Bürgermeister Dirk Haas in seinem Büro im Busecker Schloss, wo er gern weitere sechs Jahre verbringen würde. FOTO: JWR
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Bürgermeister Dirk Haas in seinem Büro im Busecker Schloss, wo er gern weitere sechs Jahre verbringen würde. FOTO: JWR

Interview

Busecks Bürgermeister Dirk Haas: "Vielleicht bin ich zu hemdsärmelig"

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Dirk Haas (SPD) will 2021 wiedergewählt werden. Im Interview spricht er über die Rücktritte aus dem Gemeindevorstand, Erfolge im Kleinen und eigene Fehler bei einem umstrittenen Pilotprojekt.

Herr Haas, die Rücktritte von vier Beigeordneten sorgen für Diskussionen, die Gerüchte sprießen. Hintergrund war eine Personalentscheidung über einen Mitarbeiter, der sich strafbar verhalten haben soll, aber lediglich intern versetzt wurde. Viele fragen sich, worum genau es geht. Können Sie das weiter aufklären?

Nein. Es gibt an dieser Stelle eine Verschwiegenheitspflicht, daran werde ich mich halten. Da geht es auch um meine Mitarbeitenden insgesamt.

Aber es geht um einen Vorgang in der öffentlichen Verwaltung. Können Sie nachvollziehen, dass die Busecker dazu mehr wissen wollen?

Natürlich kann ich nachvollziehen, dass das Interesse seitens der Bevölkerung groß ist und man genau wissen möchte, was der Mitarbeiter getan hat. Wenn es woanders passiert wäre, würde ich das womöglich auch wissen wollen. Aber es ist ein laufendes Verfahren. Wenn es um die Bestrafung geht, haben wir damit nichts zu tun. Es liegt bei der Polizei und wird dort behandelt.

Die CDU hat bereits angekündigt, das Thema im Parlament aufzugreifen.

Das ist rechtlich klar geregelt: Personalangelegenheiten sind Sache des Gemeindevorstands, das gehört nicht ins Parlament.

Also wollen Sie auch dort keine weiteren Informationen dazu geben?

Nein.

Im Gemeindevorstand gab es keine Mehrheit dafür, den Vertrag mit dem Mitarbeiter aufzuheben. Wie beurteilen Sie das im Rückblick?

Das Verfahren ist im Gemeindevorstand ordnungsgemäß abgelaufen. Die Rücktritte sechs Wochen später sind aus meiner Sicht schwer nachvollziehbar. Aber ich kann nachvollziehen, dass Leute Probleme mit einer Entscheidung haben und dann aus Gewissensgründen zurücktreten.

Zurzeit sind nur fünf von neun Plätzen im Gemeindevorstand besetzt, alle von der SPD. Wie geht es weiter?

Ich gehe davon aus, dass die Plätze in den nächsten Tagen nachbesetzt werden. Wenn nicht, wäre das aus demokratischer Sicht äußerst bedenklich.

Busecker Bürgermeister im Interview: Freibad ist noch immer zu

Sie wurden vor fünf Jahren gewählt. In einem Interview mit dieser Zeitung haben Sie beklagt, dass der Ton in Debatten immer rauer werde. Warum wollen Sie sich das trotzdem noch mal antun?

Ich habe damals vor der Wahl gesagt: Wenn die Bürger möchten, dass ich eine zweite Amtszeit mache und mich wählen, dann würde ich das auch gern tun. Natürlich stehe ich dazu. Es gab immer mal Momente, wo man denkt: Es ist unangenehm. Aber ich konnte auch vieles für die Busecker Bürger auf den Weg bringen - das spornt an, weiterzumachen. Die Anfeindungen sind im Verhältnis zu dem, was man erreichen kann, noch klar in der Unterzahl.

Was hat Sie gegenüber Ihren Erwartungen vor Amtsantritt am meisten überrascht?

Dass manche Sachen viel schneller gingen, als ich gedacht habe - und andere viel länger dauern, als ich gedacht habe.

Haben Sie dafür jeweils ein Beispiel?

Was viel länger gedauert hat und noch nicht einmal ansatzweise umgesetzt ist, ist die Frage des Freibads in Großen-Buseck. Ein Thema, das die Bürger sehr bewegt, da wäre ich gern schon während meiner ersten Amtszeit ins Wasser gesprungen. Schneller ging zum Beispiel die Sicherstellung des Edeka-Standorts. Da wurde vorher jahrelang debattiert und dann konnte doch relativ schnell ein Weg gefunden werden, der jetzt auch beschritten wird.

Die SPD hat schon mal rosigere Zeiten erlebt. Hat die Situation der Partei bei Ihrer Entscheidung für die erneute Kandidatur eine Rolle gespielt?

Nein. Ich unterscheide auch immer möglichst strikt zwischen der Position des Bürgermeisters, wo Parteipolitik eigentlich keine Rolle spielt, und meiner Position in der SPD-Kreistagsfraktion. Auf der kommunalen Ebene sind die Sachfragen im Vordergrund. Natürlich hat ein Sozialdemokrat vielleicht einen anderen Ansatz, wenn es um soziale Themen geht, das mag sein. Ich bin sicher kein Marktradikaler. Andererseits komme ich aus der Wirtschaft und weiß, wie man ein Unternehmen führt. Das hilft auch im Amt des Bürgermeisters. Das Parteipolitische und das Bürgermeisteramt sind sauber zu trennen, das funktioniert eigentlich auch.

Trotzdem hatte Parteipolitik in Buseck zuletzt merklichen Einfluss. Die Koalition aus SPD und CDU ist 2018 zerbrochen. Inwiefern hat das Ihre Arbeit verändert?

Ich habe keine Mehrheit mehr, sondern muss mit Argumenten für Mehrheiten kämpfen. Leider ist das nicht immer ganz einfach. Das ist eine Frage von Kommunikation, von Senden und Empfangen. Gerade im Vorfeld der Kommunalwahl wird es immer schwieriger, Konsens herzustellen. Aber wenn man sich die Gesamtheit der Parlamentsentscheidungen in den letzten fünf Jahren anschaut, dann ist der allergrößte Teil gemeinschaftlich abgestimmt worden.

Busecker Bürgermeister im Interview: "Welchen Fehler ich gemacht habe - ich weiß es nicht"

Zuletzt gab es etliche gemeinsame Anträge von FW und CDU, die zusammen eine Mehrheit haben. Bei Themen wie dem Freibad oder dem Schul-/Kita-Neubau in Alten-Buseck waren Ihre Pläne so nicht mehrheitsfähig.

Das muss ich einschränken: Das Thema Freibad ist noch in der Diskussion und auch bisher nicht abgelehnt worden.

Dann bleibt immer noch das Thema Schul- und Kita-Neubau. Waren Sie da angesichts der Mehrheitsverhältnisse zu stur?

Ich habe, bevor ich damit ins Parlament gegangen bin und bevor ich es der SPD vorgestellt habe, mit den anderen beiden größeren Fraktionen gesprochen. Es war dann später schon erstaunlich, wie sich die Meinung dazu mehrfach verändert hat. Die Ablehnungsgründe waren ja vielfältig. Und wenn man einen entkräften konnte, wurde der nächste vorgetragen.

Im Ergebnis hatten Sie jedenfalls keine Mehrheit. Sehen Sie da auch eigene Fehler?

Wo ich da einen Fehler gemacht habe, welchen Fehler ich gemacht habe - ich weiß es nicht. Vielleicht hätte man es mit einer anderen Person hingekriegt. Aber auch FW und CDU waren dazu anfangs sehr positiv eingestellt. Dann gab es eine gewisse Breite an Bürgern in der Nachbarschaft, die das nicht haben wollten, Es ist dann an verschiedenen Punkten zumindest bisher gescheitert.

Aber ein Versäumnis bei sich sehen Sie da nicht?

Ich bin auch selbstkritisch. Natürlich habe ich da irgendwas falsch gemacht. Ich weíß zwar nicht so genau, was. Aber wenn es geklappt hätte, hätte ich alles richtig gemacht. Wenn es also nicht geklappt hat, habe ich irgendetwas falsch gemacht. Vielleicht bin ich auch zu hemdsärmelig.

Wie meinen Sie das?

Vielleicht bin ich manchmal zu schnell mit Themen und müsste die Leute mehr mitnehmen - das kann schon sein und wird mir öfters mal vorgeworfen. Andererseits: Wenn man nicht vorwärts geht, geht es auch nicht vorwärts.

Welche Projekte würden Sie bislang als erfolgreich verbuchen?

Es sind viele kleine Sachen.

Dann nennen Sie doch mal welche.

Sachen, die vielen Leuten nicht auffallen, zum Beispiel ein Handlauf am Kulturzentrum, damit die Senioren bei "Musik im Park" sicher an ihren Sitzplatz kommen. Und da sind wir schon beim nächsten Punkt: "Musik im Park" ist natürlich ein Erfolgsrezept. Wir haben den Fernradweg R7 asphaltiert, was sich gerade in diesem Sommer ungeheuer bewährt hat. In den Kitas haben wir Standards eingezogen - sowohl pädagogisch als auch im Bereich Ernährung und Gesundheit. Seit langem brach lagen auch die Vereinsförder-Richtlinie und der Sportstätten-Entwicklungsplan. Da kämpfen jetzt die Sportvereine miteinander um Ziele, nicht gegeneinander. Ein toller Prozess.

Welche Themen würden Sie im Rückblick anders, vielleicht besser angehen?

Sie haben ja schon zwei genannt: Das mit dem Freibad nagt an mir, und die Kita-/Grundschul-Geschichte auch. Und zwar nicht wegen mir - mir könnte es ja egal sein, meine Kinder sind groß. Mir geht es um die kleinen Würmchen in der Schule, die jetzt in einen Container müssen.

Das ist keine schöne Perspektive, eigentlich wollten das alle vermeiden.

Ja, aber wir arbeiten daran. Ich bin auch jemand, der nicht aufhört. Ich bin ausdauernd, überlege mir dann andere Konzepte, wie ich mit dem Landkreis vielleicht einen guten Weg finde, damit unsere Kinder die Möglichkeit haben, gut beschult zu werden.

Busecker Bürgermeister im Interview: "Ich brauche keine Lagerhallen für Toilettenpapier"

Welche Themen wollen Sie vor der Wahl herausstellen?

Natürlich will ich das Schwimmbad immer noch aufmachen - auch wenn es Leute im Ort gibt, die sagen: Der will nur, dass es neben seinem Haus gut aussieht, damit er das Haus teuer verkaufen kann. Aber das ist sicher nicht der Grund. Dann natürlich die Frage der Gewerbeansiedlung. Wir haben jetzt Flächen in der Entwicklung. Die müssen so vermarktet werden, dass es Arbeitsplätze und Gewerbesteuer schafft. Ich brauche keine Lagerhallen für Toilettenpapier, sondern da muss sich auch ein bisschen was bewegen.

CDU und FW gehen mit Michael Ranft als Kandidat ins Rennen. Wie gut kennen Sie ihn?

Ich kannte ihn bisher nur als Rechtsanwalt, ansonsten gar nicht. Er hat sich vor einigen Wochen bei "Musik im Park" bei mir vorgestellt. Netter Kerl, umgänglich. Er geht jetzt natürlich auch bei meinen Ortsbegehungen immer mit.

Hat es Sie überrascht, dass die Konkurrenz niemanden aufgestellt hat, der in Buseck lebt?

Nein.

Warum sollten die Busecker Sie nochmal wählen?

Ich sage mal so: Ich bin zufrieden, wenn die Leute, die mit meiner Arbeit zufrieden sind, mich wählen und ich meine Arbeit fortsetzen kann. Wenn es nicht reicht, bin ich Demokrat - dann ist es auch gut.

Wie optimistisch sind Sie, dass es reichen wird?

Da ist man unter seiner eigenen Käseglocke gefangen. Die Leute, die mich mögen, sind um mich herum. Die, die mich nicht leiden können, sind nicht um mich herum. Ich weiß nicht, wie viele Leute außerhalb der Käseglocke sind und wie viele darunter. Da ich mit meiner Arbeit selbst zu 80 Prozent zufrieden bin, könnte ich mir aber vorstellen, dass auch eine Mehrheit der Bürger mit mir und meiner Arbeit zufrieden ist.

In der kommenden Woche folgt ein Gespräch mit Herausforderer Michael Ranft.

Zur Person: Dirk Haas

Der 58-Jährige ist seit 2016 Bürgermeister in Buseck und bewirbt sich im kommenden Jahr erneut um das Amt. Ein Wahltermin steht noch nicht fest.

Zuvor war Haas Geschäftsführer der Veranstaltungstechnik-Firma AEM in Gießen. Der verheiratete Familienvater ist in Fernwald-Steinbach aufgewachsen und wohnt seit 1991 in Großen-Buseck.

Haas sitzt auch im Kreistag. Seit Februar ist er gemeinsam mit Sabine Scheele-Brenne Co-Vorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion. jwr

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