Reiner Wagner spielt die selbst gebaute E-Gitarre. FOTO: PAD
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Reiner Wagner spielt die selbst gebaute E-Gitarre. FOTO: PAD

"Bin ein saarländischer Mittelhesse"

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Reiner Wagner war über Jahrzehnte Pfarrer in Dornholzhausen und Niederkleen. Seit heute ist er im Ruhestand. Über die Umstrukturierungen in der Kirche macht er sich Sorgen.

Der Verstärker summt, Reiner Wagner haut in die Saiten seiner selbst gebauten E-Gitarre. Rock hallt aus dem Pfarrhaus in Niederkleen. Ab heute hat er noch mehr Zeit für sein Hobby Musik, denn jetzt beginnt sein Ruhestand.

Ruhig wird es im Pfarrhaus deshalb aber nicht werden. Zum einen schon deshalb nicht, weil er und seine Frau das Haus bereits vor Jahren gekauft haben. So konnten sie verhindern, dass sie nun mit dem Ruhestand ausziehen müssten. Und das wollten die beiden nach 33 Jahren im Dorf nun wirklich nicht. "Das ist unser Zuhause geworden, ich bin jetzt ein saarländischer Mittelhesse", sagt er.

Wagner wurde im Saarland geboren. Zunächst besuchte er den Kindergottesdienst, dann leitete er ihn selbst - die ersten Verboten für seine spätere Berufswahl. Zum Studium ging es zunächst nach Wuppertal, dann nach Heidelberg. Dort lernte er seine Frau Inge kennen. Als diese auf Ergotherapeutin umschulte und nach Düren ging, zog das Paar nach Bonn.

Als Pastor im Hilfsdienst kam er nach Mittelhessen in den Kirchenkreis Braunfels, unterstützte ein Jahr lang Pfarrer Manfred Kimpel in Kraftsolms, Griedelbach und Kröffelbach. Für seinen Besuchsdienst und die Jugendarbeit wurde er dabei bekannt. Als im Nachbarkirchenkreis Wetzlar ein Geistlicher gesucht wurde, sprach man Wagner an. Zum Erntedankgottesdienst 1987 durfte er das erste Mal vor seiner neuen Gemeinde predigen.

Auftreten vor größeren Menschenmengen war für ihn eigentlich kein Problem, das kannte er aus der Schul- und Studentenzeit, als er Tanz- und Rockmusik gespielt hatte. Aufgeregt war er dennoch.

Dass Wagner selbst vom Dorf kommt, war für ihn von Vorteil: "Ich wusste, wie die Leute ticken. Die Streitigkeiten sind überall die gleichen." Und er wusste, dass man da auch mal mit Ideen aneckte. So verfügte die Kirchengemeinde zu Beginn lediglich über eine kleine Reiseschreibmaschine aus den 1960ern, die alle Blätter durchschlug. Der Antrag, diese durch ein elektrisches Exemplar zu ersetzen, sorgte für heiße Diskussionen.

Als Pfarrer für Niederkleen und Dornholzhausen freute es ihn, dass er von den Vereinen ins Ortsgeschehen eingebunden wurde, der Festgottesdienst bei Jubiläen fest zum Programm gehörte. Gleichzeitig sei es motivierend, zu sehen, wenn ehemalige Konfirmanden heute im Vereinsleben Aktivposten sind.

Sein Hobby - die Musik - konnte er in seine Arbeit einfließen lassen. Er schrieb Lieder, leitete im Rheinischen Verband für Kindergottesdienste Gitarrenseminare unter dem Titel "25 Lieder mit fünf Griffen". Den Karfreitagsgottesdienst wandelte er in einen Familiengottesdienst um, bei dem die Kirchenband spielte.

Zum Ruhestand wird der Pfarrer nachdenklich. Die Umsetzung der christlichen Botschaft ins alltägliche Leben gelinge nicht einfach. "Ich habe nach 33 Jahren das Gefühl, die meisten Menschen verstehen das gar nicht. Es ist eine Tradition - aber wenn du sie deutlich übersetzt, scheinen sie abzuschalten."

Zudem macht er sich Sorgen um die Zukunft der Kirche. Die Wurzel der aktuellen Probleme sieht Wagner in den 1950er bis 1970er Jahren, als die Gläubigen mit strengen Regeln getriezt wurden. So habe man etwa damals einer Braut, die zugab, dass sie schwanger war, die traditionelle Brautkrone verwehrt - eine öffentliche Demütigung. Später hätten sich viele deshalb von der Kirche abgewandt. Themen wie die Segnung von Homosexuellen seien noch immer nicht genügend bearbeitet.

Die aktuellen Sparmaßnahmen sieht der Pfarrer kritisch. "Die Kirche ist dabei, sich auf dem Land abzuschaffen." Wenn im Dorf das Gottes- oder das Gemeindehaus verkauft würden, fühlten sich die Menschen dadurch beraubt. Zudem soll mittlerweile ein Pfarrer 2500 Gläubige betreuen, muss somit mehrere Dörfer abdecken. Dadurch werde er in jedem Ort weniger sichtbar, der persönliche Kontakt leide, der Pfarrer wird zum Unbekannten. Was das bedeutet, hat Wagner bei katholischen Mitbürgern erlebt, die er auf Wunsch der Angehörigen beerdigte, da er den Verstorbenen besser kannte.

Im Gegensatz zu seinen Kollegen, die noch im Ruhestand auf die Kanzel steigen, will dies Wagner nicht mehr. Ihm reiche es, den Rasen rund um die Kirche zu mähen und seinen Nachfolger Michael Ruf bei der Einarbeitung zu unterstützen. "Vor allen Dingen will ich jetzt ein guter Opa sein."

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