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Kleiderfabrik in Großen-Buseck

"Das halbe Dorf hat dort geschafft"

  • vonChristina Jung
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Das Fabrikgebäude im Großen-Busecker Schützenweg hatte diverse Funktionen, bevor Jacob Linden dort 1951 in die Kleiderproduktion einstieg. 2022 sollen auf dem Areal Wohnungen entstehen.

Wer, vorbei am ehemaligen Haus des Großen-Busecker Volkschullehrers Ludwig Jung, den Hof betritt, der blickt auf einen nüchternen 60er-Jahre-Anbau der einem vier Jahrzehnte älteren Fabrikgebäude vorgelagert ist. Daran an schließt sich ein Bungalow, der bis vor einigen Jahren als Wohnung diente. Eingebettet ist all das in einen parkähnlichen Garten mit viel altem, teils gewaltigem Baumbestand. Auf diesem rund 4000 Quadratmeter großen Areal hat der Unternehmer Jacob Linden Mode-Geschichte geschrieben.

In der Aufbruchsstimmung der Nachkriegsjahre eröffnete er mit seiner Frau Ingeborg 1951 eine Kleiderfabrik - ohne finanzielle Mittel, wie sich Tochter Karin Conrad-Linden erinnert. "Aber Bank und Bürgschaft ermöglichten es ihnen, die ersten Nähmaschinen zu kaufen und mit 40 Arbeitskräften zu starten".

Geschäft floriert

Das Geschäft florierte und aus den 40 Frauen wurden mehr. Weit über 100 arbeiteten in den 1950er und 1960er Jahren für den Bekleidungsfabrikanten. Der fertigte vor allem Lohnkonfektionen, später aber auch eigene Kollektionen, die seine Frau entwarf. Eine Zeit lang wurde auch für die Bundeswehr genäht.

Anneliese Hofmann aus Burkhardsfelden erinnert sich noch gut an ihre Zeit bei den Lindens. "Anfangs haben wir viel für den Versandhandel gefertigt", erzählt sie. Auftraggeber waren Häuser wie Klingel, Otto, Neckermann und Kaufhof, später aber auch Firmen wie Betty Barclay oder Basler.

Hofmann fing 1957 im Zuschnitt an, zeichnete ihre Vergrößerungen der Schnitte auf Papier, das dann auf die oberen Stofflagen gebügelt wurde. "Je nach Auftrag und Material haben wir bis zu 60 Stofflagen auf den großen Tischen übereinandergelegt", erzählt die ausgebildete Schneiderin und gelernte Schnitt-Directrice. Große Teile wurden mit dem Stoßmesser geschnitten, kleine wie Kragen, Besatz oder Passen mit dem Bandmesser, bevor sie - natürlich sortiert- in die Näherei kamen,

1000 Kleidungsstücke am Tag

Dort saßen die Frauen an drei Bändern und nähten, je nach Zuständigkeit und Kleidungsstück, Nähte, Säume, Ärmel, Reißverschlüsse und so weiter. Eben bis das bestellte Teil fertig war. "Jeder Handgriff musste sitzen", erinnert sich Gisela Schinzel, denn die nächste Näherin wartete bereits. Die Großen-Buseckerin, die in dem Betrieb wie viele andere zur Konfektionsschneiderin ausgebildet wurde, arbeitete bis zum Schluss für Jacob Linden.

Bis zu 1000 Kleidungsstücke wurden in der Fabrik laut Anneliese Hofmann täglich gefertigt. Wie viel Stoff sie und ihre Kolleginnen dafür verarbeiteten, kann die 81-Jährige heute nicht mehr sagen. "Ballenweise haben wir den geschleppt", erzählt sie. Eines aber weiß Hofmann ganz genau: "Die Kleiderfabrik war ein Segen für Buseck. Das halbe Dorf hat dort geschafft".

Und nicht nur das, auch aus den Nachbarorten kamen die Frauen nach Großen-Buseck oder nähten in Heimarbeit für Jacob Linden. Alles, was in der Fabrik nicht machbar war, wurde von einem Fahrer an die Arbeitskräfte zu Hause ausgeliefert und später wieder abgeholt, so Karin Conrad-Linden, die mit ihrer vier Jahre jüngeren Schwester Barbara quasi im Unternehmen aufwuchs. "Wir expandierten so sehr, dass in den 1960ern der Anbau im vorderen Bereich entstand und mein Vater Zweigbetriebe in Gladenbach und Marburg eröffnete", so Conrad-Linden.

Tolles Betriebsklima

In unmittelbarer Nähe der Fabrik groß zu werden, bezeichnet sie als großartig. Zum einen natürlich wegen der vielen Kleider, zum anderen wegen der Nähe zu den Eltern. "Die waren immer greifbar", so die Unternehmer-Tochter, die ihren Vater bis zum Schluss in der Geschäftsführung unterstützte.

Das Betriebsklima in der Kleiderfabrik bezeichnen viele einstige "Lindener" als sehr gut. Mitunter besteht bis heute Kontakt. Denn mit ihren Mitarbeitern pflegte die Unternehmerfamilie ein sehr gutes Verhältnis. "Wir hatten immer ein offenes Ohr für ihre Belange", so Conrad-Linden, die seit 1974 in Wuppertal lebt. Noch im März 2013 hat es ein großes Ehemaligen-Treffen gegeben. Über 60 frühere Angestellte trafen sich mit der damals noch lebenden Seniorchefin und ihren Töchtern im Kulturzentrum.

Aus Altersgründen hatte Jacob Linden den Betrieb Anfang der 1970er Jahre an einen Pächter abgegeben, der die Kleiderproduktion fortführte, aber ein paar Jahre später nicht mehr liquide war. Anschließend vermieteten die Lindens die Räumlichkeiten, zuletzt an die Firma Spea, die 2005 nach Steinbach umzog. Seitdem stand die frühere Mode-Produktionsstätte leer.

Wohnen auf dem Gelände

Doch in Zukunft soll auf dem Gelände wieder Leben einkehren. Architekt André Schmitt (Planungsgesellschaft Schmitt und Kollegen, Gießen) und Bauunternehmer Kay-Achim Becker (Beuern) haben das Areal im vergangenen Jahr gekauft. Sie wollen den Anbau aufstocken und in dem Gebäudekomplex barrierefreie Wohnungen schaffen.

Weitere Apartments könnten in einem Neubau auf dem weitläufigen Freigelände entstehen, auf dem die Lindens durch stete Bepflanzung über Jahre hinweg quasi einen kleinen Park geschaffen haben. Der Bungalow, und damit die frühere Wohnung der Fabrikanten, der ursprünglich als Lager konzipiert und genutzt worden war, wird abgerissen. Zwar sei das Projekt noch nicht beplant, Schmitt rechnet aber mit dem Beginn der Umsetzung in 2022, wie er im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung sagt.

Feldküche und Kaffeerösterei

Wenn es soweit ist, wird die Fabrik bereits 100 Jahre das Ortsbild und die Geschichte vieler Menschen geprägt haben. Gebaut wurde sie 1922 von den Brüdern Ferdinand und Meier Löb aus Gießen als Lackfabrik, die jedoch vier Jahre später Konkurs anmeldeten. Die Großen-Busecker werden dankbar gewesen sein, denn laut eines Schreibens der Bürgermeisterei vom 23. Januar 1926 hatte es zahlreiche Beschwerden über den Betrieb gegeben. Vor allem "bei Südwestwind und drückender Luft" breiteten sich seinerzeit offenbar "üble Gerüche" über dem Dorf aus.

1931 kaufte die Firma Rinn und Cloos aus Heuchelheim die Gebäude und richtete dort, wie vielerorts in der Region, eine Zigarrenproduktionsfiliale ein, die bis 1939 betrieben wurde. Nach Kriegsende hatten die in Großen-Buseck stationierten Amerikaner, deren Zelte am Ortsrand standen, zunächst ihre Feldküche in der Fabrik untergebracht, bevor die Gießener Kaufmannsfamilie Schlüter dort eine Kafferösterei eröffnete.

Vielleicht denkt der eine oder andere künftige Bewohner an eben diesen Duft, wenn er aus einem der oberen Apartments seinen Blick über das Dorf oder zum Gleiberg hin schweifen lässt.

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