Warmer Tee und Fleece-Decken: Die Klasse 4c der Goetheschule Großen-Buseck hat sich mit dem Lüften arrangiert. FOTO: JWR
+
Warmer Tee und Fleece-Decken: Die Klasse 4c der Goetheschule Großen-Buseck hat sich mit dem Lüften arrangiert. FOTO: JWR

Luftfilter oder Lüften?

Kolter statt Luftfilter: Kreative Lösung an Busecker Grundschule

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
    schließen

Lüften ist an Schulen nun Alltag, um das Infektionsrisiko zu senken. Teils gibt es kreative Lösungen und mancher hofft auf Luftfilter. Die seien aber nur in Ausnahmefällen sinnvoll, gibt der Kreis zu bedenken - und wirbt um Verständnis für die Situation.

Der Winter ist da, es ist kalt geworden. Das ist nicht ungewöhnlich und eigentlich kein Problem - wäre da nicht die Corona-Pandemie. Denn nun ist in geschlossenen Räumen, in denen sich mehrere Menschen aufhalten, Lüften das Gebot der Stunde, um Luftaustausch zu ermöglichen und so das Infektionsrisiko zu senken. Das gilt vor allem auch für Schulen.

Die Klasse 4c der Goetheschule in Großen-Buseck kann davon ein Lied singen. Gemäß Anweisung werden auch in ihrem Klassenraum die Fenster alle 20 Minuten für etwa fünf Minuten geöffnet. Manche Kinder ziehen sich dann dicke Jacken über, haben Strumpfhosen an oder nehmen sich warmen Tee mit, damit der Infektionsschutz mittels Lüften am Ende nicht zu Erkältungen führt. Die "Zwiebeltechnik" mit mehreren Lagen Kleidung sei nun mehr denn je gefragt, berichten Eltern. Das dürfte für viele Klassen im Landkreis gelten. Das Besondere an der Großen-Busecker Grundschule: Jedes Kind hat hier seine eieigene Fleece-Decke, regional wohl besser bekannt als Kolter, in die es sich einmummeln kann.

Diskussion um Luftfilter an Schulen: Busecker Schule setzt auf Kolter

Dahinter steckt eine Initiative des Elternbeirats: Die Idee sei bei einem Elternabend einer Klasse aufgekommen und habe sich schließlich für alle zwölf Klassen mit insgesamt 236 Kindern durchgesetzt, berichtet Schulleiterin Julia Schäfer. Ein Vater habe eine gute Verbindung zur Kolter GmbH aus Lich, die Decken mit regionalen Motiven unter dem Schlagwort "My Kolter" vertreibt. "Wir haben so viele Spenden gesammelt, dass jetzt alle Kinder einen Kolter haben", sagt Elternbeiratsvorsitzende Stefanie Fast. Sowohl Eltern als auch lokale Sponsoren hätten Geld für die Klassensätze zur Verfügung gestellt. Vereinzelt hätten Eltern gefragt, ob man nicht günstigere Fleece-Decken anschaffen könne, aber insgesamt sei die Idee auf viel Zustimmung gestoßen. "Aus meiner Sicht ist das mit dem Lüften und den Decken okay", bekundet Fast, "ich möchte nicht zurück ins Homeschooling". Es sei wichtig, dass die Grundschulkinder im Klassenverbund unterrichtet würden.

Die Schulleiertin lobt die "spontane, unbürokratische" Aktion. Anfang November seien die Temperaturen noch recht mild gewesen - und als es kälter wurde, habe man eine schnelle Lösung gesucht.

Das Busecker Beispiel zeigt, dass kreative Ideen während der Pandemie helfen können. Doch mancher fragt sich, warum in Sachen Luftaustausch der Kreis als Schulträger nicht mehr unternimmt - etwa durch den Einbau von Filtersystemen, die Luftaustausch ermöglichen, ohne ständig lüften zu müssen und die zurzeit in vieler Munde sind.

Diskussion um Luftfilter an Schulen: Kreis hält wenig von Selbstbau

Dadurch, so die Annahme, könnten unterkühlte Räume vermieden werden. Es gibt auch Inititativen, um abgespeckte Versionen solcher Filter selbst herzustellen. Doch davon hält der Landkreis wenig: "Selbstbau werden wir nicht akzeptieren, es handelt sich um Elektrogeräte", äußert sich Schuldezernentin Dr. Christiane Schmahl auf Anfrage. Bisher habe sich eine Schule mit dem Anliegen, Filter selbst über Eltern anzuschaffen, an den Kreis gewandt. "Die vom Sponsor angebotenen Geräte waren viel zu klein für die Raumgrößen", so Schmahl weiter. In jedem Fall müsse man die angebotenen Geräte "technisch und auf Sinnhaftigkeit überprüfen".

Ohnehin seien Luftfilter nicht grundsätzlich die beste Lösung: "Die Stoßlüftung ist das bessere Verfahren, um eine Virusbelastung der Innenluft zu reduzieren", sagt die Dezernentin. Das sieht auch Norbert Kissel so, der Leiter des Staatlichen Schulamts Gießen: "Lüften ist immer noch die effizienteste Methode, die Luft im Klassenraum zu erneuern."

Laut einer Aufstellung des Kreises gebe es nur 20 von insgesamt kreisweit etwa 1000 Unterichtsräumen, "in denen sich Personen länger aufhalten und die nur unzureichend zu lüften sind", so Schmahl. Dabei handle es sich nicht um Klassen-, sondern etwa um Werkräume. Diese würden nun mit Luftfiltern ausgestattet oder geschlossen.

Laut Schmahl besitzt der Kreis keine eigenen Luftfiltergeräte - dafür habe es bislang keinen Anlass gegeben. Noch stehe dafür auch kein Geld zur Verfügung: "Das Landesprogramm, das Luftfiltergeräte fördert, ist bisher noch nicht veröffentlicht. Das heißt, es gibt bisher keine Möglichkeit, Geld zu beantragen. Wir wissen auch nicht, ob eine rückwirkende Beantragung möglich sein wird." Im Kreistag würden nun 100 000 Euro dafür außerplanmäßig beantragt, ein Gerät koste etwa 4000 bis 5000 Euro.

Diskussion um Luftfilter an Schulen: Kreis wirbt um Verständnis

Wie steht Schmahl zur Anschaffung von Koltern wie in Buseck? "Eine Fleece-Decke in einem der Billigläden der Fachmarktzentren im Landkreis kostet circa zwei bis drei Euro. Das ist für Eltern eigentlich kein Problem", findet die Grünen-Politikerin und wirbt um Verständnis für die Situation: "Es wird nicht gelingen, in jedem Klassenraum in diesem Winter Temperaturen zu erreichen, wie sie dort normalerweise herrschen. Unsere Schulgebäude sind nicht für Corona ausgelegt, sondern für den Normalbetrieb."

Alle müssten begreifen, "dass Luftfiltergeräte nicht so sicher sind wie regelmäßiges Lüften", so Schmahl. Die Hoffnungen auf diese Geräte könne sie aber verstehen: "Ich denke, dass viele Eltern und Lehrer verständlicherweise gehofft haben, dass der Einsatz von Luftfiltergeräten ihnen beziehungsweise den Kindern das Lüften ersparen könnte und es eine gewisse Enttäuschung gibt, dass das nicht der Fall ist."

Auch in der Kreisverwaltung habe man nun Erfahrungen mit dem Lüften gemacht, sagt Schmahl und gibt einen Tipp: "Viel hilft es wirklich, wenn die Fenster eben nicht dauernd offengelassen werden, sondern nur drei bis fünf Minuten ganz geöffnet werden. Danach heizt die Heizung relativ schnell wieder hoch."

Info: Land nicht zuständig

Der Einsatz von Luftfiltersystemen liege "in der alleinigen Verantwortung der Schulträger", teilt das Hessische Kultusministerium auf Anfrage mit und verweist somit an den Landkreis. Wo Lüften nicht möglich sei, unterstütze das Land die Schulträger aber finanziell bei der Anschaffung. jwr

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare