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Austausch von Erinnerungen und Lebensgeschichten: Der Reiskirchener Wolfgang Holtrup (l.) und sein Bruder Manfred Benecke sehen sich zum ersten Mal.

Nach verzweifelter Suche

Wie ein Reiskirchener mit 77 Jahren seinen Bruder das erste Mal getroffen hat 

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Wolfgang Holtrup aus Reiskirchen ist 77 Jahre alt, leidet unter einer Krebserkrankung - und hat vor wenigen Tagen ein unverhofftes Glück erlebt: Er hat zum ersten Mal seinen Bruder getroffen.

Freudentränen fließen. Wolfgang Holtrup steht in einem Kaffeehaus im bayerischen Kaufbeuren und umarmt einen fremden - und doch so vertrauten Menschen. Es ist ein unverhoffter Moment für den 77 Jahre alten Mann. Der Reiskirchener ist schwer krebskrank. "Dass ich nicht mehr geheilt werde, ist mir klar", sagt er. Hier aber, in diesem Café an einem Morgen im September herzt er seinen Bruder Manfred, den er vorher noch nie in seinem Leben gesehen hat. Sie schauen sich danach die Königsschlösser bei Füssen an. Als sie sich dann zum Abschied sekundenlang in den Armen liegen, lauscht Holtrup, wie das Herz seines Bruders pocht. "Es ist, als würden wir uns ewig kennen", sagt er. Wieder laufen den beiden die Freudentränen herunter.

Austausch von Erinnerungen und Lebensgeschichten: Der Reiskirchener Wolfgang Holtrup (l.) und sein Bruder Manfred Benecke sehen sich zum ersten Mal.

Eine Erinnerung des Reiskircheners aus der Kindheit erwacht: Mit 14 findet er einmal zu Hause bei seiner Mutter einen Brief. "Meine liebe Mutti", heißt es darin. Die Zeilen enden mit: "Dein Sohn Manfred". Holtrup erzählt: Er habe damals gefragt, wer denn dieser Manfred sei. "Meine Mutter hat mir den Brief aber aus der Hand gerissen. Sie wollte nicht darüber sprechen." Holtrup seufzt. Er habe danach nicht wieder Fragen zu dem Brief gestellt. "Ich habe mal den Gedanken gefasst, nachzuforschen." Dann aber seien die Arbeit und andere Dinge dazwischengekommen. Irgendwann sei der Brief in Vergessenheit geraten.

Geschwister verzweifelt gesucht

Heute weiß Holtrup: Manfred ist sein Halbbruder, ein uneheliches Kind der gemeinsamen Mutter. Die Umstände der Schwangerschaft und der Geburt kennt keiner mehr in der Familie,.

Holtrup ist im bayerischen Schongau aufgewachsen. Seine Mutter, erzählt er, sei in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg öfter in ihre Heimat nach Köthen in Sachsen-Anhalt gereist, wegen des Tauschs von Möbeln. "Dort hat sie dann wohl einen Mann kennengelernt und ein Kind bekommen." Sie verschwieg es daheim. Manfred, der Halbbruder Holtrups, kam 1946 nach seiner Geburt bei Pflegeeltern in Peißenberg in Bayern unter. Die leibliche Mutter allerdings blieb dessen Vormund, gemeinsam mit dem Jugendamt.

Manfred Behnecke wohnt heute in einer kleinen Wohnung in der Altstadt Kaufbeurens, mit einem Papagei und einer Katze. Der 73 Jahre alte Rentner hat als Bergmann gearbeitet. Wie bei seinem Bruder aus Reiskirchen erwachen auch bei ihm alte Erinnerungen aus der Kindheit. Zu Weihnachten, erzählt er, habe er von seiner leiblichen Mutter Päckchen mit Süßigkeiten bekommen. Es hätte ihn durchaus verbittern können, dass er sie nie kennengelernt hat. Doch in seiner Stimme liegt heute vor allem Freude. "Dass ich das noch erleben darf", sagt er nach dem Treffen mit seinem Bruder. "Es macht mich unendlich glücklich."

Gefunden nach all den Jahren

Benecke hat sein Leben lang verzweifelt nach seiner Mutter und seinen Geschwistern gesucht. Doch er wusste so gut wie nichts über sie. Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Einmal, Mitte der 60er Jahre, witterte er eine Chance, Kontakt zur Mutter knüpfen zu können. Mit 18 ließ er sich für volljährig erklären, damals war man das eigentlich erst mit 21. Er benötigte die Unterschrift seines Vormunds - also des Jugendamts und seiner leiblichen Mutter. Sie unterzeichnete das Papier. Doch sie meldete sich nicht bei ihm.

Er habe bei seinen Recherchen vieles versucht, sagt Benecke. Er habe den Weißen Ring um Hilfe gebeten. Auch an eine Fernsehsendung wollte er sich wenden. Als besonders schwierig aber erwies sich die Recherche, weil er kaum Anhaltspunkte hatte. Außerdem lebten seine Schwester und sein Bruder - der später in Reiskirchen landete - sowie die Mutter inzwischen in der DDR, hinter dem Eisernen Vorhang.

"Ohne die Wende hätten wir uns nicht getroffen"

Wenige Wochen ist es nun her, als bei Benecke in Kaufbeuren das Telefon klingelt, es ist seine Tochter. "Setz dich besser hin", rät sie ihm. "Es gibt sehr schöne Nachrichten." Sie habe über Facebook eine unglaubliche Nachricht erhalten. Ein Mann, der nach seinem Onkel sucht, habe sie angeschrieben. Es handelt sich um Ray Zillie-Bielß - ein Sohn der gemeinsamen Schwester von Holtrup und Benecke. Seit mehreren Jahren hat dieser die Ahnengeschichte seiner Familie erforscht und in den sozialen Netzwerken gesucht. In seiner Facebook-Nachricht erzählt er von seiner Mutter Sigrid, die in der Nähe Dresdens lebt - und deren Bruder Wolfgang Holtrup in Reiskirchen. Die Vornamen seiner Geschwister kannte Benecke. Und auch weitere Daten stimmten. Er wusste sofort: Nach all den Jahren hatte er endlich seine Schwester und seinen Bruder gefunden.

"Ohne die Wende und die Öffnung der Mauer hätten wir uns nicht getroffen", sagt Holtrup, der an einem runden Tisch in seinem Wohnzimmer in Reiskirchen sitzt. Hinter ihm ticken mehrere alte Uhren. Er ist ein ruhiger, besonnener Mann, der allerdings auch schon mehrere Kämpfe ausgefochten hat. 1988 hat er mit seiner Frau die DDR verlassen. "Mich hat es verrückt gemacht, dass man seine Meinung nicht sagen konnte." Er habe zwar "alles gehabt", sagt er. "Zwei Garagen, eine schöne Wohnung." Doch es habe ihm gereicht. "Ich wollte frei sein."

1985 stellte er einen Ausreiseantrag - woraufhin der gelernte Schlosser im Edelstahlwerk Freital seine Lohnstufe und den Job als Lehrausbilder verlor. 1988 wurde der Ausreiseantrag für ihn und seine Frau genehmigt, etwas später holte Holtrup seine jüngere Tochter über Ungarn in den Westen.

"Mir haben die Beine gezittert"

Eine kuriose Anekdote: Nachdem Holtrup und seine Frau das Auffanglager verlassen hatten, wohnten sie für 14 Tage in Kaufbeuren - wo auch sein ihm damals noch unbekannter Bruder lebte. Gleich spielen sich Szenen vor dem inneren Auge ab. Sind die Brüder womöglich einmal in der Stadt aneinander vorbeigelaufen? Holtrup zog damals dann allerdings nach Atzenhain und schließlich nach Reiskirchen, wo er mit seiner Frau seit mehr als 30 Jahren lebt.

Plötzlich hat sich nun für den Reiskirchener - Vater zweier Töchter - die Familie vergrößert, als er im September seinen Bruder in die Arme schloss. Benecke hat einen Sohn und zwei Töchter. Holtrup und Benecke telefonieren derzeit regelmäßig.

"Ich hatte ein gemischtes Gefühl, als ich nach Kaufbeuren gefahren bin", berichtet Holtrup. Aufgewühlt und nervös kam er abends im Hotel an. Am nächsten Morgen stand er seinem Bruder gegenüber. "Mir haben die Beine gezittert", sagt er. "Das Herz hat geschlagen. Es war unbeschreiblich."

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