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Noch vor Monaten, gesteht Dr. Stephan Krüdener, habe er an einen Einzug seiner Partei in den Bundestag fest geglaubt. Das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt - »Die Basis« kam auf 1,5 Prozent - habe ihm aber einen Dämpfer verpasst.

Wahl am 26. September

Bundestagswahl-Kandidat Stephan Krüdener (Die Basis): „Bin kein Corona-Leugner. Aber...“

  • VonStefan Schaal
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Der Heuchelheimer Stephan Krüdener will für die Partei „Die Basis“ in den Bundestag, die aus Corona-Protesten hervorgegangen ist. Er bezeichnet sich selbst als Realist. Doch was sagt er zu so manchen radikalen Positionen führender Vertreter seiner Partei?

Es ist eine Demonstration, die im August 2020 in ganz Deutschland Kopfschütteln auslöst. Zehntausende Menschen marschieren in Berlin auf. »Corona-Panik beenden«, rufen Teilnehmer, viele beschimpfen Journalisten als »Lügenpresse«, vereinzelt sind »Reichsbürger«-Flagggen zu sehen. Mittendrin im Pulk läuft damals rund um die Siegessäule demonstrierend auch ein Mann aus Heuchelheim: Dr. Stephan Krüdener.

Ein Jahr ist seit der Demo vergangen. Krüdener sitzt in einem Café. Für einen Moment erinnert er an die Diskussionen um die damalige Zahl der Demonstranten, Teilnehmer sprachen von einer Million Menschen, die Polizei von 20 000. »Es war knapp unter einer Million«, schätzt Krüdener.

Bundestagswahl in Gießen: Heuchelheimer tritt für „Die Basis“ an

Der 59 Jahre alte Heuchelheimer will bei der Wahl am 26. September in den Bundestag einziehen. Er ist Direktkandidat der Partei »Die Basis« - auch wenn er derzeit im Wahlkampf zu weitgehender Untätigkeit verurteilt ist. Anfang Juli ist er zu Hause in Heuchelheim eine Treppe hinabgestürzt, er hat sich dabei zwei Halswirbel gebrochen. Es gehe ihm den Umständen entsprechend gut, berichtet er. Ärzte hätten ihn zusammengeflickt, von einer Lähmung sei er glücklicherweise verschont geblieben. Er habe noch starke Schmerzen, in Braunfels befindet er sich nun in der Reha. Zur Wahl werde er auf jeden Fall antreten, betont Krüdener. »Beinahe aber wäre Feierabend gewesen.«

Während des Gesprächs wiederholt Krüdener immer wieder einen Satz. »Corona ist nur ein Brennglas«, sagt er. Die Pandemie sei nicht das alleinige Thema, in dem sich »Die Basis« einbringen wolle.

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Die Partei ist allerdings wohlgemerkt aus den Corona-Protesten heraus entstanden. Nach außen tritt sie wie eine nette Wohlfühlgruppe auf, ihr gehören prominente Mitglieder wie der frühere TV-Pfarrer Jürgen Fliege an. Doch in ihr tummeln sich auch viele Menschen, die das Coronavirus verharmlosen und mit einer gewöhnlichen Grippe vergleichen. Es gibt mehrere personelle Überscheidungen mit der »Querdenken«-Bewegung - und radikale Äußerungen führender Mitglieder.

Einer der führenden Köpfe der »Basis«, der einst an der Uni Gießen forschende Mikrobiologe Sucharit Bhakdi, hat kürzlich mit antisemitischen Aussagen für Entsetzen gesorgt. Rechtsanwalt Reiner Fuellmich, wie Bhakdi und Krüdener Bundestagskandidat der »Basis«-Partei, hat erklärt, geplante Maßnahmen der Bundesregierung seien schlimmer als der Holocaust. Der Vorsitzende des Landesverbands Rheinland-Pfalz, Torsten Reichert, hat vorgeschlagen, eine öffentliche Liste von Personen und Geschäften zu erstellen, die »den Corona-Faschismus öffentlich befürwortet oder unterstützt haben«.

Bundestagswahl in Gießen: „Wir sind eine Partei, die redet“

Krüdener schüttelt den Kopf. Nein, letzteren Vorschlag unterstütze er nicht. Gleich darauf fügt er aber eine bezeichnende Anmerkung hinzu: »Es wäre falsch, weil jeder eine zweite Chance bekommen sollte, unter der Voraussetzung, dass Einsicht gezeigt wird bei der Aufarbeitung.« Auf einzelne Zitate anderer Parteivertreter könne er schwer eingehen. »Wir sind eine Partei, die redet.« Da passiere, »dass der eine oder andere mal einen Spruch raushaut«.

Krüdener ist Naturwissenschaftler, ein promovierter Physiker, kürzlich hat er zwei Jahre als Interimsprofessor an der THM für Wirtschaftsinformatik gearbeitet. »Ich bringe die Erdung mit«, betont er. Dennoch äußert er hin und wieder Sätze, die irritieren. Angesprochen auf die misslungene Aktion »#allesdichtmachen« im April dieses Jahres, in der sich rund 50 Schauspieler über die Corona-Politik und die Medien lustig gemacht haben, erklärt Krüdener: »Das ist nicht in Ordnung.« Zunächst denkt man, er kritisiert damit die Aktion. Dann macht Krüdener deutlich, dass ihm die Reaktionen missfallen haben. »Wenn Menschen für andere Meinungen dermaßen niedergemacht werden, haben wir ein Problem«, sagt er. »Dann leben wir in einer Meinungsdiktatur.«

Immer wieder lässt Krüdener durchscheinen, dass er die Maßnahmen gegen Corona für übertrieben hält. Er spricht von »Panikmache«. Ja, er sei geimpft, sagt er. Um gleich darauf trocken zu lachen. »Aber nicht gegen Covid.« Für die genbasierten Impfstoffe gegen Corona gebe es keine Langzeitstudien. »Das ist heikel.« Experten, die auf die Gefahren von Thrombosen und Autoimmunkrankheiten als Folge der Impfung hinweisen, würden nicht gehört, behauptet Krüdener. »Das Risiko ist mir zu groß.« Doch seine Partei sei auch offen für Geimpfte.

Bundestagswahl in Gießen: „Die Basis“ distanziert sich vom Establishment

Ein Corona-Leugner sei er nicht. »Aber mir fehlen die Relationen. Es wird über das Ziel hinausgeschossen.« Mehrfach weist Krüdener auf das Jahr 2009 hin. Auch damals, bei der Schweinegrippe, sei Panik betrieben worden. Er sei kein Freund großer Verschwörungstheorien, erklärt der Heuchelheimer. »Ich glaube, es ist viel banaler.« Unternehmen wie die Pharmafirmen seien es, »die die strengen Maßnahmen vorantreiben«, um davon zu profitieren.

Knapp 20 000 Mitglieder gehören der Partei »Die Basis« inzwischen an. Auch deshalb, weil sie bei vielen Menschen einen Nerv trifft, die die Politik der etablierten Parteien als intransparent wahrnehmen. Krüdener verweist auf Entscheidungen in der Corona-Krise durch Ministerpräsidenten-Konferenzen hinter verschlossenen Türen und nicht im Bundestag. »Demokratische Grundrechte werden ausgehöhlt«, sagt er. Man verstehe sich als politischer Arm für diejenigen, die sich nicht repräsentiert fühlen. Mehr direkte Demokratie sei ein Ziel der »Basis«. Krüdener sagt: »Wir wollen ins Parlament, um die Parteien, also auch uns, überflüssig zu machen.«

Die Distanzierung der »Basis« zum politischen Establishment erinnert an eine andere Partei: die AfD. Die AfD habe aber einen Fehler gemacht, sagt Krüdener. »Sie hat einen rechten Flügel zugelassen, den sie nicht mehr loskriegt.« Die »Basis« hingegen nehme keinerlei Mitglieder auf, ohne sie vorher im persönlichen Gespräch zu überprüfen. »Wenn nur ein Verdacht auf extreme Positionen aufkommt, nehmen wir die Person nicht auf.« Auch mit ihm sei vor seinem Eintritt im Februar dieses Jahres ein solches Gespräch geführt worden. Er vergleiche die »Basis« eher mit den Grünen der 80er Jahre. »Wobei die sich mehr dem System angepasst und nicht das System verändert haben.«

Der als Unternehmensberater tätige Krüdener war vorher nie politisch aktiv. Noch vor drei Monaten gesteht er, habe er an einen Einzug seiner Partei in den Bundestag fest geglaubt. Das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt - die »Basis« kam im Juni auf 1,5 Prozent - habe ihm aber einen Dämpfer verpasst.

Für einen Einzug in den Bundestag wolle er weiter kämpfen. Es werde nach der Wahl indes darum gehen, trotz des möglichen Verpassens der Fünf-Prozent-Hürde weiter im politischen Rennen zu bleiben. »Ich bin Realist«, sagt Krüdener. »Ich bin Physiker. Ich bin geerdet.«

Redaktioneller Hinweis: Dieser Text erschien erstmals am 19.08.2021.

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