Anne Dietz, die Leiterin der Hungener Stadtbibliothek (hinten), und ihre Kollegin Petra Fink haben die Organisationsstrukturen der Bücherei an die Corona-Regeln angepasst. FOTO: US
+
Anne Dietz, die Leiterin der Hungener Stadtbibliothek (hinten), und ihre Kollegin Petra Fink haben die Organisationsstrukturen der Bücherei an die Corona-Regeln angepasst. FOTO: US

Im Gießener Land

Büchereien stellen Lesestoff unter Quarantäne

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
    schließen

Corona hat auch die öffentlichen Bibliotheken ausgebremst. Seit der Wiedereröffnung nach dem Lockdown läuft nichts ohne Maske, Abstand, Desinfektion. Bücher müssen nach Rückgabe in Quarantäne.

Corona hat auch die öffentlichen Bibliotheken ausgebremst. Seit der Wiedereröffnung nach dem Lockdown läuft nichts ohne Maske, Abstand, Desinfektion. Und überall müssen die Bücher nach der Rückgabe in Quarantäne.

Momentaufnahme in Hungen

Anne Dietz wird sich in den kommenden Monaten warm anziehen müssen. Seit die Hungener Stadtbibliothek nach dem Lockdown Ende April wieder öffnete, sitzt deren Leiterin nicht wie früher hinterm Tresen, sondern draußen vor der Tür im zugigen Foyer des Kulturzentrums. Vor ihr stapeln sich große Pappkisten, in denen die zurückgegebenen Bücher gesammelt werden. Links von ihr steht ein Spender mit Desinfektionsmittel. "Hier kommt keiner rein, ohne sich die Hände zu desinfizieren", sagt sie entschieden.

Rückläufe drei Tage nicht anfassen

Die Corona-Krise bedeutete auch für die Büchereien im Landkreis Gießen eine Zäsur. Mehrere Wochen lang waren sie geschlossen. Seit sie wieder öffnen dürften, sind wie überall Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten. Und die gelten nicht nur für Mitarbeiter und Nutzer, sondern auch für die zurückgegebenen Bücher. "Die gehen in Quarantäne", erläutert Dietz.

Drei Tage lang sollen sie nicht angefasst werden, so laute die Empfehlung der Hessischen Fachstelle für Öffentliche Bibliotheken. In Hungen kein Problem. Die Stadtbücherei ist wie gewohnt mittwochs, donnerstags und freitags geöffnet, die Rückläufer bleiben dann jeweils bis zur Folgewoche in den Bananenkisten liegen. Erst dann werden sie rückgebucht, mit einem speziellen Desinfektionsmittel für Bucheinbände abgewischt und wieder in die Regale eingeordnet.

Besuch in Pohlheim nur mit Termin

Die Reinigung der Bücher ist hier übrigens keine spezielle Hygieneregel wegen Corona. "Darauf hat schon Frau Pleyer Wert gelegt, sagt Dietz mit Verweis auf ihre Vorgängerin, die die Bücherei aufgebaut hat. "Für uns bedeutet es also keinen Mehraufwand."

In aller Ruhe in den Buchbeständen stöbern und sich mit Lesestoff in ein gemütliches Eckchen zurückziehen: Was viele Bibliotheksbesucher sonst so schätzen, ist momentan nicht möglich. Überall sind Maske und Desinfektion Pflicht, überall sind die Besucherzahlen begrenzt. In Pohlheim hat sich das dreiköpfige Team um Bücherei-Leiterin Sabine Müller entschieden, Termine für den Besuch zu vergeben.

Nutzerzahlen leicht rückläufig

"Wir haben nicht so viel Fläche", begründet Müller diesen Schritt. "In Stoßzeiten ballen sich die Besucher, das mussten wir unterbinden." Anfangs hätten einige Nutzer die Stirn gerunzelt. Aber mittlerweile werde die Terminvergabe, die anfangs nur telefonisch und inzwischen auch online möglich ist, gut akzeptiert. "Wir machen den Lesern alles möglich. Wir wollen ja, dass sie kommen." Deswegen habe man auch die gewohnten Öffnungszeiten beibehalten.

Etwas zurück gegangen seien die Nutzerzahlen aber schon. Über die Gründe kann Müller nur mutmaßen. Vorsicht spiele sicher eine Rolle. Vielleicht aber auch die mehrwöchige Schließung während des Lockdowns. "Wenn man eine Weile nicht da war, kann es schon sein, dass man den Draht verliert."

Mütter leihen Lesestoff für Kinder aus

Auch in Hungen hat Anne Dietz seit Beginn der Corona-Krise einige Stammkunden nicht mehr zu Gesicht bekommen. "Auf der anderen Seite haben wir seit Mai 48 Neuanmeldungen", sagt sie. "Das ist auch nicht weniger als sonst."

Ihre Pohlheimer Kollegin würde sich sehr freuen, wenn alle Nutzer wieder kämen, besonders auch die Kinder. Momentan sei es häufiger so, dass die Mütter den Lesestoff alleine besorgen. Auf die Aktualität des Angebots habe sich die Corona-Krise jedenfalls nicht negativ ausgewirkt. "Unser Etat ist nicht gekürzt worden", berichtet Müller. "Wir können im gewohnten Maße neue Bücher anbieten."

Vorerst kein Bücherflohmarkt

Gleiches berichtet Anne Dietz für die Stadtbücherei in Hungen und auch für die Bibliothek in Lich, die sie ebenfalls betreut. Veranstaltungen allerdings waren in beiden Städten lange Zeit gestrichen. Für die in Hungen so beliebten Bücherflohmärkte gilt das weiterhin. "Das lässt sich nicht händeln. Wir nehmen momentan auch keine Bücher dafür an", sagt Anne Dietz. Pech für alle, die den Lockdown genutzt haben, daheim mal richtig auszumisten. Auch Lesungen mussten abgesagt werden.

Leckerbissen für Krimifreunde

Immerhin: In Hungen will man im Zuge des Krimifestivals Ende Oktober erstmals wieder eine Veranstaltung organisieren. Nicht wie gewohnt im überschaubaren Kultursaal, sondern in der viel größeren Stadthalle. "Das wird ein ganz anderes Ambiente", weiß Dietz. Das scheint nicht zu stören: Die Veranstaltung mit dem Schauspieler Roland Jankowsky, dem Kriminaloberkommissar aus der Serie "Wilsberg", ist bereits ausverkauft. Auch in Lich wagt man sich wieder an Publikumsveranstaltungen.

Seit September hat Dr Peter Ihring, der 2. Vorsitzende des Bibliothek-Fördervereins, seine Literaturgespräche wieder aufgenommen. Am 13. Oktober will er "Marzahn mon amour" von Katja Oskamp, am 10. November "Herzfaden" von Thomas Hettche präsentieren. Um die Abstandsregeln muss man sich beim Bibliotheksförderverein keine Gedanken machen. Sollte es im Foyer zu eng werden, steht als Ausweichquartier nebenan im Rathaus der Sitzungssaal zur Verfügung. Dort ist auf alle Fälle genug Platz.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare