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Ursula und Ulrich Eskens zusammen mit ihrem Hund in Großen-Buseck.

Zwei Rheinländer in Buseck

  • VonSiglinde Wagner
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Seit fast 40 Jahren ist Großen-Buseck die Heimat von Ursula und Ulrich Eskens. Nicht nur im Karneval sind die beiden Kölner aus der Gemeinde nicht mehr wegzudenken.

Nicht einmal mehr drei Monate sind es, dann beginnt wieder die fünfte Jahreszeit. Für Rheinländer ist das durchaus eine relevante Zeitrechnung, weit mehr noch als für viele Karnevalisten in Hessen. Das mag zwar ein Klischee sein, aber die Eskens’ erfüllen es ganz gut.

Seit knapp 40 Jahren leben Ulrich und Ursula Eskens, die beiden Kölner, nun schon in Großen-Buseck. Der Ulli und die Ulla - so heißen sie im Ort. Sie sind längst eine Institution in der Gemeinde. Ulrich Eskens ist zweiter Vorsitzender im Katholischen Verwaltungsrat, Beisitzer im Obst- und Gartenbauverein Alten-Buseck und musikalisch mit den »Shpielrattzen« und den »Wieseckforellen« unterwegs. Und wenn es ums närrische Treiben geht, sind die beiden ohnehin nicht aus »Sankt Marien« wegzudenken. Unvergessen etwa bleibt der Auftritt von Ulrich Eskens in der Kampagne 2006. Damals stieg er als bayerische Schönheitskönigin erstmals in die Bütt und erntete reichlich Lacher.

Doch der lustige Ulli, die rheinische Frohnatur, das ist eben nur die eine Seite. Auf den ersten Blick mag sie nur schwer zu dem passen, was man sich gemeinhin unter einem typischen Veterinär-Pathologen vorstellt. Auch das allerdings ist nur ein Klischee. »Ein totes Tier ist nicht unbedingt abstoßend«, sagt Eskens. Ganz im Gegenteil, es sei »interessant, durch Sektion und weitere Untersuchungen Erkrankungs- und Todesursachen zu klären«.

Dass es überhaupt so weit kam, dass er, der sich im Trubel am wohlsten fühlt, sich beruflich mit toten Tieren befasste, hatte einen profanen Grund: Bestnoten in Anatomie und Pathologie. 1971 war Eskens zum Studium nach Gießen gekommen. Dass er Gießen gewählt hatte, ist der Nähe zu Köln geschuldet. Auch das ist ja so ein Klischee - der Rheinländer fühlt sich am wohlsten im Rheinland. Und wenn schon nicht dort, dann wenigstens in der Nähe. Nach seiner Promotion arbeitete er zunächst für das Staatliche Veterinär-Untersuchungsamt in Frankfurt, später für das in Gießen.

In seinem Job ging es um die Diagnostik von anzeige- und meldepflichtigen Tierseuchen. Von Schweinepest etwa, BSE oder Tollwut. »Bevor das Tier auf meinem Tisch lag, wusste ja keiner die Ursache, die zum Tod geführt hatte.« Dazu gesellten sich Themen wie Tierschutz oder die Klärung von tierschutzwidrigem Verhalten, all das, was es auch für Gerichtsgutachten bedarf.

Es waren durchaus spannende Themenfelder, dennoch ist Eskens vor acht Jahren - bereits mit 60 - in den Ruhestand gegangen. Warum so früh? »Der Frust nahm mir zunehmend die Lust am Job. Unsere eigentliche Arbeit trat immer mehr in den Hintergrund.« Eskens erzählt von zu viel Bürokratie und zu wenig Produktivem. »Keiner hat begriffen, welchen Kollateralschaden das Primat juristischen und bürokratischen Denkens in der Routinearbeit anrichtet.«

Auch jetzt noch, an diesem Mittag im Hof der Familie, arbeitet es in ihm, wenn er darüber erzählt. Es ist dennoch auffällig, wie schnell die zwei zwischen den heiteren und ernsten Themen des Lebens wechseln. Dass schließe sich ja nicht aus, sagen sie unisono.

Umweltschutz ist etwa eines der Dinge, die sie umtreiben. Auf dem Haus der Familie haben sie Solarpanels angebracht. »Ulla kann den ganzen Tag Staubsaugen, ohne dass wir dafür einen Cent zahlen müssen«, witzelt Ulrich Eskens. Seine Frau lacht auf, natürlich müsse er auch manchmal ran, wenn es um die Hausarbeit geht. Sie, die zwei Jahre Ältere, war ebenso lange berufstätig, hat bei der Bank gearbeitet. Was zu Hause anfiel, wurde geteilt - wenn auch eher klassisch. Ursula Eskens kümmert sich mehr um den Haushalt, Ulrich Eskens um das Handwerkliche.

Den Eskens’ aber geht es um Grundsätzliches: »Die Alten sind diejenigen, die häufig das Geld haben, um in Zukunftstechnik investieren zu können. Wenn ich dafür werbe, höre ich, ›das rentiert sich nicht mehr für die paar Lebensjahre‹. Das kann nicht die Argumentation sein«, sagt Ulrich Eskens.

Er ist jemand, der mit solchen Anliegen gerne in die Offensive geht. Umso erstaunlicher ist es, dass bei vielen privaten Aktivitäten Ursula Eskens die treibende Kraft ist. Sei es der Karnevalsverein. Gemeinsam mit Tochter Sonja stand sie zuerst auf der Bühne des Katholischen Fastnachtsclubs, bevor sie auch ihren Ehemann überzeugte, dass beide ein prima Gesangsduo abgeben würden.

Gleiches Spiel beim Chor »TONikum« der Musikschule Busecker Tal. Ulla und Sonja waren zuerst da, Ulrich Eskens wurde »mitgeschleppt«. Gut so, sagen zumindest die Kenner, sein tonsicherer Bass würde dem Chor sonst fehlen.

Die Frage jedenfalls, ob die beiden angekommen sind im Hessischen, stellt sich längst nicht mehr. Natürlich sind sie das. Aber was ist den Rheinländern nach all den Jahren in Buseck noch immer fremd? Ulla Eskens Antwort kommt prompt: »Der Dialekt«, sagt sie, aber sie fügt gleich an, dass das kein Problem sei. »Schließlich darf ich mich in Hessen als Kölnerin outen und meine Mitmenschen mit meiner Mundart vor allem in der fünften Jahreszeit erfreuen.«

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