"Gas langsam kommen lassen...": Auf dem Verkehrsübungsplatz in Oppenrod holten sich Fahranfänger vor allem als Ergänzung zum Fahrschulunterricht Routine beim Anfahren am Berg, beim Einparken und bei Wendemanövern. FOTOS: IK/PRIVAT, ARCHIV VERKEHRSWACHT GIESSEN
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"Gas langsam kommen lassen...": Auf dem Verkehrsübungsplatz in Oppenrod holten sich Fahranfänger vor allem als Ergänzung zum Fahrschulunterricht Routine beim Anfahren am Berg, beim Einparken und bei Wendemanövern. FOTOS: IK/PRIVAT, ARCHIV VERKEHRSWACHT GIESSEN

Verlorener Ort

Anfahren am Rahberg: Der ehemalige Verkehrsübungsplatz Oppenrod

  • Gabriele Krämer
    vonGabriele Krämer
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Früher konnten Jugendliche hier vor dem Führerscheinerwerb das Autofahren üben. Seit 1994 ist der Verkehrsübungsplatz Geschichte.

Ein Führerschein geht richtig ins Geld - die Kosten für Fahrschulstunden können sich ordentlich summieren. Damit das eigene Budget nicht überstrapaziert werden muss, verschlägt es Fahranfänger mitsamt Autos von guten Freunden oder Verwandten heutzutage zu Übungszwecken bisweilen auf betonierte Feldwege oder auf menschenleere Parkplätze von Einkaufszentren - sie sollten sich allerdings nicht erwischen lassen: Wer üben möchte, darf das ohne Führerschein nur auf privatem Gelände tun.

Eine legale Möglichkeit, sich vor der nächsten Fahrschulstunde oder der alles entscheidenden Prüfung die nötige Routine hinter dem Steuer anzueignen, gab es bis in die Neunzigerjahre in Oppenrod. Oberhalb der Ortslage, am Rahberg, war auf dem "Hessischen Verkehrsübungsplatz" reichlich Gelegenheit für vorsichtige Fahrübungen fernab der rauen Verkehrswirklichkeit. Von den ersten zaghaften Versuchen hinter dem Steuer vor dieser besonderen Kulisse auf immerhin rund 1,8 Kilometern Verkehrsfläche kann noch heute so mancher Fahranfänger von einst erzählen.

Option auf Verlängerung stand nicht im Vertrag

Als Trägerin des Platzes hatte die Verkehrswacht Gießen 1962 einen Pachtvertrag mit der damals selbstständigen Gemeinde Oppenrod geschlossen, zwei Jahre später wurde der Platz eingeweiht. Rund eine halbe Million Mark waren bis dahin investiert worden.

An eine mögliche Kündigung hatte damals allerdings kein Mensch auch nur eine Sekunde gedacht; in den Pachtvertrag mit einer Laufzeit von 30 Jahren waren keinerlei Verlängerungsklauseln aufgenommen worden - warum auch? Die Gemeinde war froh, den Platz innerhalb ihrer Grenzen zu beherbergen. "Wir waren stolz darauf, dass es so etwas ausgerechnet bei uns in Oppenrod gibt", schildern Alteingesessene ihre Erinnerung an die damals einzige Einrichtung ihrer Art in Mittelhessen.

Ein wahrer Run auf die Anlage war in den Anfangsjahren zu verzeichnen: "Mit fünf Mark sind sie dabei", so das geflügelte Wort. Über 7000 Fahranfänger pro Jahr machten sich gegen eine überschaubaren Obolus mit dem Einparken, dem Anfahren am Berg, mit Aquaplaning, Verkehrszeichen, Brems-, Kupplungs- und Gaspedal vertraut.

Zuletzt waren es etwa 3000 Benutzer im Jahr. Nicht alle Fahrübungen aber verliefen glimpflich - so gab es auf der mit Unmengen von Reifen abgesicherten Strecke auch den einen oder anderen Unfall, der bei einer erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 40 Kilometern pro Stunde vergleichsweise glimpflich verlief.

Ein Oppenröder Original

Platzwart der ersten Stunde war Karl Haas aus Oppenrod. "Dieser Mann war ein Original. Er saß in seinem winzig kleinen Häuschen, in dem es so gut wie alles zu kaufen gab: Gummibärchen, Lutscher, Cola - ›gefühlt‹ war dort immer geöffnet, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche", berichtet eine Oppenröder Endfünfzigerin gegenüber dieser Zeitung aus ihrer Kindheit. Jener Karl Haas, der "Schneirer-Bäcker", sei eine Institution im Dorf gewesen. Nach vielen Jahren übernahmen Haas’ Tochter Ernie und deren Ehemann die Platzwart-Aufgabe. Ab 1989 betreute dann Beatrice Freitag, die Pächterin des benachbarten Hotels, den Verkehrsübungsplatz.

Schon 1973 war das Gelände von der Verkehrswacht um einen Bereich für das Sicherheitstraining erweitert worden. Pro Jahr wurden rund 100 Lehrgänge auf der Anlage in Oppenrod verzeichnet. Auf dem Areal haben Generationen von Autofahrern den Umgang auf vier Rädern gelernt oder an ihm gefeilt. Es kamen Anfänger und Profis: Chauffeure von Politikern und Top-Managern aus der Industrie, Vertreter von Arzneimittelfirmen, Polizeibeamte und Feuerwehrleute gehörten zur Kundschaft. Alles Geschichte.

Gemeinde verlängerte den Pachtvertrag nicht

Vor dem Hintergrund, dass das Areal hoch über Oppenrod die Entwicklungsmöglichkeiten des Dorfes einschränkte, hatte die Gemeinde den Pachtvertrag nicht mehr verlängert. An der Nordostseite des Platzes plante man ein Baugebiet. Die Gemeinde bot der Verkehrswacht an, eine neue Anlage an anderer Stelle in der Großgemeinde zu erstellen, was allerdings an den Finanzen scheitern musste: Rund vier Millionen Mark wären aufzubringen gewesen.

So blieb der Verkehrswacht nur noch der Rückbau des Verkehrsübungsplatzes. Die Bundeswehr sorgte für den Abtransport von rund 60 Tonnen Reifen, die an den Übungsstrecken zur Absicherung gedient hatten. "Letzter Akt" war die Entsiegelung von 1,8 Kilometern Straße. In den Folgejahren war das Areal wiederholt Schauplatz für das Sonnwendfeuer im Juni.

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