Dagmar Schmidt
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Dagmar Schmidt

"Wir machen jeden Abend eine Familien-Videokonferenz"

  • vonLena Karber
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Biebertal(lkl). Die Corona-Pandemie hat den Alltag aller auf den Kopf gestellt. Trotz der Lockerungen steht vielerorts das öffentliche Leben still. Soziale Kontakte haben viele nur noch telefonisch oder online. An dieser Stelle gewähren Menschen aus unterschiedlichen Bereichen Einblicke in ihren neuen Alltag. Heute: Dagmar Schmidt, SPD-Bundestagsabgeordnete aus Biebertal.

Frau Schmidt, wie verläuft Ihr Tag normalerweise?

Bei einer Abgeordneten gibt es kein "Normalerweise". Aber wenn keine Sitzungswoche ist, beginnt der Tag in der Regel damit, dass ich früh aufstehe und nach dem Frühstück mein Kind in den Kindergarten bringe. Anschließend erledige ich Büroarbeit, Gespräche, Besuche und Telefonate - je nachdem, was anfällt. Ich bin viel im Wahlkreis unterwegs, in Betrieben, Einrichtungen und Institutionen. Dort spreche ich über Probleme oder informiere mich, wie die Umsetzung unserer Gesetze funktioniert. Meistens habe ich auch abends und am Wochenende Termine, da ist dann oft die Oma da und hütet mein Kind.

Und wie sieht Ihr Alltag jetzt aus?

Jetzt flitzt mein Sohn den ganzen Tag zu Hause rum. Da Oma zur Risikogruppe gehört, kann ich ihn auch dort nicht hingeben. Wir versuchen also, Arbeiten von zu Hause und Kinderbetreuung miteinander zu verbinden, wobei man jedoch schnell an seine Grenzen stößt. Das ist uns auch politisch bewusst. Deswegen haben wir versucht, Maßnahmen zur Unterstützung einzuleiten: eine Entschädigungsleistung im Rahmen des Infektionsschutzgesetzes, wenn man keine andere Betreuung hat oder eben die Notfallbetreuung in Kindergärten. Jemand wie ich, der auf dem Land wohnt und ein Häuschen hat, kann sein Kind mal eben in den Garten oder auf den Hof schicken, aber für Menschen, die vielleicht nicht einmal einen Balkon haben, ist die Situation noch viel schwieriger. Mobiles Arbeiten von zu Hause ist dann eigentlich gar nicht möglich. In meinem Fall geht das schon. Wir versuchen, die Arbeit über Telefonate und Video-Chats zu erledigen, vieles fällt allerdings auch weg. Abend- und Wochenendtermine habe ich im Moment keine.

Was vermissen Sie am meisten?

Die Omas und die ganze Familie, mit der ich jetzt nicht in direktem Kontakt sein kann, aber natürlich auch beruflich die direkten Kontakte. Es ist etwas anderes, ob man präsent ist oder ob man versucht, sich über Telefonate einen Eindruck von einer Situation zu verschaffen. Ich bin gerne in meinem Wahlkreis unterwegs. Es ist auch sehr schade um die Veranstaltungen, die wir absagen mussten. Man kann über die eigene Politik so nur sehr eingeschränkt reden - und das gerade jetzt, wo man ganz viel über Politik reden müsste und zwar am besten bei analogen Veranstaltungsformaten. Ich merke, dass es in der aktuellen Situation ein großes Redebedürfnis gibt, das wir über soziale Medien nur sehr eingeschränkt befriedigen können.

Was ist positiv?

Dass ich mein Kind den ganzen Tag zu Hause habe, ist zwar anstrengend, aber hat auch etwas sehr Schönes. Solche Phasen haben wir sonst nur im Urlaub. Klar, im Moment muss ich trotzdem arbeiten und mein Sohn muss sich sehr viel selbst beschäftigen, aber wir haben mehr Zeit zusammen. Zudem lernen wir als Gesellschaft gerade viele Dinge. Wir haben zwar vorher auch schon Videokonferenzen geführt, aber dass jetzt mehr Leute lernen, mit der digitalen Welt umzugehen und die Erfahrung machen, dass sich viele Treffen oder Sitzungen problemlos erledigen lassen, ohne dass alle durch die Gegend reisen und dafür viel Zeit verschwenden, ist positiv. Das betrifft nicht nur das Berufliche. Wir machen zum Beispiel jeden Abend eine Familien-Videokonferenz. Meine Schwester, die in Berlin lebt, habe ich dadurch so oft gesehen wie seit Jahren nicht. Und auch mit Freunden nutze ich dieses Medium. Wir treffen uns dadurch digital häufiger als wir es sonst analog tun würden. FOTO: LAURIN SCHMID

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