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Im Großen-Busecker Schlosspark lief im April vergangenen Jahres eine Geburtstagsfeier völlig aus dem Ruder. FOTO: KME

Ohne Kontrolle

Schüsse und Tritte bei Party: Im April 2019 eskaliert ein Streit in Großen-Buseck völlig

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Zwei nicht eingeladene Gäste ziehen auf einer Party Schreckschusswaffen. Wie schnell ein Streit unter Jugendlichen eskalieren kann, zeigt ein Fall aus Großen-Buseck.

Buseck - Wo liegen die Grenzen zwischen jugendlichem Leichtsinn und einer Straftat? Was geht noch als nicht ahndungswürdige Prügelei durch und was als Körperverletzung? Diese Fragen beschäftigten am gestrigen Dienstag das Jugendschöffengericht in Gießen. Angeklagt waren fünf junge Männer aus dem Landkreis - zwei dem Gesetz nach Heranwachsende und drei Jugendliche.

Ausgangspunkt der Anklage war der Abend des 20. April 2019. Ein Freitag. Einer der Angeklagten feierte in dieser Nacht seinen 18. Geburtstag im Großen-Busecker Schlosspark. Er lud eine handvoll Freunde ein, darunter die anderen vier Angeklagten. Dabei sei reichlich Alkohol geflossen, so die übereinstimmenden Aussagen der fünf jungen Männer.

Die Stimmung war ausgelassen. Dies änderte sich erst, als zwei weitere junge Männer, die gestern als Zeugen aussagten, bei der Feier aufschlugen. Sie waren nicht nur uneingeladen, sondern auch unerwünscht. Schon in der Vergangenheit habe es zwischen ihnen und einem Teil der Angeklagten Differenzen gegeben. Die ungebetenen Gäste wurden laut den Angeklagten mehrmals aufgefordert zu gehen, ohne Erfolg. Die Situation schaukelte sich hoch, einer der beiden Eindringlinge holte zum Schlag gegen einen der Angeklagten aus, der wiederum drückte eine Zigaretten in dessen Gesicht aus.

Buseck: 18. Geburtstag artet aus

Dann sei alles sehr schnell gegangen. Die beiden Überraschungsgäste hätten plötzlich Schreckschusspistolen gezogen und damit nicht nur in die Luft, sondern auch auf die Angeklagten geschossen. Einen davon trafen sie dabei am Arm. "Ich hatte Angst", sagte der Getroffene bei der Verhandlung, "ich wollte nicht, dass sie das noch mal versuchen". Er habe also aus Notwehr gehandelt, als er auf die Schützen losging. Demnach wollten er und drei der weiteren Angeklagten die beiden Unruhestifter lediglich außer Gefecht setzen.

Diese flohen in zwei unterschiedliche Richtungen. Die Angeklagten nahmen die Verfolgung auf. Einer der Unruhestifter fand Zuflucht in einem nahe gelegenen Döner-Imbiss. "Wir zerstören deine Familie und machen dein Leben kaputt", habe einer der Angeklagten drohend vor verschlossener Tür gerufen.

Der andere ungebetene Gast kam nicht nur mit Drohungen davon. Er wurde von seinen Verfolgern erwischt, zu Boden gezerrt und getreten. Dabei soll einer der Angeklagten auf seinen Kopf "eingestampft" haben. "Ich hatte Angst, totgeprügelt zu werden", sagte er.

Wie ist also eine solche Tat zu werten? Während einer der Verteidiger von einer "normalen Jugendkeilerei" sprach, machte Staatsanwältin Angelika van Delden deutlich, dass bei einer solchen Tat die Grenze überschritten sei. "Sind Sie sich bewusst, dass Sie damit jemanden töten können?", fragte sie jenen Angeklagten, der nach Zeugenaussage gegen den Kopf getreten hatte. "Auch keine gezogenen Waffen erklären eine solche Tat", fügte Richterin Maddalena Fouladfar hinzu. Es ging bei der Hetzjagd, den Drohungen und Tritten nicht um Selbstverteidigung, das wurde während der Verhandlung schnell klar. Auch Verteidiger wie Angeklagte gestanden das ein. "Es ging um Rache, eine Lektion", formulierte es einer der Anwälte.

Buseck: Wie stehen die Verfolgten heute zu den Angeklagten?

Für Staatsanwältin und Richterin war gegen Ende vor allem eine Frage an die Zeugen wichtig: Wie stehen die Verfolgten heute zu den Angeklagten? Angst hätten beide nicht mehr, auch wolle keiner der Anwesenden länger böses Blut. Stattdessen gab es gar versöhnliche Worte und Gesten vor Gericht. Zumindest einer der Angeklagten entschuldigte sich per Handschlag.

Dass an dem Abend keiner nachweislich bleibende Schäden erlitt, spielte sicher in das Urteil rein. So ist es bezeichnend, dass ausgerechnet der Angeklagte, der lediglich die Drohung vor dem Dönerladen ausgesprochen hatte, die höchste Strafe bekam. Das wiederum liegt an seinen nicht unerheblichen Vorstrafen. Zur Tatzeit war er nur auf Bewährung frei. Richterin Fouladfar verurteilte ihn daher zu einer Jugendstrafe, die sie für zwei Jahre auf Bewährung aussetzte. Die beiden Treter müssen mehrere Einheiten Antigewalttraining absolvieren.

Die Verfahren gegen die beiden anderen Angeklagten, unter anderem das Geburtstagskind, wurden schon im Laufe der Verhandlung eingestellt. "Ich sehe hier keine Verbrechervisagen", sagte Richterin Fouladfar abschließend, "ich glaube, Sie sind im Grunde nette Kerle".

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