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Förster Wieland Schröder taucht die Wurzeln der Eichensetzlinge in eine Lösung aus Braunalgen.

Braunalgen sollen Eselswald retten

Wer an Algen denkt, denkt zunächst einmal an das Meer und nicht an den heimischen Wald. Trotzdem können sich Braunalgen auch im Forst als nützlich erweisen. Im Eselswald bei Bersrod erfüllen sie sogar einen ganz bestimmten Zweck, wie ein Besuch in der Revierförsterei Reiskirchen zeigt.

Waldarbeiter setzen junge Eichen, Winterlinden und Hainbuchen in eingezäunte Freiflächen mitten im Eselswald bei Bersrod. Jeder von ihnen ist mit einem Spaten und festem Schuhwerk ausgerüstet. Sie nehmen sich ein Bündel Setzlinge und tauchen die Enden in eine bräunliche Brühe ein, die in einem großen Eimer schwimmt. Die gallertartige Masse bleibt an den Wurzeln kleben, und die Arbeiter stecken die benetzten Jungpflanzen in eine Tasche.

Um ein Loch auszuheben, steigen sie mit beiden Füßen auf den Spaten und stemmen ihn mit ihrem kompletten Gewicht in den Boden. In den sogenannten Keller, der dabei entsteht, wird jeweils eine Jungpflanze gesetzt. Dann wird die aufgewühlte Erde um das Bäumchen herum festgetreten - und schon ist eine Eiche mehr gepflanzt.

Schutz vor Stress

Revierförster Wieland Schröder ist zufrieden mit der Arbeit der Männer: »Die sind wirklich schnell, jeder schafft etwa 45 Bäume pro Stunde.« Direkt gegenüber des Waldsportplatzes liegt eine der Freiflächen. Die etwa 60 Jahre alte Fichtenkultur, die den Platz vorher besiedelt hatte, ist dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen. Schuld daran ist die anhaltende Trockenheit. Sie macht es dem Schädling einfacher, den Baum anzugreifen, und seine Abwehr so zu schwächen, dass er letzendlich abstirbt. »Nun gilt es, die entstandenen Freiflächen zeitnah in einen klimaangepassten Wald umzuwandeln«, sagt Schröder. Deshalb setzt die Revierförsterei Reiskirchen dort junge Eichen. Auf einem Hektar können etwa 7000 Bäume stehen, insgesamt müssen 2,2 Hektar bepflanzt werden.

Und dabei kommt die braune Brühe zum Einsatz - hergestellt wird sie aus Meeresalgen. Genauer gesagt aus Braunalgen. Daraus wird das sogenannte Alginat gewonnen. Das Pulver bildet, eingerührt in Wasser, eine kleisterähnliche Lösung, in die die Setzlinge getaucht werden. Die Masse bleibt an den Wurzeln der Eichen kleben, damit soll möglichst viel Wasser in und um diese gespeichert werden. Das Tauchbad erhält so die Frische der Bäumchen, außerdem wird beim Transport der Pflanze ein möglicher Trockenstress vermieden.

»Die Feinwurzeln der Jungplanzen sind sehr empfindlich. Vor dem Einpflanzen bleiben nur etwa fünf Minuten, bis diese anfangen abzusterben«, erklärt der Förster. Mit dem Alginat wolle man dem entgegen wirken.

Ein Kilo davon kostet etwa 60 Euro und wird mit 200 Liter Wasser angerührt. »Damit kann man schon sehr viele Setzlinge behandeln«, sagt Schröder. Er arbeitet zum ersten Mal mit dem Wurzelschutzmittel, welches vollständig biologisch abbaubar ist. Gärtnereien und Baumschulen verwenden Alginat indes schon lange.

Sowohl die Gemeinde Reiskirchen als auch Land und der Bund fördern die Neuanpflanzung von Bäumen, erläutert Bürgermeister Dietmar Kromm. Besonders Eichenkulturen lohnten sich. Der Rathaus-Chef erinnert daran, dass das Thema Wald enorm wichtig für die Zukunft sei. »Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist der Klimawandel an dem Extremwetter Schuld, das wir seit Jahren haben«, sagt er und verweist auf die trockenen, heißen Sommer und die fehlenden Niederschläge. »Das ist nicht nur für den Mensch belastend, sondern auch für den Wald«, gibt er zu bedenken.

42 Prozent Wald

Hans-Jürgen Schmoll, stellvertretender Forstamtsleiter des Forstamts Wettenberg, erläutert, dass immer noch 42 Prozent Hessens von Wald bedeckt sind. »Das soll und muss auch so bleiben«, mahnt er. Die Menschen brauchten und nutzten Holz, man könne sich heutzutage keine Wohnung mehr ohne das Material vorstellen, sagt Schmoll.

Kromm ergänzt, dass Holz nicht nur ein wichtiger Baustoff sei, sondern auch ein Wirtschaftsgut für die Gemeinde Reiskirchen. Abgesehen davon biete der Wald einen gewissen Erholungsfaktor für die Menschen. »Das sind nicht nur einfach ein paar Bäume, die irgendwo rumstehen.«

Ein Arbeiter formuliert es ebenfalls treffend, während er ein neues Bündel Setzlinge in die Alginat-Lösung taucht. »Ich mache das für die Zukunft, für meine Kinder. Egal, wo auf der Welt der Wald steht, er ist immer wichtig.«

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