Die Skizze aus 1894 zeigt den Hochbehälter im Diebsturm als wesentlichem Bestandteil der zentralen Wasserversorgung.
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Die Skizze aus 1894 zeigt den Hochbehälter im Diebsturm als wesentlichem Bestandteil der zentralen Wasserversorgung.

Brücke zur Vergangenheit

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Nach Ulm, Fritzlar, Bautzen, Augsburg und Budapest folgte 1419 schon das kleine Grünberg. Als fünfte Stadt im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation nannte man eine Wasserkunst sein Eigen. Fortan förderte eine wasserradgetriebene Kolbenpumpe frisches Quellwasser aus dem Brunnental hinauf in die Stadt. Eine erstaunliche Leistung. Zum 600-jährigen Jubiläum gewährt eine Ausstellung interessante Einblicke.

Die Grundlagen für die sogenannte Wasserkunst wurden am 26. November 1419 mit der Unterzeichnung des Vertrags zwischen der Stadt Grünberg und Heinrich von Hatzfeld geschaffen. Der Domherr aus Fritzlar gab die Arbeiten in Auftrag, finanzierte sie vermutlich vor (siehe auch "Im Wortlaut").

Auf den Tag 600 Jahre später öffnete am Dienstag eine Ausstellung im Rathaus ihre Pforten. Konzipiert wurde sie vom Verkehrsverein in Person von Harald Sellner und Ekart Rittmannsperger sowie dem städtischen Touristikbüro. Den Besucher erwarten nicht nur Zeugnisse dieser frühen technischen Meisterleistung, werden doch auch die folgenden Modernisierungsschritte der Wasserversorgung bis zur jüngeren Vergangenheit dokumentiert.

Dass "Grimmich" so früh eine Wasserkunst sein Eigen nannte, darauf dürfe die Stadt zu Recht stolz sein, begann Ekart Rittmannsperger seinen Einführungsvortrag. Der Heimatkundler ist zweiter Vorsitzender des Verkehrsvereins 1896 Grünberg, dessen Arbeitskreis Brunnental sich dieses Kapitels der Stadtgeschichte angenommen hat.

Selten, schickte Rittmannsperger voraus, hätten damals Beteiligte schriftliche Nachweise oder Konstruktionszeichnungen über die Baumaßnahmen hinterlassen. Doch neben dem Vertrag mit besagtem Hatzfeld sollte ein wertvoller Fund die Annahmen belegen: Wasserröhren aus Eichenholz, in den 1950er Jahren in der Borngasse gesichert, wurden 2018 dendrochronologisch untersucht. Ergebnis: Eine der Röhren stammte aus dem Jahre 1418/19 und passte somit exakt zum Baudatum des ersten Pumpwerks. Mit diesem wurde zunächst nur der Marktbrunnen versorgt.

Womit der Referent auf die Lebensbedingungen in Grünberg um 1419 zu sprechen kam. Die waren "alles andere als rosig. 1349/50 hatte die große Pestwelle nahezu 50 Prozent der Bevölkerung ausgelöscht, die zwei großen Brände 1370 und 1391 den größten Teil der Altstadt vernichtet. Bedeutende Familien starben aus oder wanderten ab, die verbliebenen verwalteten den wirtschaftlichen Mangel.

Umso erstaunlicher sei es da gewesen, dass es dank familiärer Verbindungen zu den Vorreitern in Fritzlar gelang, eine technische Innovation wie die Wasserkunst zu verwirklichen. Nicht zuletzt ein Fortschritt aus hygienischer Sicht: In den Jahrhunderten zuvor hatten sich Mensch und Tier aus zehn bis zwölf Tiefbrunnen (Sicker- statt frischem Quellwasser) und den Oberflächengewässern im Burg- und Löbergraben und an der Höfetränke bedient. Für den Brei - "den gab’s moins, mittachs und awends" - sei das Wasser wenigstens gekocht worden, getrunken wurde Leichtbier und verdünnter Wein. Was gesundheitliche Gefährdungen weitestgehend ausgeschlossen habe. Die gesündere Alternative, das frische Quellwasser aus dem Brunnental, musste selbst zu Fuß, mit Lasttieren oder bezahlten Wasserträgern geholt werden.

Veröffentlichungen geplant

Mit dem neuen Pumpwerk aber hatte diese mühsame Arbeit ein Ende. Die Leistung der ersten Pumpe reichte aus, um den Röhrenbrunnen am Marktplatz dauernd und das Brauhaus, den Kumpf beim Antoniterkloster und die Badestube zu bestimmten Zeiten zu versorgen. Rittmansperger: "Wasser zum Baden gab es nur alle 14 Tage." Die Leitung ins Brunnenhaus am Winterplatz hatte freilich gerade mal den Durchmesser eines Gartenschlauchs. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Wasserkunst verbessert, denn die Bevölkerung als auch die Handwerker in den Zünften wuchsen zahlenmäßig und benötigten mehr Wasser. Die letzte große Modernisierung erfolgte 1895: Seither hat Grünberg eine zentrale Wasserversorgung mit Hausanschlüssen.

Rittmannsperger vergaß nicht, die "Vorarbeiten" der Altvorderen - Carl Glaser, der Heimatkundliche Arbeitskreis und Walther Bender - zu würdigen. Diesen wie auch dem heutigen Arbeitskreis "Brunnental" hätten es die Grünberger zu verdanken, dass für die Stadtgeschichte wichtige Informationen nicht verloren gegangen seien und aktualisiert würden; wozu auch 2020 anstehende Veröffentlichungen von Arnulf Kuster sowie Harald Sellner und Ekart Rittmannsperger gehörten.

Erster Stadtrat Thomas Kreuder dankte allen Beteiligten. Aus anstehenden Maßnahmen zur Wasserkunst im Brunnental - Ausstellungen in Maschinenhaus und Stadtmühle, die zum Erlebnis- und Info-Zentrum werden - erwartet er eine immense Aufwertung des Kleinods. Dass damit "eine fast einzigartige Brücke zwischen Vergangenheit, Zukunft und letztlich Naturschutz geschlagen wird", erwartete wiederum Rittmannsperger.

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