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Das außerhalb gelegene Haus.

Ein Notfall in der Winternacht

  • vonPatrick Dehnhardt
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Die Lage an den Krankenhäusern ist derzeit angespannt. Einige sprechen gar von einem Desaster. Blickt man jedoch nur wenige Jahrzehnte zurück, dann sieht man, welch großen medizinischen Fortschritt es seitdem gegeben hat - und das viele Menschen damals mit dem glücklich gewesen wären, was heute als Desaster bezeichnet wird.

Werner Häckl aus Buseck schildert uns in einem Leserbrief solch ein Ereignis. Es war das Jahr 1956. Die Familie lebte außenliegend auf halber Strecke zwischen Alten-Buseck und Wieseck - wie auf dem Foto zu sehen. Nächster Nachbar waren die 500 Meter entfernten Lokale »Ludwigsburg« und »Waldfrieden«. »Meine Eltern hatten weder Telefon noch Auto oder Motorrad«, schreibt er. Einziges technisches Gerät im Haus war ein Radio.

Die Mutter war schwanger. Am 20. Januar setzten überraschend die Wehen ein, mitten in einer stürmischen Nacht, zudem viel zu früh. Wie nun Hilfe holen?

Der Familienvater stieg aufs Rad, schlug sich zu den nächsten Nachbarn durch. Doch dort schien das nächtliche Klopfen niemand zu hören. »So musste er mit dem Fahrrad noch einmal zwei Kilometer weiter, bis weit nach Wieseck hinein, wo unser Hausarzt Dr. Haas wohnte«, schreibt Häckl. Der Arzt wurde rausgeklingelt. Sofort alarmierte dieser einen Krankenwagen, eilte dann mit seinem Auto zu der Gebärenden. Er kam gerade noch rechtzeitig, um den Jungen auf die Welt zu bringen.

Doch es sah schlecht aus: Karl war viel zu früh zur Welt gekommen. »Mein Großvater mütterlicherseits« nahm als gläubiger Katholik die Nottaufe vor«, schreibt Hackl. Dies war in solch einer Ausnahmesituation erlaubt. Das Kind wurde notdürftig in Decken gewickelt, dann noch ein großes Stück zum wartenden Krankenwagen getragen.

»Leide ist mein Bruder nach drei Tagen, am 23. Januar 1956, im Krankenhaus verstorben«, schreibt Häckl. »Auch weil die medizinischen Möglichkeiten zur Lebensrettung von Frühgeborenen noch recht eingeschränkt waren.«

Heute hätte das Kind deutlich bessere Chancen gehabt. In Zeiten von Handy und Internet ist der Rettungsdienst leicht zu alarmieren und bereits nach wenigen Minuten vor Ort. Das ist doch etwas, wofür man dankbar sein sollte. Damals wie heute kann die medizinische Versorgung an ihre Grenzen stoßen. Insgesamt haben sich die Möglichkeiten jedoch deutlich verbessert.

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