Aus dem Archiv: Hella und Friedel Listmann hinter dem Tresen. Unter der Decke hängt die historisch anmutende Leuchtreklame des Gießener Brauhauses, und der (leere) Zigarettenautomat schluckt sicher noch Markstücke. FOTO: WS
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Aus dem Archiv: Hella und Friedel Listmann hinter dem Tresen. Unter der Decke hängt die historisch anmutende Leuchtreklame des Gießener Brauhauses, und der (leere) Zigarettenautomat schluckt sicher noch Markstücke. FOTO: WS

Schauplatz rauschender Feste

  • vonKlaus Waldschmidt
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Noch steht die ehemalige Traditionsgaststätte Listmann in Rodheim, aber bald gehört sie der Vergangenheit an, wenn dort neu gebaut wird. Grund genug für einen Blick zurück in alte Zeiten.

Auf dem Gelände der früheren Rodheimer Traditionsgaststätte Bender-Listmann soll Wohnraum entstehen, außerdem sollen die kommunale Kindertagesstätte "Sternschnuppe" sowie die Tagespflege dort ihr Domizil finden. Dies wäre sicherlich ganz im Sinne des im Jahre 2013 im Alter von 86 Jahren verstorbenen Eigentümers Friedel Listmann und seiner ebenfalls nicht mehr lebenden Frau Hella gewesen. Denn Friedel Listmann war ein Leben lang - trotz seiner schweren Behinderung durch eine Kriegsverletzung - stets sozial engagiert. "Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht der Mensch", war sein Motto in 41 Jahren als Vorsitzender der heutigen VdK-Ortsgruppe Rodheim, Vetzberg, Königsberg und Frankenbach.

Wenn das Investorenteam um Dr. Wolfgang Lust jetzt das Areal entwickelt, lohnt es sich, in die Historie des alten Gebäudekomplexes zu schauen. Bis heute erinnern die Säulen des Vorbaus am Haus in der Gießener Straße an die Traditionsgaststätte. Das Gebäude wurde 1860 von Karl Bender erbaut und beherbergte den Wirtschaftsbetrieb bis 1989, dazu eine Metzgerei. Der große Saal wurde 1911 erbaut, war bis in die späten 1950er Jahre hinein Schauplatz rauschender Feste. Unvergessen ist der umjubelte Auftritt von Ernst Mosch im Jahr 1954.

Kirmessen und Faschingsfeiern

Listmann war direkter Nachfahre des Erbauers Karl Bender. Der war Landwirt, Metzger - und eben Gastwirt. Sein Sohn Wilhelm Bender II war Bürgermeister, verdiente sein Geld zudem ebenfalls als Landwirt, Metzger und Wirt. Friedel Listmann erinnerte sich gerne an seine Kindheit in diesem Hause. So war er als "Kegelbub" auf der Bahn im Garten aktiv. Die Bahn war überdacht, wie seinerzeit üblich, aber an den Seiten offen. Für einen Sonntag-Dienst beim Kegelaufstellen gab es damals 10 Pfennige.

Im großen Saal, einem Backsteinbau, fanden schon vor dem Zweiten Weltkrieg Filmvorführungen statt. Unterhalb der alten Grundschule hatten Listmanns für die Sommermonate eine Küche für die Bewirtschaftung des Gartenlokals eingerichtet. 1938 übernahm Fritz Listmann das Gasthaus. Er wurde 1939 Soldat und geriet in Russland in Gefangenschaft. Während dieser Zeit führte seine Gattin Eleonore Listmann, eine geborene Bender, Wirtschaft und Metzgerei weiter. Sohn Friedel Listmann holte während dieser Zeit wöchentlich Fleisch und Wurst mit dem Fahrrad für die eigene Metzgerei bei Gottlieb Geller, der in Bieber eine gut gehende Metzgerei betrieb. Diese Fleisch- und Wurstwaren wurden nach Fleischkarten verteilt.

Nach Kriegsende 1945 wurde Listmanns Betrieb behördlich geschlossen. Wirtschaft und Verkaufsladen der Metzgerei dienten den Amerikanern als Bar. Bei der Schließung 1945 war auch der Saal der Gastwirtschaft betroffen. Nach 1945 wurden dort unter anderem Hohlblocksteine hergestellt und getrocknet. Erst 1948 kehrte Fritz Listmann aus russischer Kriegsgefangenschaft heim und nahm seine Arbeit als Wirt und Metzger wieder auf.

Das erste Fest im großen Saal nach dem Weltkrieg wurde 1950 mit einem Faschingsvergnügen gefeiert. Erstmals nach Kriegsende kamen die Leute wieder mit Festkleidern.

Damals kam der Fasching durch die vielen Heimatvertriebenen auch in Rodheim in Schwung. Im Jahre 1950 wurden die VdK-Weihnachtsfeiern aufgenommen, zu denen die Witwen mit ihren Kindern und die Kriegsbeschädigten kamen. Der Saal war mit bis zu 350 Besuchern gefüllt. Der Saal selbst wurde im Winterhalbjahr mit zwei großen Öfen mit Holz und Briketts geheizt.

Auch die Kirmes wurde seit 1948 alle zwei Jahre im Saal und im Biergarten gefeiert. 1948 gab es erstmals bei Listmanns zur Kirmes Fischbrötchen ohne Bezugskarten. "Der Wirt stellte den Saal und sorgte für Speis und Trank, die Burschenschaften sorgten für die Kirmeskapelle und bezahlten diese", erzählte Friedel Listmann. Seit 1961 wurde der Saal nicht mehr genutzt und diente als Abstellraum.

Der kleine Saal im hinteren Bereich der Gastwirtschaft wurde vor allem von den Ortsvereinen genutzt. Von April 1956 bis 1967 waren die Gastwirtschaft mit Fremdenzimmern und die Metzgerei an Hans Strutz verpachtet, bis dieser 1967 in Bieber eine eigene Metzgerei eröffnete.

Durch die Kriegsverwundung und den langwierigen Genesungsprozess von Friedel Listmannn war die Weiterführung der Gastwirtschaft mit Fremdenzimmern nur durch Ehefrau Hella möglich. Bis Mai 1989 betrieb Hella Listmannn das Rodheimer Traditionsgasthaus.

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