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Neuer Alltag beim Frisör: Auch im Großen-Busecker Salon Ulrich wird nun wieder gewaschen, gefärbt und geschnitten - natürlich mit Mundschutz. FOTO: JWR

Nach wochenlanger Schließung

Waschen, schneiden, reden: Neustart bei den Frisören

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Seit heute dürfen Frisöre auch im Kreis Gießen wieder öffnen. Ein Ortsbesuch in Großen-Buseck zeigt: Der Andrang und die Vorfreude sind groß. Und manchen Kunden hat weit mehr gefehlt als ein sauberer Haarschnitt.

Was Menschen bewegt, wird beim Frisör offenkundig. Bei "Mister Hair", im Salon Ulrich in Großen-Buseck, ist am Montagmorgen Jens Spahn ein Thema. Doch es geht nicht um die Gesundheitspolitik, die der CDU-Bundesminister mit zu verantworten hat. "Ich habe überlegt, ob sich Jens Spahn selbst die Haare geschnitten hat - der hatte eine Ecke drin", sagt eine Mitarbeiterin zu ihrer Kundin.

Nicht nur Minister dürften diesen Tag herbeigesehnt haben: Seit Ende März befand sich die schneidende Zunft in einer Zwangspause, seit Montag dürfen Frisöre nun wieder öffnen. Allerdings nur unter strengen Hygiene-Auflagen, die auch im Salon Ulrich ins Auge fallen: Bevor Kunden auf einer der drei Etagen Platz nehmen dürfen, werden sie am Eingang von einer Frisörin begrüßt. Von jedem notiert sie Name, Adresse und Telefonnummer. Es geht nicht etwa darum, zwecks Werbung an Kundendaten zu gelangen. Vielmehr ist auch diese ungewohnte Begrüßung dem Infektionsschutz geschuldet: Sollte unter den Kunden ein Corona-Infizierter sein, dann müssten Kontakte schnell nachverfolgt werden.

Zwar dürfen Frisöre nun wieder ihrem Handwerk nachgehen, doch die Corona-Schutzmaßnahmen werden den Alltag in den Salons auf unbestimmte Zeit verändern: Obwohl die Nachfrage nach Terminen zurzeit enorm ist, bleibt mindestens jeder zweite Stuhl leer. So soll gewährleistet werden, dass Abstand zueinander eingehalten wird.

Der Empfangstresen ist durch eine breite Plexiglasscheibe abgetrennt. Generell würden nun zuerst die Haare gewaschen, erläutert eine Mitarbeiterin. Außerdem seien Augenbrauen-, Wimpern- und Bartpflege im Salon vorerst tabu. Auch auf Zeitschriften und Getränke müssen die Kunden beim Frisör nun verzichten.

Frisöre nach der Corona-Schließung: Alle mit Mund-Nasen-Schutz

Das wohl deutlichste Zeichen für den Betrieb unter Corona-Bedingungen sind die Masken: Alle Mitarbeiterinnen tragen einen Mund-Nasen-Schutz, ebenso die Kunden. Weil die Gummibänder hinter den Ohren beim Schneiden im Weg sind, halten viele Gäste den Schutz mit der Hand vors Gesicht.

"Die Kunden haben mir schon gefehlt, die Schere auch", sagt eine Mitarbeiterin, lacht herzlich und greift zum Föhn. Der Kundin, um die sie sich gerade kümmert, schneidet sie schon seit vielen Jahren die Haare. Auch sie hat sich auf diesen Tag gefreut, gerade mit Blick auf die eigene Frisur: "Wenn man arbeiten gehen muss und in den Spiegel schaut - das ist schon blöd", sagt sie. "Aber es hat dann getröstet, dass alle so aussehen." Jens Spahn lässt grüßen. Übrigens, heißt es im Laden, seien Männer nun anscheinend etwas ungeduldiger, wenn es um Termine geht. Das liege wohl daran, dass der Mangel an einem ordentlichen Schnitt bei Kurzhaarfrisuren eher auffalle.

Wie viele Unternehmer hat auch Inhaber Meik Ulrich während der Schließung Kurzarbeit für sein Team beantragt. Es war eine schwierige Zeit. Vor zwei Wochen dann die lang ersehnte Nachricht: Frisörläden dürfen bald wieder öffnen. Seit die Meldung draußen ist, stehe das Telefon nicht mehr still, berichtet Ulrich: "364 Termine habe ich seither ausgemacht, für Mai ist jetzt eigentlich alles zu."

Frisöre nach der Corona-Schließung: Viele Anfragen

Dass der Stammfrisör ausgebucht ist, Kunden sich etwas gedulden müssen, kann schon mal vorkommen. Dass aber alle Frisöre zwangsweise schließen, das hätte sich vor wenigen Wochen noch kaum jemand vorstellen können. Wie ist die Kundschaft mit diesen Wochen ohne frischen Haarschnitt umgegangen? Frisörinnen berichten, sie seien auch privat angesprochen worden, ob sie denn nicht eine Ausnahme machen könnten. Wie wichtig ihnen Frisörtermine sind, haben viele wohl erst in den vergangenen Wochen wirklich realisiert. "Wir bekommen jetzt mehr Wertschätzung", sagt Ulrich, während die beiden Telefone unentwegt klingeln.

Auch Andreas Deibel, der den Salon Deibel in Großen-Buseck führt, hat in den vergangenen Wochen unmoralische Angebote erhalten: "Einige haben angerufen und gesagt: ›Willst du nicht mal vorbeikommen und dir 50 Euro extra verdienen?‹", verrät er, "aber ich habe jedem gesagt: Gesetz ist Gesetz". Viele, sagt er, zeigten Verständnis, aber eben längst nicht alle. Unter allen Umständen schnell einen Termin bekommen, das sei nun für manche offenbar das wichtigste. Mitunter hat die Zeit ohne Frisöre auch zu Selbstversuchen mit Schere und Kamm geführt: "Heute morgen war auch eine Kundin da, die sich die Haare selbst geschnitten hat - mit Zacken", sagt Deibel lächelnd.

Frisöre nach der Corona-Schließung: Auch Balsam für die Seele

Gerade für manch ältere, teils alleinstehende Kunden ist der regelmäßige Frisörbesuch auch Balsam für die Seele. Ins Gespräch kommen, Neuigkeiten austauschen - das ist in Zeiten der Kontaktvermeidung wichtiger denn je geworden. Dieses Bedürfnis hat Ingrid Deibel, die Mutter und Kollegin des Inhabers, zuletzt auch bei Terminvergaben gespürt: "Bei manchen habe ich am Telefon zwölf, 14 Minuten gebraucht, bis ich einen Termin gemacht hatte. Die wollen einfach reden."

Soeben hat sie einer betagten Kundin die Haare gefärbt. "Ich hatte schon ein paar mal angefragt", sagt die Frau auf dem Stuhl. "Ohne Frisör, das war schon schlimm. Ich habe mich mit den grauen Haaren gar nicht mehr unter Leute getraut, ich konnte mich gar nicht mehr leiden." Ihren Mund verbirgt sie unter der Maske. Doch ihre Augen verraten, dass sie nun, mit neuer Farbe, wieder glücklicher ist.

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