Neben dem Lieferservice sind sie eine der in diesen Tagen immer öfter genutzten Alternativen zum Gang in den Supermarkt: Milchtankstellen an Bauernhöfen. Wie an diesem Beispiel aus Lehnheim zu sehen, gibt es auch SB-Automaten mit Wurst, Fleisch oder gar Fertiggerichten. 
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Neben dem Lieferservice sind sie eine der in diesen Tagen immer öfter genutzten Alternativen zum Gang in den Supermarkt: Milchtankstellen an Bauernhöfen. Wie an diesem Beispiel aus Lehnheim zu sehen, gibt es auch SB-Automaten mit Wurst, Fleisch oder gar Fertiggerichten. 

Corona-Krise

Run auf Biokisten, Milchtanken & Co.

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Milch, Gemüse, Fleisch - alles wird geliefert. In Zeiten von Corona gibt es nun einen regelrechten Run auf diese Alternativen zum Gang in den Supermarkt. Mit teils überraschenden Begleiterscheinungen.

Allein in den letzten 14 Tagen hatten wir rund 500 Anfragen", bestätigt Eugenia Schaller den Trend zu dieserart "Haustürgeschäft". Schaller ist Betriebsleiterin des Bosshammerschen Hofs in Großseelheim. Der Hof gehört dem Verband "Ökokiste" an, dessen Mitglieder sich zu "Transparenz, Nähe zum Erzeuger, artgerechter Tierhaltung und ökologischer Landwirtschaft" verpflichten.

Das Gut beliefert 2600 Kunden im Umkreis von 100 Kilometern, meist Firmen und Privathaushalte, die auf breites Sortiment von biologisch angebautem Porree oder Fleisch aus Hessen, aber auch faire Papayas aus Lateinamerika zugreifen können. Knapp 40 Prozent der "Ökokisten" gehen in den Kreis Gießen.

Wie die Betriebsleiterin zu verstehen gibt, ist nun erstmal "Ende Gelände": Die Kapazitäten seien erschöpft, Kühlhäuser voll, Lieferanten, Großhändler - sie alle stießen an ihre Grenzen. Ebenso ihre Mitarbeiter. Neueinstellungen werden erwogen, das aber geht nicht von heute auf morgen. Als erste Konsequenz wurden bereits einige Artikel aus dem Sortiment genommen. Was aber nichts daran ändert: Schaller muss Interessenten vertrösten und auf die Warteliste setzen. Kaum zu glauben, aber wahr: "Es gibt bereits regelrechte Bewerbungen", sagt Schaller. Etwa jene einer alleinerziehenden Mutter im Homeoffice.

Bereits "Bewerbungen" um Aufnahme in den Kundenkartei

Gibt es eine Auswahl nach sozialen Kriterien? In gewissem Sinne schon. So können Senioren, bei denen die Gefahr einer Ansteckung vergleichsweise hoch ist, mit einem vorderen Listenplatz rechnen. "Sie müssen allerdings nachweisen, dass sie über 80 sind." Offenbar gibt es bereits Schummeleien.

Ebenfalls ein Krisenphänomen und auch bei der biologisch-dynamisch bewegten Klientel anzutreffen: das Hamstern. Die Großseelheimer begrenzen daher die Liefermengen, so gibt es maximal drei Einheiten Trockenware (Suppen, Nudeln etc.). Keine Reglementierung braucht es naturgemäß, weil verderblich, bei Frischware.

Mit all diesen Maßnahmen will Bosshammersch Hof eine gerechte Verteilung erreichen. Dennoch bleibt offenbar die Angst der Kunden vor einer Versorgungskrise: "Unsere Kisten sind in diesen Tagen bis oben hin gefüllt."

In jüngster Zeit ein deutliches Plus an Anfragen verzeichnet ebenfalls Thilo Junge, Geschäftsführer des Selgenhofs in Ulrichstein mit knapp 200 Milchkühen. Ob dies Folge der Pandemie sei, der Angst, zum Einkauf unter Menschen zu gehen, das vermag er nicht zweifelsfrei zu beantworten: Vielleicht liege das auch an den jüngst erschienenen Anzeigen, mit denen man auf seinen Lieferservice aufmerksam gemacht hat. Eine Beobachtung aber spricht für besagten Effekt: "Unsere Kuriere werden in jüngster Zeit öfters auf der Straße angesprochen." Bereits seit den 90ern liefern die Pächter der landeseigenen Staatsdomäne im Vogelsberg Milch, Butter und Joghurt aus zertifizierter biologischer Produktion an die Haustür. Auch hier kommen rund 1000 Kunden aus dem Kreis Gießen.

"Die Leute sprechen unsere Fahrer auf der Straße an"

Anders als die Großseelheimer hat der Selgenhof noch keine Kapazitätsprobleme. "Da ist noch deutlich Luft nach oben", versichert Junge. "Wir verarbeiten bisher nur 50 Prozent der Milch selbst, der Rest geht an Molkereien."

Neukunden wären also willkommen. Eine "gewisse Herausforderung" sieht der Gutsleiter einzig in der Neuorganisation der Touren. Gegebenenfalls müsste er mehr als die aktuell zehn Fahrer einsetzen, was aber zunächst durch Umschichtungen von Personal aus der Verarbeitung zu bewerkstelligen wäre. Junge: "Wir warten jetzt aber erst mal ab, ob sich das Niveau stabilisiert."

Der Renner an der Grünberger Milchtanke: Wurst

Eine weitere Alternative zum Gang in den Supermarkt sind die SB-Läden von Bauernhöfen. Zwei dieser "Milchtankstellen" gibt es im Kreis Gießen, eine auf der Oberen Ziegelhütte in Lehnheim. Hier gibt es nicht nur Rohmilch aus dem Automaten, sondern auch haltbare Glaswurst, Fleisch und selbst Fertiggerichte wie Chili con Carne.

Wie Bäuerin Regina Diehl erzählt, ist der Absatz an Milch bislang noch recht konstant, einen starken Anstieg aber verzeichne man bei haltbaren Wurstwaren. Wie sie am Ende noch berichtet, haben ihr gegenüber bereits mehrere Kunden ihre Erleichterung bekundet: "Wir sind so froh, dass wir dank der ›Milchtanke‹ nicht mehr so oft in den Supermarkt Leute müssen."

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