Mit der Kliefmaschine von 1968: Bernd und Sigrid Lohwasser in ihrer Backstube in Großen-Buseck.
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Mit der Kliefmaschine von 1968: Bernd und Sigrid Lohwasser in ihrer Backstube in Großen-Buseck.

»Das Ende naht«

Kreis Gießen: Tradition endet nach über 50 Jahren - Beliebte Bäckerei schließt

  • vonLena Karber
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Zum Jahresende hin schließt die Bäckerei Lohwasser, die Buseck und Umgebung seit 1968 mit frischen Backwaren versorgt. Es ist das Aus einer der letzten kleinen Bäckereien im Kreis Gießen

Buseck – Die Kliefmaschine in der Backstube verrichtet immer noch zuverlässig ihren Dienst. Seit der Eröffnung der Bäckerei Lohwasser in Großen-Buseck im Jahr 1968 kommt sie zum Einsatz, um den Teig für die Brötchen vorzuportionieren. Doch bald ist damit Schluss: Nach 52 Jahren schließt derb Traditionsbetrieb in der Wiesenstraße zum Jahresende seine Pforten. »Das Ende naht«, sagt Bernd Lohwasser. »Ich zähle die Tage.«

Traditionsbäckerei in Buseck schließt: »Es reicht einfach. Es ist ein harter Job«

Eigentlich hatten er und seine Frau Sigrid erwartet, dass sich die Nachricht der Schließung, die seit der Unterzeichnung des Pachtvertrags Anfang Oktober aus dem Sack ist, schneller herumspricht - schließlich sei Buseck in dieser Hinsicht ein Dorf. Doch noch immer kämen viele Kunden und fragten, ob an dem Gerücht etwas dran sei. Vermutlich, weil wegen Corona weniger alte Menschen unterwegs seien, sagt Sigrid Lohwasser. Die 60-Jährige ist froh, die Nachfragen bejahen zu können. »Es reicht einfach. Es ist ein harter Job«, sagt sie und blickt ihren Mann an. Der stimmt ihr zu. »Aber auch ein schöner«, ergänzt er.

Mehr als fünf Jahrzehnte lang hat die Familie das Busecker Land mit Backwaren versorgt - die Geschichte des Betriebs reicht sogar noch weiter zurück. »Die Bäckerei Lohwasser gibt es schon seit 150 Jahren«, erzählt Bernd Lohwasser, der Bäcker in der dritten Generation ist. Sein Großvater Josef, ein Vertriebener aus dem Sudetenland, hatte die Familientradition in Karlsbad begründet.

Sein Sohn Helmut führte sie mit Gattin Gertrud fort: Nach Pachtverträgen im Taunus und in Nieder-Ohmen, bauten die Lohwassers 1968 in Großen-Buseck, dem Heimatort von Gertrud Lohwasser, ein eigenes Wohn- und Geschäftshaus. 1992 übernahm Sohn Bernd, der zwölf Jahre bei der Bundeswehr gewesen war.

Bäckerei Lohwasser in Großen-Buseck macht dicht: Brötchen wird es weiterhin geben

Wenn auch die Geschichte des Familienbetriebs endet, im Laden wird es weiterhin frische Brötchen geben. Die Geschäftsräume werden an die Bäckerei Künkel verpachtet - ein Schritt, den mancher Kunde kritisch sieht. Die Lohwassers können die Vorbehalte gegenüber Bäcker-Ketten nicht verstehen. »Das ist keine Industrie, das ist einfach nur eine größere Handwerksbäckerei«, betont Bernd Lohwasser, der sich die Backstube des Pächters in Langgöns genau angeschaut hat. »Die machen das Brot genauso wie ich.«

Klar, hätte er die Bäckerei gerne an einen jungen Meister übergeben. Doch obwohl die Chancen für kleine Läden mittlerweile wieder sehr gut stünden, sei es schwierig, jemanden zu finden, der diesen Job machen will. So hat auch Sohn Christian eine andere Berufswahl getroffen. Bernd und Sigrid Lohwasser können die Gründe nachvollziehen. Als Bäcker eine Frau zu finden, die diese Arbeit mittrage, sei heutzutage fast unmöglich. »Die Frau müsste man wohl backen«, sagt Sigrid Lohwasser und lacht.

Bernd Lohwasser hatte Glück: Er fand eine solche Frau. »Wir beide haben seit 30 Jahren sieben Tage die Woche gearbeitet«, sagt er. Hinzu kämen die besonderen Arbeitszeiten: Selbst an Familienfeiern habe man kaum teilnehmen können, erzählen die Lohwassers. Schließlich mache die Bäckerei mittlerweile bereits um halb sechs auf. »Mein Tag dauert von vier Uhr morgens bis sieben Uhr abends«, so Sigrid Lohwasser.

Bäckerei Lohwasser in Buseck schließt: Sehr große Arbeitsbelastung

Bei ihrem Mann komme noch die Belastung durch wechselnde Arbeitszeiten hinzu. Unter der Woche steht er ab 1 Uhr, sonntags und montags ab 3 Uhr und freitags ab 20 Uhr in der Backstube. »An den Freitag habe ich mich nie gewöhnt«, sagt Lohwasser. Oft sei es ihm nicht gelungen, zu schlafen, so dass er am Ende 48 Stunden auf den Beinen war. Seinem Hausarzt habe der unregelmäßige Rhythmus überhaupt nicht gefallen, berichtet der 62-Jährige. Dann grinst er. »Aber nachts in der Backstube ging es mir immer gut.«

Trotzdem - letztlich waren es gesundheitliche Gründe, die in Kombination mit dem Alter, der hohen Arbeitsbelastung und dem Wunsch nach mehr Lebensqualität zu der Entscheidung führten. Und ein bisschen Zufall: »Hätte mir vor einem Jahr jemand gesagt, dass ich in diesem Jahr im Dezember schließe, hätte ich gesagt, er ist verrückt«, sagt Bernd Lohwasser. Doch dann sei im Sommer ein Angebot hereingeflattert. Das habe sich zwar zerschlagen - »aber die Idee hatte sich in meinem Kopf festgesetzt«.

Lohwasser ist sich sicher: Für die Back-Maschinen geht es noch weiter

Also kontaktierte Lohwasser drei Bäckereien - und alle waren interessiert. Der Busecker entschied sich für die Bäckerei Klünkel, die alle Mitarbeiter übernimmt, die es möchten. Das sei ihm wichtig gewesen, sagt der Rentner in spe, insbesondere mit Blick auf Mitarbeiter wie Harald Koblizek, der bereits seit Januar 1998 und damit am längsten bei ihm arbeitet. »Das hätte ich sonst mit meinem Gewissen nicht vereinbaren können.«

Die Gerätschaften in der Backstube, die zu einem Hobbyraum umfunktioniert werden soll, werden vermutlich keine neue Arbeit finden - mit Ausnahme der Kliefmaschine. »Die hat damals 3000 Mark gekostet, heute kostet so ein Gerät 27 000 Euro«, sagt Lohwasser. Er ist sich sicher: Für sie geht es noch weiter. (Lena Karber)

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