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Beim Brexit-Referendum im Juni 2016 durfte der in Buseck lebende Schotte John Wyllie nicht abstimmen. "Weil ich länger als zehn Jahre außerhalb von Großbritannien lebe", erklärt er. (Symbolfoto: dpa)

Wie der Brexit einen Busecker trifft

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Welche Auswirkungen der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union auf Menschen im Kreis Gießen haben kann, verdeutlicht das Beispiel von John Wyllie. Der in Buseck lebende Schotte fürchtet, bei einem ungeregelten Brexit einen Teil seiner Rente zu verlieren.

In der Ruhe liegt John Wyllies Kraft. Den 62-Jährigen aus Buseck kann so leicht nichts aus der Fassung bringen. Dass die Glasgow Rangers, für die sein Herz schlägt, vor wenigen Jahren eine Zeitlang in der dritten schottischen Liga dümpelten, nahm er mit Gelassenheit hin. Und dass er fürchtet, einen Teil seine Rente zu verlieren, versetzt den Schotten ebenfalls nicht in Aufregung. "Es ist ein bisschen blöd", sagt er. "Meinen Schlaf verliere ich deswegen nicht."

Wyllie stammt aus Sorbie, einem 100-Seelen-Dorf im Grünen, 150 Kilometer südlich von Glasgow gelegen. "Eine ländliche Gegend, ähnlich wie der Vogelsberg", sagt Wyllie. In den Nachrichten verfolgt er derzeit aufmerksam, was nach dem Brexit-Referendum in seiner Heimat passiert. Wobei, widerspricht er: "Verfolgen ist übertrieben. Derzeit bewegt sich in der Sache ja nicht viel."

Der Schotte aus Buseck glaubt, dass ihn ein harter, ungeregelter Brexit treffen könnte. Es geht um fünf Berufsjahre in Schottland in den 70er und 80er Jahren. In Prestwick war der Bauingenieur an der Fertigstellung einer Halle beteiligt, in der Flugzeuge überholt werden. In einem Büro in Glasgow plante er außerdem Schulgebäude. Wird ihm diese Zeit für die Rente angerechnet, wenn Großbritannien zum 31. Oktober ohne Vertragsabschluss aus der EU ausscheidet? Wyllie räumt ein, dass es sich nur um fünf eines 45 Jahre langen Arbeitslebens handelt. "Wir würden es ohne Probleme überleben", sagt er. Zudem hat die Bundesregierung ein Gesetz verabschiedet, das Rentner im Fall eines ungeregelten Brexits absichern soll. "Am Ende ist vielleicht alles okay", sagt Wyllie. Dennoch: Der Fall zeigt, dass das Ergebnis des Referendums in Großbritannien auch Auswirkungen auf Menschen hier im Kreis haben kann.

Der schottische Busecker war im Juni 2016 übrigens nicht berechtigt, über den Verbleib oder den Austritt Großbritanniens aus der EU abzustimmen. "Weil ich länger als zehn Jahre außerhalb von Großbritannien lebe." Darüber ärgere er sich durchaus. "Wir sind doch die ersten, die betroffen sind."

Bei der Abstimmung im Juni 2016 hätten viele nicht gewusst, was der Brexit mit all seinen Konsequenzen bedeutet, bedauert Wyllie. Kommt er auf Boris Johnson zu sprechen, der möglicherweise der nächste Premierminister Großbritanniens wird, schüttelt der Busecker den Kopf. "Er beantwortet die Fragen nicht einmal." Bekanntlich habe Johnson mit 19 Jahren Kokain konsumiert. "Machmal denkt man, dass er immer noch Drogen nimmt."

Das einzige politische Votum, an dem Wyllie in den vergangenen Jahren teilnehmen durfte, war die Europawahl Ende Mai. Für die Briten eine eigentlich sinnlose Wahl - haben sie sich doch bereits für einen Austritt aus der Union entschieden. "Ich habe die Grünen gewählt", sagt der Schotte.

Eine kleine europäische Geschichte hat Wyllie auch schon selbst geschrieben - durch die Gründung einer deutsch-schottischen Familie. Er war 16, als mit einer Austauschschülerin aus Marburg die Funken flogen. "Renate und ich waren bei einem Rugby-Länderspiel", erzählt er. Schottland gegen England in Edinburgh. Auf der Busreise zum Spiel verliebten sie sich.

Das Paar zog 1982 nach Deutschland. Die Auswanderung war eine 24 Stunden lange Reise per Zug. Ab Nordrhein-Westfalen, erinnert sich Wyllie, wurde es im Zug immer lauter und feucht-fröhlicher. "Es war Rosenmontag. Von Köln an haben wir es gemerkt", erzählt er schmunzelnd.

Drei Kinder und fünf Enkel zählen heute zur Familie. Der 62-Jährige hält fest: "Ich bin Schotte. Und ich bleibe immer Schotte. Aber ich fühle mich auch als Europäer."

In die alte Heimat zieht es ihn in Urlaubstagen. Das alte Dorf Sorbie habe sich in den vergangenen 100 Jahren nicht verändert, sagt Wyllie. "Es ist der selbe Ort." Und doch sei dort inzwischen irgendwie alles anders. "Eine Schule gibt es in Sorbie nicht mehr, die Jungen sind längst weggezogen." Vor allem leben in dem Dorf heute Rentner. "Viele aus England, die sich zum Ruhestand aufs Land zurückziehen."

Er empfinde durchaus schottischen Nationalstolz, sagt der Busecker. Höre er Klänge aus seiner Heimat wie von Dougie MacLean, gehe ihm das Herz auf. Und er äußert eine Hoffnung. "Wenn die Folgen des Brexits am Ende zu negativ sein sollten, gibt es vielleicht die Chance auf eine Unabhängigkeit Schottlands." Er habe durchaus schon überlegt, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen. "Aber das würde 255 Euro an Verwaltungsgebühr kosten." Wyllie schmunzelt. "Ich bin eben Schotte."

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