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Wer spät dran ist, muss draußen bleiben: Etwa 550 Besucher kommen bei der Bürgerversammlung zum Logistikzentrum an der Langsdorfer Höhe schwer ins Schwitzen.

Logistikzentrum

Verbaler Schlagabtausch um geplantes Logistikzentrum in Lich

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Befürworter und Gegner des Logistikzentrums in Lich haben sich in einer Bürgerversammlung einen verbalen Schlagabtausch geliefert. Erneut wurde die Forderung nach einem Bürgerbegehren laut.

Um zehn vor acht am Mittwochabend musste die Stadtpolizei einschreiten. Zu diesem Zeitpunkt war die Volkshalle in Langsdorf mit rund 550 Besuchern schon so überfüllt, dass weitere Zuschauer nicht eingelassen wurden. Sie mussten der Bürgerversammlung zum Logistikzentrum an der Langsdorfer Höhe von draußen lauschen. Vielleicht war das letztlich der angenehmere Platz, denn im Saal ging es heiß her, wegen der Temperaturen und auch sonst.

Im Streit um den geplanten Bau einer rund 200 mal 400 Meter großen und 19 Meter hohen Halle an der Hungener Straße stehen sich zwei Lager gegenüber: Auf der einen Seite Vertreter aus Kommunalpolitik und Verwaltung, die seit vielen Jahren versuchen, die mit Schulden belasteten Gewerbeflächen zu vermarkten und das Projekt der Dietz AG mitsamt den erwarteten etwa 500 Arbeitsplätzen vor Jahresfrist als "Glücksfall für die Stadt" feierten.

Auf der anderen Seite die Akteure verschiedener Bürgerinitiativen, die den Bau der "Monsterhalle" und das damit verbundenen Verkehrsaufkommen für eine Katastrophe halten. Und dazwischen die Bürger, die die Vor- und Nachteile des Projekts gegen einander abwägen wollen und sich von der Bürgerversammlung sachliche Informationen erhofften. Stadtverordnetenvorsteher Hans-Ludwig Ensle hatte drei Referenten eingeladen. Neben Bürgermeister Bernd Klein saßen Mathias Wolf vom Planungsbüro Holger Fischer (Linden) und der Verkehrsexperte Tobias Franke vom Büro R+T (Darmstadt) auf dem Podium.

Die Lage ist einigermaßen verzwickt. "Die Langsdorfer Höhe hängt der Stadt wie ein Klotz am Bein", sagt der Bürgermeister mit Verweis auf die lange Historie dieser Fläche und die 2,1 Millionen Euro Schulden, die die Stadt hier seit Jahren hat. Darüber hinaus hat sie in Erwartung des Logistikzentrums für 2,33 Millionen Euro weitere Flächen aufgekauft, so dass dieses geplante Industriegebiet die Stadtkasse aktuell mit 4,43 Millionen Euro belastet. Mit dem Logistikzentrum der Dietz AG ließen sich die städtischen Schulden auf 1,17 Millionen Euro reduzieren. Wollte die Stadt hingegen die Flächen in Eigenregie erschließen, müsste sie über 14 Millionen Euro in die Hand nehmen. Kleins Schlussfolgerung: "Es geht nur mit einem Großinvestor."

Im Mai 2018 hatte diese Zeitung erstmals von den Plänen eines privaten Investors an der Langsdorfer Höhe berichtet, einen Monat später beschloss die Stadtverordnetenversammlung die Offenlage des Bebauungsplanentwurfs. Seither hat sich viel geändert. Jetzt sollen auf der 20 Hektar großen Fläche nicht mehr fünf Hallen gebaut werden, sondern ein einziger Klotz. Planer Wolf findet diese Variante aus städtebaulicher Sicht sogar verträglicher: weil die Fassade von der Hungener Straße aus weniger massiv wirke und weil im geänderten Bebauungsplan die Eingrünung optimiert wurde. Ausgleich, Artenschutz und Belange des Denkmalschutzes seien mit den Fachbehörden abgeklärt, berichtete Wolf. Zudem schaffe der Bebauungsplan Baurecht für einen Kreisel an der Einfahrt zur B 457. Laut Tobias Franke wird sich die Lage an diesem stark belasteten Knotenpunkt trotz zusätzlichen Verkehrs deutlich verbessern.

Dass die Fahrzeugbewegungen durch den Bau des Logistikzentrum erheblich ansteigen werden, bestritt Franke nicht. "Ein Lkw alle 27 Sekunden" haben die Kritiker für die nachmittägliche Spitzenstunde errechnet. "Stimmt", kommentierte der Planer, der sich in seinem Gutachten auf die Situation rund um die Hungener Straße beschränkt hat. Aussagen zu den anderen Abfahrten an der B 457 - Richtung Laubach und Richtung Gießener Straße - konnte er also nicht treffen. An diesem Punkt setzten die meisten Kritiker an. Sie befürchten permanente Rückstaus, neue Unfallschwerpunkte und zusätzlichen Schwerverkehr in der Innenstadt durch jene Lkw, deren Weg übers Gambacher Kreuz führt. Auch andere Fragen blieben am Mittwoch offen, etwa die zum erwarteten Gewerbesteueraufkommen. In anderen Punkten gab es kurz und bündig Auskunft, zum Beispiel, ob die Stadt die Folgekosten für den Kreisel an der B 457 tragen müsse: "Nein, das macht Hessen Mobil", sagt der Bürgermeister

Grundlegende Kritik entzündete sich an der Informationspolitik der Stadt. "Diese Versammlung hätte früher stattfinden müssen, dann hätte es viele Spekulationen nicht gegeben", musste sich der Stadtverordnetenvorsteher vorwerfen. Der verteidigte sich: Als sich der Bedarf abzeichnete, habe er sofort reagiert. Doch in den vergangenen Monaten sei in all den öffentlichen Sitzungen, in denen die Stadtverordneten über die Langsdorfer Höhe beraten haben, nie ein Mensch aufgestanden und habe gesagt: "Stopp. Ich will das nicht."

Eine Forderung wurde gleich mehrfach laut: "Warum fragt man nicht die Bürger, was ihnen lieber ist? Das Logistikzentrum oder mehr als vier Millionen Euro Schulden?" Einen Weg dafür schlug der Grünen-Stadtverordnete Dr. Thomas Krauskopf vor. Das Stadtparlament könnte den anstehenden Satzungsbeschluss für den Bebauungsplan ablehnen, das Bauleitplanverfahren neu aufnehmen und dann von sich aus einen Bürgerentscheid herbeiführen. Ob das ein gangbarer Weg wäre, wollte Krauskopf von Ensle wissen. Antwort: "Das müssen Sie den Bauausschuss und die Stadtverordnetenversammlung fragen."

Podiumsdiskussion- Am Sonntag, dem 1. September, laden die Gießener Allgemeine Zeitung und das Licher Wochenblatt zu einer Podiumsdiskussion zur Bürgermeisterwahl ein. Beginn ist um 11 Uhr im Bürgerpark (bei schlechtem Wetter in der Feuerwehrhalle nebenan). Die Langsdorfer Höhe soll bei dieser Veranstaltung ein, aber beileibe nicht das einzige Thema sein. Die Besucher haben die Gelegenheit, Fragen an Peter Blasini (parteilos), Christian Knoll (CDU) und Dr. Julien Neubert (SPD) zu stellen.

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