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Im Auweg zwischen Alten-Buseck und Trohe wurde im Sommer 1987 ein Taxifahrer aus Langgöns brutal ermordet. FOTO: JWR

Serie "Mord verjährt nicht"

"Wie in Trance": Taximord im Kreis Gießen bleibt vielen in Erinnerung

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Im Juli 1987 wurde ein Taxifahrer zwischen Alten-Buseck und Trohe brutal ermordet. Dem Opfer wurde auch zum Verhängnis, dass die Mörder kurz vor der Tat bei einem Raubversuch an gleicher Stelle gescheitert waren.

Der Auweg zwischen Trohe und Alten-Buseck: eine trostlos wirkende, asphaltierte und leicht ansteigende Gerade, gesäumt von Bäumen und Sträuchern. Als ein junger Feuerwehrmann am Abend des 18. Juli 1987, einem Samstag, diesen Weg passiert, macht er eine ungewöhnliche Entdeckung: An der Einbiegung eines Feldwegs, mitten auf dem Auweg, steht auf nasser Fahrbahn ein beigefarbenes Taxi. Die rechte Hintertür ist offen. Der junge Mann nähert sich, sieht einen Schuh herausragen, darunter eine Blutlache. Dann entdeckt er einen leblosen, blutverschmierten Mann auf dem Rücksitz.

Die Polizei ist kurz darauf zur Stelle. Schnell ist klar: Der Tote ist der 24-jährige Fahrer des Taxis, verheiratet und Vater eines Kindes. Er wurde brutal ermordet. Messerstiche hatten ihn an Brust und Händen verletzt, seine Kehle ist durchgeschnitten. Das Täschchen, in dem er einen Teil seiner Einnahmen aufbewahrt hatte, fehlt, was auf einen Raubmord hindeutet. Das Funkgerät ist herausgerissen. Die frühe These, dass neben dem Taxi ein Kampf stattgefunden habe, bestätigt sich allerdings nicht.

Taximord: Schnelle Ergebnisse

Es dauert nicht lange, bis die Kriminalisten auf die Spur der Täter kommen: Der Fahrer hatte gegen 18.45 Uhr Fahrgäste an der Freien Tankstelle in Lollar aufgenommen und dann an die Zentrale Trohe als Ziel gemeldet. Dann herrschte Funkstillle. Ein Englisch sprechender Mann hatte das Taxi bestellt - dieser Hinweis war für die Polizei enorm wichtig. Bereits zwei Tage nach der Tat wird der Haupttäter in seiner Wohnung festgenommen: ein 21-jähriger ehemaliger Soldat mit US-amerikanischem Pass. Bei ihm findet die Polizei auch blutige Kleidung. Der Mann gesteht - und nennt die Komplizen. Am Morgen danach werden auch sie festgenommen: ein 24-jähriger US-Oberfeldwebel, der in den Gießener Pendleton Barracks stationiert ist, und eine 19-jährige Freundin, die ebenfalls aus den USA stammt. Der Soldat hatte sich bei seiner Einheit gemeldet - und die hatte die Ermittler informiert.

Der schnelle Fahndungserfolg ist wohl auch der engen Zusammenarbeit mit amerikanischen Kriminalisten zu verdanken. Ende der 1980er Jahre sind US-Truppen und ziviles Personal auch in Gießen noch stark vertreten. Kneipen, Clubs und auch Taxiunternehmen profitieren von den GIs, es ist eine Zeit guter Geschäfte.

Doch wenn US-Soldaten an Verbrechen beteiligt sind, wird es für deutsche Behörden schwierig, denn für sie ist die US-Militärjustiz zuständig. Im Fall des ermordeten Taxifahrers müssen sich aber schließlich alle drei Beteiligten vor der deutschen Justiz verantworten, die Frau vor einer Jugendkammer.

Taximord: 40 Mark als Beute

Der Prozess gegen die beiden Männer begann im Februar 1988. Sie wurden wegen gemeinschaftlichen Raubmordes angeklagt. Das Urteil: lebenslänglich. Das Geständnis des Haupttäters förderte die schrecklichen Details der Tat zutage: Er hatte hinter dem Taxifahrer Platz genommen, sein Mittäter auf dem Beifahrersitz. Mitten auf dem Auweg ließen sie den Fahrer anhalten. Der Ex-Soldat bedrohte ihn mit einem Messer, forderte mit knappen Worten sein Geld. Doch der Fahrer wehrte sich offenbar - und wurde noch im Wagen brutal ermordet. Die Täter ließen ihn verbluten, liefen davon und stiegen in den Wagen der Komplizin, die ihnen gefolgt war. Die Beute: 40 D-Mark.

Nach der Bluttat fuhren die Mörder, wie der Haupttäter aussagte, zunächst in dessen Wohnort Staufenberg. Ohne konkretes Ziel steuerten sie dann Richtung Frankfurt, um sich belastender Gegenstände zu entledigen. Kurz nach den Festnahmen fand die Polizei in einem Roggenfeld bei Bad Homburg blutverschmierte Kleidung und die Tatwaffe: ein "Metzgermesser" mit einer 20 Zentimeter langen Klinge.

Wie konnte es dazu kommen, dass ein Raubversuch so aus dem Ruder läuft? Offenbar hatten die Täter nicht mit Widerstand gerechnet. "Ich wollte nicht töten, aber ich handelte wie in Trance", erklärte der Mörder seine Tat vor Gericht, "meine frühere Ausbildung zum Töten hatte mich alles vergessen lassen".

Taximord: Zum Töten ausgebildet

Seiner Aussage zufolge war er mit 19 Jahren beim US-Militär gelandet und dann in einer Sondereinheit ausgebildet worden, um in Nicaragua gegen Guerilla-Truppen zu kämpfen. Das Töten sei ihm antrainiert worden -- und im Taxi habe er plötzlich rot gesehen. Sein Mittäter gab sich vor Gericht religiös, erschien mit Bibel zur Verhandlung.

Das Landgericht hatte am Ende keinen Zweifel an der Schuldfähigkeit der beiden US-Amerikaner. "Es gibt in ihrer Persönlichkeitsstruktur keine Gründe, die zum Tatzeitpunkt ihre Schuld mildern oder gar ausschließen würden", befand der psychiatrische Gutachter.

Habgier war das Motiv für die Tat, vor allem der Haupttäter war von Schulden geplagt und chronisch knapp bei Kasse. Außerdem, so wurde damals berichtet, kannte das Opfer seinen Mörder womöglich: Der Türsteher hatte sich häufig nach Feierabend mit einem Taxi nach Hause fahren lassen. Der 24-jährige Langgönser hätte den Täter demnach identifizieren können.

Der brutale Raubmord sorgt auch und gerade bei Kollegen des Getöteten für Fassungslosigkeit. Am 23. Juli - die Tat liegt fünf Tage zurück, die Täter sind bereits ermittelt - stehen in Gießen nachmittags alle Taxis und Minicars still. Die Fahrer stellen für eine Stunde kollektiv den Fahrtbetrieb ein, um ihre Trauer zu zeigen und des Opfers zu gedenken, wie die Gießener Allgemeine damals berichtete.

Taximord: Opfer zufällig ausgewählt

Der ermordete Taxifahrer war ein zufällig ausgewähltes Opfer. Wenn er nach dem Anruf der Täter um 18.25 Uhr nicht verfügbar gewesen wäre, hätte es genauso einen anderen Kollegen treffen können.

Zum Verhängnis wurde dem Langgönser womöglich auch, dass die Täter kurz vor dem Mord und fast an gleicher Stelle mit einem Raubversuch gescheitert waren: Um 17.45 Uhr hatte die junge Komplizin ein Taxi zu den Pendleton Barracks in Gießen bestellt. Der Plan der drei: Sie wollten die Fahrerin überfallen.

Die beiden Männer lotsten sie in den Auweg. Der spätere Mörder hatte, wie es im Prozess hieß, hinter ihr sitzend das Metzgermesser in der Jacke versteckt. Das angebliche Ziel der Fahrgäste: das "Atlantis" in Trohe.

Als die Taxifahrerin mit den beiden Männern gerade über den Auweg, eine Verbindung zwischen der Gießener und der Vixröder Straße, fuhr, sollte sie plötzlich halten. Doch die Fahrerin hatte offenbar eine dunkle Vorahnung: Sie gab Gas, setzte die beiden dann wie ursprünglich vereinbart vor dem "Atlantis" ab, nachdem sie kommentarlos gezahlt hatten. Ein spontaner Entschluss, der die Frau vor einem Raub oder weit Schlimmerem bewahrte - und auch bei der Ermittlung des Verbrechertrios half.

Vergeblich hatten die Männer versucht, von der Disco aus ein anderes Taxi zu ordern. Sie wurden statt dessen von der Komplizin abgeholt, die sie in Lollar absetzte. Von dort bestellten sie das nächste Taxi - und wurden von ihrem späteren Opfer eingesammelt.

Taximord: "Atlantis" geht in Flammen auf

Einige Stationen, die im Zusammenhang mit dem grausamen Mord eine Rolle spielten, gibt es heute so nicht mehr: Das "Atlantis", das die Täter als Ziel angegeben hatten, brannte 1988 komplett aus. Die Hintergründe der vermutlichen Brandstiftung liegen bis heute im Dunkeln.

Auch im legendären "Woodland Club", wo der Mörder sich damals als Türsteher verdingte, tanzt seit vielen Jahren niemand mehr. Die Pendleton Barracks, in denen sein Mittäter stationiert war, sind längst zu zivilen Wohnungen geworden.

Der Auweg zwischen Alten-Buseck und Trohe sieht dagegen heute kaum anders aus als an jenem 18. Juli 1987: eine triste Schneise mitten im Feld. An die grausame Bluttat erinnert dort nichts mehr.

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