand-Angebote hauptsächlich auf die Gegebenheiten von Städten zugeschnitten«, sagt Landrätin Anita Schneider. »Wir möchten nun mithilfe der vorliegenden Analyse prüfen, wo sich auch im ländlichen Raum Modelle einrichten lassen, die das bestehende Angebot sinnvoll und wirtschaftlich vertretbar ergänzen.«

IOKI, eine Tochter der Deutschen Bahn, ist spezialisiert auf Verkehrsanalysen und stellt zugleich Software-Lösungen dafür bereit. IOKI hat in drei Gebieten im Kreis Verkehrswege untersucht und Nutzerverhalten sowie den Betrieb eines On-Demand-Verkehrsangebotes simuliert: Im Raum Wettenberg-Lollar, in Langgöns/Pohlheim sowie für Laubach/Hungen.

Kostenschätzungen

Das Wettenberg/Lollar-Modell zeigt, dass es für ein Angebot von 6 bis 22 Uhr oder bis Mitternacht etwa vier Fahrzeuge plus Fahrer braucht. Die Kosten liegen bei geschätzt einer Million Euro im Jahr. Demgegenüber könnten rund 300 000 bis 350 000 Euro Einnahmen aus Fahrpreis-Erlösen stehen. Der Zuschussbedarf liegt mithin etwa bei zwei Dritteln der Gesamtkosten.

Zu bedenken sei zudem, so sagt die Studie aus, die jetzt im Wirtschafts-. und Verkehrsausschuss des Kreistages vorgestellt wurde: »On demand« ist zudem für den Fahrgast etwas teurer als der klassische ÖPNV. Dies immer in Abhängigkeit von der Frage, wie hoch ein solches Angebot von den Kommunen bezuschusst wird.

Zu den Inhalten des Gutachtens zählen außerdem eine Untersuchung des Mobilitätsverhaltens im Landkreis, eine Analyse der Erreichbarkeiten zwischen den Kommunen und dem Oberzentrum Gießen, das Identifizieren von möglichen Bediengebieten für On-Demand-Verkehre sowie eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung der vorgeschlagenen Maßnahmen. Die konkrete Umsetzung der gewonnenen Ergebnisse soll in einem zweiten Schritt erfolgen. Darüber hätte dann der Kreistag zu befinden.

Ausbau der Anruflinientaxis

»Parallel sieht der Landkreis die Stärkung bestehender Linien und einen Ausbau des Anruflinientaxi (ALT)-Angebots vor«, erklärt Landrätin Schneider. So sind die Linien des Stadtbusses in Grünberg verlängert worden, um sie nach Möglichkeit in die Hände der Stadt abzugeben. Für den Laubach-Shuttle ist eine Fahrgastzählung vorgesehen, die als Grundlage für eine Verlängerung der Linie dienen soll. Das Angebot des Wettenberger »Bussi« soll ausgeweitet werden, hier bereitet die Verkehrsgesellschaft Oberhessen einen Fahrplanentwurf vor, der in die Gemeindegremien geht. Auch für die Gemeinden Reiskirchen und Fernwald sind weitere Anruflinientaxi -Angebote in Planung: So sollen künftig Winnerod, Bersrod und Bollnbach angefahren werden. Auf der Linie GI-22 von Albach über Steinbach, das Europaviertel und die Automeile bis zum Gießener Bahnhof wird ein ALT als Ergänzung dienen, um den zusätzlichen Bedarf abzudecken. »Zugleich setzen wir auf Nachhaltigkeit im ÖPNV«, erklärt die Landrätin. Der Kreis finanziert eine zweijährige Lernwerkstatt für Wasserstoff-/Brennstoffzellenbusse und stellt mit RMV und ZOV den Unternehmen zwei Wasserstoffbusse zum Test im Linienbetrieb zur Verfügung.

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