Bei Binzel in Alten-Buseck, hier ein Foto aus der Löterei, werden Azubis und Fachkräfte dringend gesucht. FOTO: ABICOR BINZEL
+
Bei Binzel in Alten-Buseck, hier ein Foto aus der Löterei, werden Azubis und Fachkräfte dringend gesucht. FOTO: ABICOR BINZEL

Schweißtechnik-Weltmarktführer

Interview: Wieso Abicor Binzel aus Buseck sichtbarer werden will

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
    schließen

Die Firma Binzel in Alten-Buseck ist Weltmarktführer im Bereich Schweißtechnik, heimst Preise ein und hat dennoch Nachwuchssorgen. Im Interview äußern sich Jens Schleicher, Sprecher der Geschäftsführung, der kaufmännische Leiter Arndt Rosendahl und Marketingleiter Jan Hasselbaum zur Lösung dieses Problems und den Folgen von Corona.

Wie stark hat die Corona-Krise Binzel bislang wirtschaftlich getroffen?

Jens Schleicher: Abicor Binzel erzielt circa 82 Prozent seines Umsatzes im Ausland. Analog zum Verlauf der Pandemie hat es uns auch wirtschaftlich getroffen: Zuerst in Asien, dann in Europa und derzeit sind die Umsatzeinbußen in Amerika hoch.

Als Global Player sind Sie nun von der Corona-Entwicklung in vielen Ländern abhängig, andererseits lässt sich dadurch vielleicht manches ausgleichen. Ist die Weltmarktstellung zurzeit eher ein Vor- oder ein Nachteil?

Schleicher: Beides. Allein statistisch ist die Wahrscheinlichkeit für Ansteckungen größer, je mehr Mitarbeiter man weltweit beschäftigt. Gleichzeitig hat man aber auch mehrere Standbeine. Wir haben einen weltweiten Logistik- und Produktionsverband. Da ist man voneinander abhängig, weil die einen für die anderen produzieren. Gleichzeitig kann man aber auch die Produktion von einem zum anderen Standort verschieben - zwar nicht von heute auf morgen, aber allein die Möglichkeit war in den vergangenen Monaten ein großer Vorteil.

Sie sprachen eben von Einbußen, nennen Sie doch mal konkrete Zahlen dazu.

Schleicher: Das kommt natürlich auch auf den jeweiligen Markt an. Teilweise gab es Einbrüche bis zu 70 Prozent. Insgesamt verzeichnen wir momentan aber etwa 15 Prozent weniger Umsatz im Vergleich zum Vorjahr.

Und bezogen auf Buseck?

Schleicher: Hier hat es uns etwas stärker getroffen - auch, weil wir hier unsere Fixkosten nicht so schnell senken können, wie in anderen Ländern. Es ist sehr gut, dass wir in Deutschland das Instrument der Kurzarbeit haben, mit dieser Unterstützung können wir größere Verlust abfangen.

Binzel-Geschäftsführung im Interview: Schweißindustrie als Querschnitt

Wie weit geht die coronabedingte Kurzarbeit bei Binzel in Buseck?

Schleicher: Das ist unterschiedlich. Einige Bereiche haben wir deutlich runtergefahren, andere arbeiten nach wie vor 100 Prozent. Wir legen selbst noch etwas auf das Kurzarbeitergeld drauf. Das leisten wir uns noch, müssen aber natürlich die Entwicklung abwarten.

Arndt Rosendahl: Da kann ich etwas genauer werden. Die Kurzarbeitsquote liegt in Buseck bei maximal 40 Prozent, angefangen haben wir mit den Mitarbeitern aus den administrativen Bereichen und dem Vertrieb. Das ist erstaunlich, weil bei der Krise 2008/2009 zuerst die direkten Bereiche wie Produktion oder Logistik betroffen waren. Aber bei Corona war das anders, denn zuerst wurden die Dienstreisen, Serviceeinsätze und Veranstaltungen abgesagt, danach hat erst die Auftragslage nachgelassen.

Nach der Finanzkrise 2008/2009 haben Sie die Stammbelegschaft gehalten. Wird das auch nach der Corona-Krise so sein, soweit es sich abschätzen lässt?

Schleicher: Das ist unser Ziel. Aber es hängt alles vom Faktor Zeit ab: Wann ist ein Impfstoff da? Wann können wir die normale Geschäftstätigkeit wieder aufnehmen? Die Schweißindustrie zeigt hier nämlich einen Querschnitt sämtlicher Industrien.

Wie meinen Sie das?

Schleicher: Wenn Sie sich eine Winterjacke kaufen, wird die auf einer Maschine produziert, die irgendwo geschweißt wurde. Der Mitarbeiter, der sie herstellt, kommt vielleicht mit einem Bus, der geschweißt wurde. Die Jacke wird verpackt in einem Container, der geschweißt wurde, und kommt auf ein Schiff, das auch geschweißt wurde. Das Schweißen betrifft alle Bereiche und wir stellen die Schweißbrenner dafür her. Wenn die Gesamtwirtschaft runtergeht, geht die Nachfrage in der Schweißindustrie und damit der Geschäftserfolg unseres Unternehmens auch nach unten, da haben wir keine Chance.

Geht es zurzeit nur runter?

Schleicher: 18 Prozent unseres Umsatzes kommt aus der Automobilbranche. Dort hatten wir letztes Jahr schon eine Krise, direkt gefolgt von der Industrie-Krise. Und dann kam Corona hinzu. Alle Krisen wirken jetzt gleichzeitig - und Corona ist der Beschleuniger. Aber mittlerweile gibt es auch wieder Lichtstreifen am Horizont, zum Beispiel in China.

Binzel-Geschäftsführung im Interview: "Heute müssen wir uns mehr öffnen"

Lässt man Corona einmal außen vor, dann hat auch Binzel Fachkräftebedarf. Jährlich stellen Sie etwa sieben Auszubildende ein. Als "Hidden Champion" fertigen Sie allerdings Produkte, die zwar überall zum Einsatz kommen, aber kaum bekannt sind. Wie finden Sie Azubis?

Jan Hasselbaum: Wir fragen die Auszubildenden immer, wie sie auf uns gekommen sind. Der ein oder andere sagt: Ich habe die Website gesehen, das war international, das hat mich begeistert. Andere haben uns erst auf der Ausbildungsmesse "Chance" kennengelernt, aber etwa jeder Dritte sagt: Mein Kumpel oder ein Familienmitglied arbeitet hier. Die Mund-zu-Mund-Propaganda ist da viel Wert.

Reicht das, um den Bedarf zu decken?

Rosendahl: Über Jahrzehnte hat es gereicht, jetzt nicht mehr. Wir haben in Buseck etwa 430 Mitarbeiter. In den nächsten zehn Jahren werden uns 160 aus Altersgründen verlassen. Wir haben eine sehr treue Belegschaft. 141 Mitarbeiter sind über 25 Jahre dabei. Wenn wir noch die Fluktuation einrechnen, dann brauchen wir jedes Jahr 20 bis 30 neue Mitarbeiter.

Wann die Jahrgänge der "Baby-Boomer" in Ruhestand gehen, war absehbar. Haben Sie den Bedarf, der auf Sie zukommt, ein Stück weit verschlafen?

Rosendahl: Nein, wir haben das bereits vor einiger Zeit erkannt und gehen seitdem auch neue Wege, um unseren Bekanntheitsgrad zu steigern. Früher mussten wir das nicht, weil wir offene Stellen auch so gut besetzen konnten. Heute müssen wir uns mehr öffnen und in der Region als Arbeitgeber bekannter werden, damit die Leute auch zu uns kommen wollen.

Binzel hat in den letzten Jahren mehrere Preise gewonnen, wurde kürzlich zum "Hessen Champion" gekürt. Dient auch das dem Ziel, neue Mitarbeiter anzulocken?

Schleicher: Wir stellen Schweißbrenner her. Wenn man Autos oder Jacken herstellt, kann man mit seiner Marke überall bekannt werden. Wir sind in Sachen Sichtbarkeit allerdings eher hinten angesiedelt. Wir sind zwar lokal relativ bekannt, aber eben nur relativ. Und so erhöhen wir unsere Sichtbarkeit.

Rosendahl: Seit ein paar Jahren sind wir bei der Ausbildungsmesse "Chance" vertreten - ganz aktuell finden Sie uns auch zum Beispiel auf der virtuellen Ausbildungsmesse der IHK. Zudem haben wir eine Karriereseite mit Bewerberportal auf unserer Website eingereicht und die Ausbildung im Hause Binzel mit einigen Extras attraktiver gestaltet.

Binzel-Geschäftsführung im Interview: "Wir haben die Gunst der Stunde erkannt"

Zum Beispiel?

Rosendahl: Wir haben einen Pizzatag für Auszubildende, jeder bekommt einen Mini-Laptop für seine Arbeit gestellt.

Das allein überzeugt Ausbildungssuchende vermutlich nicht.

Hasselbaum: Nein, neben einer fundierten Ausbildung und der Möglichkeit, innerhalb des Unternehmens groß zu werden und aufzusteigen, geht es auch um Kleinigkeiten wie die Übernahme der Parkgebühren bei Berufsschulen. Wir haben die Gunst der Stunde erkannt und intern einiges auf den Weg gebracht, um Unternehmen und Ausbildung attraktiver zu machen.

Die Gesamtzahl der Auszubildenden geht eher zurück, gleichzeitig werden sie in vielen Firmen händeringend gebraucht. Was gibt aus Ihrer Sicht den Ausschlag bei der Wahl des Ausbildungsbetriebs?

Rosendahl: Es geht um Werte. Natürlich haben wir ein Wertesystem. Wir sind beispielsweise für Umweltmanagement zertifiziert, da geht es um Schulungen für umweltgerechtes Verhalten, aber auch um die Umstellung auf LED, CO2-Einsparungen in der Produktion oder Fotovoltaik auf dem gerade entstehenden Neubau. Da müssen wir noch viel mehr in die Waagschale werfen, weil es den Leuten viel wichtiger als früher ist.

Aber auch Flexibilität ist gefragt.

Rosendahl: Die Work-Life-Balance ist jungen Leuten heute wichtiger. Da haben wir einiges zu bieten, aber wir müssen es auch kundtun. Und die Jobsicherheit ist natürlich für viele auch ein wichtiger Punkt.

Wie gut sehen Sie sich insgesamt im Wettbewerb um Azubis und Fachkräfte gewappnet?

Rosendahl: Wenn wir allein 20 bis 30 neue Fachkräfte pro Jahr brauchen, um den Stand zu halten - und da geht es noch nicht um Wachstum - müssen wir die erstmal erreichen. Da kommen mehrere Probleme zusammen: ländliche Region, viel Bedarf, wenig Nachwuchs durch geburtenschwache Jahrgänge. Deswegen entwickeln wir gerade weitere neue Ideen zur Steigerung der Arbeitgeberattraktivität, und hoffen, unser Unternehmen damit im Wettbewerb um Azubis und Fachkräfte gut aufzustellen. Denn die Mitarbeiter machen am Ende den Unterschied und der Erfolg aus.

Zusatzinfo: Global Player

Die Alexander Binzel Schweißtechnik GmbH & Co. KG beschäftigt unter der Dachmarke Abicor Binzel weltweit über 1200 Mitarbeiter in 38 Ländern. Das Busecker Unternehmen ist seit der Gründung 1945 auf die Entwicklung und Produktion von Schutzgas-Schweiß- und Schneidbrennern spezialisiert. Kürzlich wurde das 75-jährige Firmenjubiläum gefeiert. pm/jwr

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare