Vor dem Vergessen bewahren

  • Rüdiger Soßdorf
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Biebertal(so). 1908 zog die letzte jüdische Familie aus Vetzberg nach Gießen. Die letzte jüdische Beerdigung fand 1918 auf dem Friedhof in Vetzberg statt. Der letzte Biebertaler Bürger jüdischen Glaubens starb Ende 1932 und wurde in Waldgirmes beerdigt.

Denkt man an den Terror der Nazis, dann ist eine der ersten Assoziationen: Die Vernichtung der Juden. Zwar war das jüdische Leben in den Dörfern am Dünsberg, die heute zu Biebertal gehören, bereits erloschen, bevor die Nazis 1933 ihre Terrorherrschaft begannen. Doch gibt es über die jüdischen Bürger hinaus weitere Gruppen, die unter dem nationalsozialistischen Regime gedemütigt, verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden. Menschen wurden aufgrund ihrer Religion, Hautfarbe, sexueller Orientierung, politischer Gesinnung oder einer Erkrankung Opfer faschistischer Gewalt. In Biebertal hat man sich - angestoßen durch Sozialdemokraten - vor geraumer Zeit auf Spurensuche begeben, um Schicksale vor dem Vergessen zu bewahren.

Jetzt soll an zwei Menschen öffentlich erinnert werden, die im Rahmen des sogenannten Euthanasieprogramms in Hadamar ermordet wurden: Emma Bellof, Jahrgang 1875, starb dort am 3. Februar 1941, und Wilhelmine Bechlinger, geboren 1908, wurde am 18. Oktober 1944 ermordet. Der Künstler Gunter Demnig wird Stolpersteine für sie verlegen.

Und zwar, so ist es sein Anliegen, im Gehweg vor dem letzten frei gewählten Wohnsitz der Menschen, bevor sie vertrieben, verhaftet oder getötet wurden. Bei Wilhelmine Bechlinger ist dies die Fellingshäuser Straße 18 in Rodheim. Emma Bellof wohnte in der Burgstraße 29.

Bei den Recherchen zu den Opfern hat sich unter anderem der Heimatverein Rodheim-Bieber engagiert eingebracht. Das Schicksal von Wilhelmine Bechlinger haben vor vier Jahren ihre Nichte Jenny Schütz und deren Sohn Ulrich Schütz im Gespräch mit dieser Zeitung bereits nachgezeichnet. Bechlinger, eine Tante des späteren Bürgermeisters Helmut Bechlinger, soll bereits als junge Frau an einem Nervenleiden gelitten haben. Sie hatte nach der Volksschule im damaligen "Konsum" in der Rodheimer Kirchstraße gelernt, später in Klein-Linden und im Kaufhaus Kerber in Gießen gearbeitet, bevor sie ihr Weg nach Meppen ins Emsland führte. Später kehrte sie nach Rodheim zurück, blieb unverheiratet und wohnte im Haus der Eltern. Sie war auf Medikamente angewiesen, die aber nach Kriegsbeginn wohl nicht mehr so wie benötigt zur Verfügung gestanden haben sollen. 1941 oder 1942 wurde die junge Frau abgeholt und in der damals sogenannten Landesheilanstalt Weilmünster untergebracht. Ob die Einweisung allein mit der Krankheit zusammenhing oder vielleicht auch mit dem früheren politischen Engagement weiterer Familienmitglieder bis 1933 in der SPD und von Wilhelmine Bechlinger selbst in der Sozialistischen Arbeiterjugend, as blieb auch bei den Recherchen vor einigen Jahren offen.

Weitere Opfer

Insgesamt sind drei Biebertaler in Hadamar und eine Person in Eltville im Rahmen des Euthanasieprogramms ermordet worden, haben Nachforschungen ergeben. Bereits 2005 wurde vom Heimatverein Frankenbach mit Verwandten zweier umgebrachter Menschen aus Frankenbach Kontakt aufgenommen, um zu klären, ob die Nachfahren einer Gedenktafel zustimmen. "Dies wurde vehement abgelehnt", erläutert die Verwaltung. Darum werden jetzt nur zwei Stolpersteine verlegt.

Weitere Ideen: Eine Bieber-taler Charta für Toleranz und Respekt im Umgang miteinander, um zu zeigen, dass Biebertal ein Ort ist, der für Vielfalt steht und Vielfalt lebt. Nicht zuletzt wird daran gedacht, an einem zentralen Ort eine Skulptur zu schaffen, die für die Werte der Demokratie steht.

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