Karoline Stowasser
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Karoline Stowasser

Reger Geist und wacher Verstand

  • vonVolker Mattern
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Biebertal/Lohra(m). Als die spanische Grippe gegen Ende des Ersten Weltkriegs 1918 zu wüten begann, fielen der Pandemie in zwei Jahren geschätzt bis 50 Millionen Menschen zum Opfer. 1918 - da war Karoline Stowasser geborene Waldschmidt fünf Jahre alt, sie hatte am 29. Juli 1913 in Fellingshausen das Licht der Welt erblickt. Und nun Corona. Für die betagte Dame ein 107. Geburtstag, der nicht so fröhlich und unbeschwert ablaufen konnte, wie die vergangenen Jahre.

Körperliche Gebrechen wie der fast gänzliche Verlust des Augenlichts und das stark beeinträchtige Hörvermögen sowie die eingeschränkte Mobilität beeinträchtigen die 107-Jährige, aber ein reger Geist und wacher Verstand funktionieren bemerkenswert gut. Sie antwortet mit Bedacht und leise, und oft ziert ein Lächeln ihr Gesicht.

Not und Entbehrungen

Im AWO-Seniorenheim in Lohra gehört sie neben zwei weiteren Bewohnern zu den drei ältesten Menschen im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Würde sie noch in ihrem Heimatdorf am Fuße des Dünsberg leben, wie noch vor fünf Jahren, wäre sie mit Abstand die älteste Biebertalerin.

Im Seniorenheim hat man ihr den Geburtstag so schön wie unter den besonderen Umständen möglich, gestaltet. Ihre größte Freude ist Enkel Melanie, die nach dem Lockdown nur telefonisch mit ihrer Oma Kontakt halten durfte. Jetzt, nach gewissen Lockerungen, war es der 37-Jährigen als Einzige möglich, sich eine Stunde lang - wenn auch mit Mundschutz, Schutzkleidung und in einem Schleusenzimmer mit Schutzwand - mit der Oma zu unterhalten, sie zu sehen - aber keine Umarmung und das tat weh, sagt die Enkelin, Hauptbezugsperson der Altersjubilarin.

Kaiser Wilhelm II. regierte, Fellingshausen war 650 Jahre alt und die Haushalte im Dorf waren gerade erst an die Elektrizität angeschlossen worden, als Karoline zur Welt kam. Als zweites von drei Geschwistern der Eheleute Heinrich und Karoline Waldschmidt geb. Mattern wuchs sie in einem Haus in der Rodheimer Straße auf. Dort lebte die Familie, bis sie umzog in das Elternhaus der Mutter, das in der Helenenstraße steht. Als das Geburtstagskind zehn Jahre alt war, folgte ein erneuter Umzug in das von den Eltern zwischenzeitlich gebaute Heim, ebenfalls in der Helenenstraße.

Die Ruhe und Zufriedenheit, die Karoline Stowasser ausstrahlt, soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses 107 Jahre währende Leben auch Not, Kummer und Entbehrungen kannte. Traurig wird sie, wenn sie von ihrer Mutter erzählt, die schon mit 51 Jahren verstarb.

Für ein langes Leben gibt es kein Rezept, das weiß die Altersjubilarin. Was sie nach wie vor trägt und stützt, ihr einen tiefen inneren Frieden gibt, das ist ihr Glaube. Sie gehört der Neuapostolischen Gemeinde an. Ein bescheidener und maßvoller Lebenswandel und dennoch dem Leben zugewandt sowie das Festhalten an christlichen Werten und dabei immer auch dem Mitmenschen achtend und beachtend, prägen den langen Lebensweg. In Urlaub ist sie nie gefahren, dann und wann in früheren Jahren ein Ausflug mit der Gemeinde.

Bis zum 14. Lebensjahr drückte die Fellingshäuserin die Schulbank der Dorfschule in ihrem Heimatort. Nach der Schulzeit trug sie zum Lebensunterhalt der Familie als Zigarrenarbeiterin bei. Drei Fabriken gab es seinerzeit in Fellingshausen - in allen hat sie bis zu ihrem 54. Lebensjahr gearbeitet. Am 13. Dezember 1967 heirate Karoline Stowasser ihren Mann Joseph, der vor 37 Jahren verstarb. "Ich war ein Spätzünder", schmunzelt sie. Er brachte zwei Kinder mit in die Ehe. Geblieben sind drei Enkel und fünf Urenkel, die, wann immer möglich, der alten Damen einen Besuch abstatten.

Besonders Enkelin Melanie ist häufig bei ihrer Großmutter, hat sie auch vor gut fünf Jahren ins Seniorenheim nach Lohra geholt, um ihr näher sein zu können.

Um Haus und Hof in der Wiesenstraße 9, wo die Altersjubilarin bis zu ihrem Umzug nach Lohra lebte und im hohen Alter immer noch einen Teil ihres Haushalts führen konnte, kümmerte sich Karoline Stowasser stets mit Hin- gabe und großem Selbstverständnis.

Gerne mal ein Gläschen Bier

Mit ihrer inzwischen verstorbenen Nachbarin Emilie Weber sah man sie oft spazieren gehen. Ihr Ziel: die Gastronomie "Hotel am Keltentor". Hier ruhten sich die beiden auf einer Bank aus und manchmal kam der Kellner mit einer kleinen Erfrischung vorbei. Ein Gläschen Bier zog Karoline Stowasser gerne mal einem Kaffee vor. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das schmeckt ihr auch im hohen Alter noch - ebenso wie Buttermilch. Zudem ist da noch der Streuselkuchen als Lieblingsspeise.

Zu ihrem Geburtstag wären gerne viele Gratulanten gekommen, unter ihnen mit Charlotte Meier (90) eine der beiden Cousinen sowie die beiden Cousins Erich Mattern (88) und Friedel Mattern (87). Glückwunschkarten mussten diesmal reichen.

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