Joachim Keßler verbringt viel Zeit in seinem Garten in Beuern. Nach seiner Nierentransplantation geht es ihm jetzt wieder gut. Damit sein Körper das fremde Organ nicht abstößt, muss er sein Leben lang eine Vielzahl an Medikamenten einnehmen. Und zwar täglich. FOTO: SU
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Joachim Keßler verbringt viel Zeit in seinem Garten in Beuern. Nach seiner Nierentransplantation geht es ihm jetzt wieder gut. Damit sein Körper das fremde Organ nicht abstößt, muss er sein Leben lang eine Vielzahl an Medikamenten einnehmen. Und zwar täglich. FOTO: SU

Organspende

Joachim Keßler lebt mit einer Spenderniere

  • Susanne Riess
    vonSusanne Riess
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Am 1. Mai wurde Joachim Keßler aus Beuern eine Niere transplantiert. Eine absolute Seltenheit ist, dass das Organ zu 100 Prozent zu seinem Körper passt. Keßler spricht vom "Hauptgewinn".

Vor rund zehn Jahren hat Joachim Keßler erfahren, dass er aufgrund einer Diabeteserkrankung an einer Schrumpfniere leidet. "Da wurde mir bewusst, dass meine Nieren irgendwann versagen werden", erinnert sich der 59-Jährige.

Vor dreieinhalb Jahren haben seine Nieren dann kaum mehr selbstständig gearbeitet. Keßler musste fortan dreimal pro Woche für fünf Stunden zur Dialyse. Inklusive Hin- und Rückfahrt von Beuern zum Dialysezentrum in Gießen nahm diese Prozedur etwa sechs Stunden in Anspruch. "Ich habe meine Krankheit angenommen, mich nie großartig beklagt. Denn es gibt Menschen, denen geht es viel schlechter als mir", erzählt Keßler. Seine positive Einstellung zum Leben hat ihm wieder Kraft gegeben. Trotz Dialyse ist er zum Beispiel auf Kreuzfahrt gegangen, hat sich regelmäßig aufs Fahrrad gesetzt oder im Fitnessstudio den Rücken trainiert.

Dennoch hat die Krankheit ihren Tribut gefordert. Seinen Beruf als Koch musste Keßler 2018 aufgeben. "Das war zu anstrengend, das ging einfach nicht mehr."

"Ich hatte tatsächlich gewonnen. Und zwar den Hauptgewinn"

Als klar war, dass seine Nieren irgendwann komplett versagen würden, hat Keßler keine Minute gezögert und sich im Herbst 2017 auf die Warteliste für ein Spenderorgan setzen lassen. "Im Durchschnitt beträgt die Wartezeit für eine Niere acht bis neun Jahre. Das war mir zu diesem Zeitpunkt schon bewusst", sagt Keßler.

Umso überraschter war er, als am 30. April diesen Jahres um die Mittagszeit das Telefon klingelte. "Die Rufnummer wurde nicht angezeigt, und ich dachte, es sei mal wieder einer von diesen Werbeanrufen. Sie wissen schon, ›Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen!‹", sagt Keßler. Dann wird er emotional. "Ich hatte tatsächlich gewonnen. Und zwar den Hauptgewinn."

Niere aus Kroatien

Am Telefon war die Uni-Klinik Gießen, um dem Busecker mitzuteilen, dass eine Spenderniere für ihn bereitstehe. "Ich konnte es einfach nicht glauben!" Eine Stunde später war er bereits im Krankenhaus, am Morgen des 1. Mai erfolgte die Transplantation. Er weiß nur, dass die Niere von einem jungen Menschen stammt, sie wurde aus Kroatien eingeflogen. Eine absolute Seltenheit ist, dass das Organ zu 100 Prozent zu Keßler und seinem Körper passt. "Als wäre dieser Mensch mein Zwilling."

Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Übereinstimmung liege nach Angaben der Ärzte bei 1 zu 850 Millionen. Und so verlief die Operation reibungslos, auch im Anschluss gab es keine Komplikationen. Im Gegenteil: "Ich war fit wie ein Turnschuh, musste nicht intensivmedizinisch betreut werden, und die Niere hat sofort gearbeitet", sagt Keßler. Er weiß, dass er großes Glück gehabt hat. "Das war das Geschenk meines Lebens." Und er ist voller Dankbarkeit. Allerdings: "Es ist schlimm, dass ein junger Mensch sterben muss, damit ich leben kann."

Gedenken an den Verstorbenen

Sofern es irgendwann möglich sei, und die Angehörigen des verstorbenen Spenders nichts dagegen hätten, möchte er Kontakt mit der Familie aufnehmen, um sich persönlich zu bedanken. Bis dahin hat er einen anderen Weg gefunden, mit der Situation umzugehen. "Ich habe mir eine Stelle ausgesucht, an der ich immer ein paar frische Blumen für diesen Menschen ablege."

Das Thema Organspende hat für Keßler verständlicherweise einen großen Platz in seinem Leben eingenommen. "Ich fand das schon immer wichtig, deshalb habe ich vor rund 30 Jahren auch einen Organspendeausweis ausgefüllt. Dass es mich aber mal - und zwar andersherum - treffen würde, hätte ich nie gedacht."

Keßlers Appell ist deutlich: "Es kann jeden treffen, also sollte sich auch jeder einmal damit auseinandersetzen." Auch habe er dafür Verständnis, wenn jemand nach seinem Tod keine Organe oder andere Körperteile spenden möchte. "Hauptsache ist, dass man eine Entscheidung trifft, und diese nicht den Angehörigen überlässt."

Worauf sich der 59-Jährige jetzt besonders freut? Er möchte wieder reisen, und wenn Corona vorbei ist, wieder Konzerte besuchen. Denn die Musik ist seine große Leidenschaft und habe ihm stets Kraft gegeben. Und noch etwas muss er nach Corona dringend erledigen: "Ich werde eine große Party feiern, mich bei allen bedanken, die für mich da waren und mich unterstützt haben." Seinen Geburtstag wird Joachim Keßler künftig auch zweimal im Jahr feiern. Neben dem regulären Datum Anfang April dann auch zusätzlich am 1. Mai.

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