Einige der Bunker sind vermietet.
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Einige der Bunker sind vermietet.

»Lost Place«

Atomwaffen im Bunker: Ehemaliges Munitionslager in Buseck sorgt noch immer für Diskussionen

  • vonLena Karber
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In dem ehemaligen Munitionslager zwischen Daubringen und Alten-Buseck wurden bis Ende der 1980er Jahre atomare Waffen gelagert.

Buseck - Aufgeschreckt von dem seltenen Besuch läuft eine ganze Reihe von Rehen über den Beton, auf dem sich Moos breit gemacht hat, und verschwindet rasch im Gebüsch. Im Löschwasserteich treibt ein alter Autoreifen, doch die Frösche scheinen sich nicht dran zu stören. Mit einem leisen Quaken springen gleich mehrere in das trübe Wasser und verschwinden unter der von Grün bedeckten Oberfläche. Und auch die Bunker sind dicht bewachsen, sogar Bäume thronen auf den von saftigem Gras überzogenen Dächern. Aus der Luft kann man die Gebäude wohl kaum noch entdecken.

Bundeswehr bewachte

Dass in diesen Bunkern früher wohl einmal atomare Munition gelagert wurde, erscheint aus heutiger Perspektive - einer Perspektive, in der Krieg etwas ist, das auf anderen Teilen der Erde stattfindet - kurios und befremdlich. Doch zur Hochzeit des Kalten Krieges soll es in der BRD weit über 100 sogenannter Sondermunitions- oder Sonderwaffenlager gegeben haben - und eines davon befand sich ab Anfang der 1960er Jahre in der Busecker Gemarkung. Allerdings wurde es wegen seiner Nähe zu dem heutigen Staufenberger Ortsteil zu dieser Zeit als »Sondermunitionslager Daubringen« bezeichnet.

Betreiben wurde das NATO-Lager ausschließlich von der US Army, doch direkt an dieses anschließend gab es auch ein Munitionsdepot der Bundeswehr. Und auch für die äußere Sicherung des Lagers und die Überwachung der Umgebung waren deutsche Soldaten zuständig, die in der Steuben-Kaserne in Gießen untergebracht waren. Sie wurden jeweils für eine Woche nach Alten-Buseck zum Wachdienst gefahren. Dort hatten sie dann rund um die Uhr abwechselnd zwei Stunden Wache und vier Stunden frei. Hinzu kamen immer wieder Übungen.

Wachdienst bei 25 Grad minus

Christoph Westrupp aus Großen-Buseck, der 1970/1971 nach seiner Grundausbildung 15 Monate im Wachdienst eingesetzt wurde, hat keine positiven Erinnerungen an diese Zeit. Einmal habe er bei Minus 25 Grad Wache halten müssen, erzählt er. Außerdem war ihm der Wachdienst zu langweilig. Indem er Gedichte reimte und Musik hörte, versuchte er, sich die Zeit zu vertreiben - obwohl das natürlich verboten war. »Ich hatte ein kleines Transistorradio in meiner Atemschutzmaske«, erzählt er. Allerdings habe er nur ein Programm empfangen. »Nachts war das meistens Orchestermusik - nicht so wie heute, wo alles rund um die Uhr gespielt wird.«

Beim Wachdienst war Westrupp vor allem darauf bedacht, nicht von einer Aufsicht überrascht zu werden. Davon, dass in dem NATO-Lager atomare Waffen gelagert sein sollten, hatte er gehört. Ob es stimmte, wusste er jedoch nicht. »Wir haben unseren Dienst gemacht und alles andere war uns im Prinzip egal«, sagt er. »Für mich war das die verlorenste Zeit meines Lebens.«

Soldaten auf engstem Raum

Schönere Erinnerungen an seine Bundeswehrzeit hat Stefan Muhly aus Saasen, der heute in Bersrod lebt. Er war als Soldat auf Zeit zwischen 1983 und 1991 auch häufiger zum Wachdienst in Alten-Buseck. Damals habe es vier Züge gegeben, die sich abgewechselt hätten, berichtet er. Wenn nicht gerade Urlaubszeit war, war er daher nur alle vier Wochen dort.

»Man hatte schon etwas zu tun, ich empfand das nicht direkt als langweilig«, sagt Muhly. Außerdem, das betont er mehrfach, sei die Kameradschaft etwas besonderes gewesen. Man habe sich viel erzählt, einiges voneinander gelernt und vor allem für einander eingestanden. »Man musste 24 Stunden am Tag mit den Leuten klarkommen und zwar auf engstem Raum«, sagt er. Da sei kein Platz für böses Blut gewesen. »Die Kameradschaft war wirklich top.«

Munition per Hubschrauber abtransportiert

Auch Muhly bestätigt, was so viele sagen, die in Alten-Buseck Wachdienst hatten: eine offizielle Information gab es nicht, doch es war ein offenes Geheimnis, dass dort atomare Munition gelagert wurde. Bei Evakuierungsübungen seien die deutschen Soldaten auch in den entsprechenden Bunkern gewesen, erzählt er. Man habe zwar nicht gewusst, ob in den Behältern wirklich scharfe Munition drin gewesen sei, doch das Gewicht habe gestimmt. Und als das Lager aufgegeben wurde, sei ja auch alles per Hubschrauber abtransportiert worden. Muhly: »Man kann also davon ausgehen, dass da auch scharfe Munition drin war.«

Obwohl es sich um »richtig dreckige Munition« gehandelt habe, sagt Muhly, dass er sich deswegen keine Sorgen gemacht habe. »Wenn man atomare Munition einsetzen muss oder tut, ist in dem Gebiet kein Leben mehr möglich und das wollte natürlich keiner. Das war reine Angstmacherei, quasi Säbelrasseln.«.

Wie nah die Welt zuvor wirklich an einem Atomkrieg vorbeigeschrammt ist, lässt sich schwer bewerten, doch Ende der 1980er Jahre hatte sich die Lage bereits entspannt: 1988 wurde das NATO-Lager aufgelöst, 1993 dann auch der Betrieb des Bundeswehr-Depots eingestellt. Das Grundstück ging zunächst ins Eigentum der Bundesvermögensverwaltung über, befindet sich aber seit 2005 im Besitz der Gemeinde Buseck.

Bunker als Garagen vermietet

Heute wirkt das Gebiet der ehemaligen Munitionslager wie ein Relikt aus einer völlig anderen Zeit. Einige der 45 Bundeswehr-Bunker, die zum Großteil als Garagen und Lagerräume vermietet werden, sind so zugewachsen, dass die Eingänge kaum noch zu erkennen sind. Und auf einer Weide, inmitten des 40 Hektar großen Areals, weiden Kühe.

Auf dem Gelände des ehemaligen NATO-Lagers hat die Gemeinde 2018 die meisten Gebäude abreißen und die Laufgräben zuschütten lassen. Nur etwas Beton hier und da sowie zwei Bunker, zeugen noch von der Zeit des Kalten Krieges. Statt atomare Waffen sollen diese bald Fledermäuse beherbergen.

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