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Sebastian Balser-Kutt zeigt, dass das Mehl in der Spitzmühle per Hand abgefüllt wird. FOTO: LKL

SPITZMÜHLE BUSECK

Supermärkte setzen auf regionales Mehl

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Es ist ein Begleiteffekt der Corona-Pandemie: Die Spitzmühle in Großen-Buseck beliefert jetzt drei regionale Supermärkte mit Mehl.

Drei- oder vierlagig? Spaghetti oder Linguine? Frisch oder trocken? Typ 405 oder Typ 550? All diese Entscheidungen traten beim Einkaufen in den vergangenen Wochen in den Hintergrund. Stattdessen waren Kunden oftmals froh, wenn sie überhaupt Klopapier, Nudeln, Hefe oder Mehl ergattern konnten. Denn Hamsterkäufe und Grenzkontrollen sorgten im Zuge der Corona-Pandemie vermehrt für Lieferengpässe und leere Regale.

Auch beim Rewe-Markt in Reiskirchen hätten die Kunden an einem Nachmittag in der vergangenen Woche vergeblich nach einer wichtigen Backzutat gesucht, wenn dort nicht in simple braune Papiertüten abgepacktes Weizen- und Roggenmehl in den Regalen gestanden hätte - versehen lediglich mit einem Etikett der Spitzmühle in Großen-Buseck. Ein Novum, denn bisher hatte die Mühle keine Supermärkte beliefert. Nun sind es gleich drei: die Rewe-Filialen in Reiskirchen, Großen-Buseck und Fernwald.

"Die Märkte haben wegen der Lieferengpässe bei uns angefragt", erzählen Sonja und Sebastian Balser-Kutt, die Inhaber der letzten aktiven Mühle im Landkreis, in der noch Mehl produziert wird. In sechster Generation betreibt die Familie Fiedler, aus der Sonja Balser-Kutt stammt, die Spitzmühle schon.

Die Geschichte des Bauwerks selbst lässt sich sogar bis Anfang des 16. Jahrhunderts zurückverfolgen. Damals war es im Besitz des Klosters Wirberg. Nach dessen Auflösung 1529 gehörte die Mühle zunächst der Universität Marburg, später der Universität Gießen und noch später dem Staat. 1875 kaufte Ludwig Fiedler sie und prägte damit die Geschichte der Familie, die fortan über Generationen von der Mühle und der Landwirtschaft lebte.

Sonja und Sebastian Balser-Kutt betreiben Mühle und Landwirtschaft nur noch nebenberuflich: Er ist Metallbaumeister, sie arbeitet in einer der drei Bäckereien, die seit vielen Jahren auf das Mehl der Spitzmühle setzen. Zudem wird dieses an mehrere Döner- und Pizza-Lokale sowie an Privatkunden verkauft.

Unter letzteren haben die Balser-Kutts in den vergangenen Wochen eine vermehrte Nachfrage festgestellt. "Es kommen mehr junge Leute und Familien mit Kindern, die jetzt selbst ihr Brot backen wollen", erzählt Sonja Balser-Kutt. Um der erhöhten Nachfrage nachzukommen und zusätzlich die drei Supermarktfilialen beliefern zu können, haben die Betreiber die Produktion um etwa 30 Prozent gesteigert. Ausgelastet ist die Spitzmühle damit jedoch nicht. "In 24 Stunden könnte eine Tonne Mehl hergestellt werden", sagt Sebastian Balser-Kutt. "Aktuell werden etwa drei Tonnen pro Woche produziert." Mehr sei aufgrund ihrer Berufstätigkeit nicht möglich. "Es ist sehr viel Arbeit für uns zwei", erklärt seine Frau. "Das muss einem schon Spaß machen."

Auch ein Blick in die Mühle offenbart, dass die Gewinnung von Mehl durch die Einlagerung des Getreides im Silo, die mehrfache Reinigung, den Prozess des Mahlens und die Abfüllung ziemlich aufwendig ist. "Allein für das Vermahlen des Getreides sind acht Durchgänge notwendig. Und zwischendurch muss immer wieder gesiebt werden, erklärt Sebastian Balser-Kutt. Er zeigt auf die Behälter und Geräte im Raum. "Es wurde ein bisschen modernisiert, aber im Prinzip ist das die Einrichtung von vor 100 Jahren."

Abgefüllt wird das Mehl in der Spitzmühle noch per Hand. Dass für den Verkauf im Supermarkt deutlich kleinere Säcke befüllt werden müssen, bedeutet daher auch einen deutlich höheren Arbeitsaufwand. "Klar, lohnt es sich, aber reich wird man davon nicht", sagt Sebastian Balser-Kutt über den neuen Verkaufsweg. "Mit den Dumping-Preisen der Industrie können wir nicht mithalten."

Seit etwa Anfang April hat die Nachfrage nach Mehl deutlich nachgelassen, das zeigen die Daten des Statistischen Bundesamtes. Und auch Sebastian Balser-Kutt spürt, dass die nach wie vor hohe Nachfrage bereits etwas zurückgeht. Trotzdem wird die Corona-Pandemie für die Spitzmühle wohl einen nachhaltigen Effekt haben: Die Rewe-Märkte haben zugesagt, das Mehl langfristig in ihr regionales Sortiment aufzunehmen.

Eine Branche im Wandel

Die Spitzmühle in Großen Buseck ist die letzte Mühle im Kreis Gießen, in der noch Getreide gemahlen wird. "Früher gab es allein hier entlang des Bachlaufs mehrere Mühlen", erzählt Sebastian Balser-Kutt. "Aber wir sind jetzt schon viele Jahre die einzigen." Kein Wunder: Nach Angaben des Verbands Deutscher Mühlen gab es 1950 noch fast 19 000 Mühlen in Deutschland. Bis 1980 sank die Zahl auf gut 2500 und zu Beginn des Jahres 2019 waren es nur noch 550. 196 davon vermahlen mehr als 1000 Tonnen jährlich.

Die Busecker Spitzmühle produziert in wesentlich geringerem Umfang und zwar "nachhaltig", wie Balser-Kutt betont, wenn auch nicht bio. Einen großen Teil des Getreides baut die Familie selbst an, der Rest wird regional zugekauft. Überwiegend stammt das Getreide aus dem Busecker Land.

Geöffnet hat die Busecker Spitzmühle im Grünberger Weg 100 montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr sowie samstags von 8 bis 14 Uhr.

Die Spitzmühle in Großen-Buseck ist die letzte Mühle im Kreis Gießen, in der noch Getreide gemahlen wird. "Früher gab es allein hier entlang des Bachlaufs mehrere Mühlen", erzählt Sebastian Balser-Kutt. "Aber wir sind jetzt schon viele Jahre die einzigen." Kein Wunder: Nach Angaben des Verbands Deutscher Mühlen gab es 1950 noch fast 19 000 Mühlen in Deutschland. Bis 1980 sank die Zahl auf gut 2500 und zu Beginn des Jahres 2019 waren es nur noch 550. 196 davon vermahlen mehr als 1000 Tonnen jährlich.

Die Busecker Spitzmühle produziert in wesentlich geringerem Umfang und zwar "nachhaltig", wie Balser-Kutt betont, wenn auch nicht bio. Einen großen Teil des Getreides baut die Familie selbst an, der Rest wird regional zugekauft. Überwiegend stammt das Getreide aus dem Busecker Land.

Geöffnet hat die Busecker Spitzmühle im Grünberger Weg 100 montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr sowie samstags von 8 bis 14 Uhr. lkl

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