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Franz Gareis

Mit wenigen Habseligkeiten

  • vonVolker Mattern
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Biebertal (m). Im April 1946, am Dienstag nach Ostern, wuchs Fellingshausen auf einen Schlag von rund 800 um 312 Menschen an. Heimatvertriebene Deutsche aus dem Egerland, Kreis Falkenau kamen damals auf dem Schulhof der Volksschule an. Bereits am Ostermontag waren über 300 Vertriebene in Rodheim gelandet, knapp 200 in Bieber. Sie stammten ebenfalls aus dem Egerland.

Mit Maria Gerlach und Franz Gareis erinnern sich zwei Zeitzeugen an dieses Ereignis vor 75 Jahren und die Zeit danach.

Gerne hätte die Gemeinde unter anderen Umständen diesen Jahrestag angemessen öffentlich begangen, bedauert Bürgermeisterin Patricia Ortmann. Aus den Fremden von damals sind schnell Freunde geworden, die das Leben und Miteinander in den Ortschaften rund um den Dünsberg mit geprägt und bereichert haben, so die Bürgermeisterin.

Da standen also die Familien mit ihren wenigen Habseligkeiten auf dem Schulhof in Fellingshausen. Unter ihnen war der heute 84-jährige Franz Gareis. Der damalige Bürgermeister Ludwig Bender und die Gemeindesekretärin Erika Schleenbecker wiesen den Menschen geeigneten Wohnraum zu. Schüler standen mit Handwagen bereit, um die Neuankömmlinge mit ihren wenigen Habseligkeiten zu ihren Unterkünften zu bringen.

Franz Gareis hat eine Auswertung zusammengestellt. Danach trafen in Fellingshausen 64 Ehepaare mit 83 Kindern und 63 Alleinstehende ein. Heute leben noch 25 Personen in Fellingshausen, die vor 75 Jahren als Vertriebene hier ankamen.

1949/50 konnten die Ersten von ihnen - die Familien Schug, Härtl und Hoier - in die in Eigenhilfe erstellten Häuser einziehen. Die Vertriebenen besiedelten neben den Bereichen Kirschenweg/Nordend auch die Straße Am Berg, liebevoll als »Knödelberg« bezeichnet.

Man näherte sich im Dorf an, brachte sich in Vereinen und der Kommunalpolitik ein und belebte die Dorfgemeinschaft mit eigenen Bräuchen und Sitten. Pfarrer Herrmann Trautwein stellte den katholischen Neubürgern das protestantische Gotteshaus zur Verfügung - nur Weihrauch durfte nicht sein.

Bis 1960 erhielten in Fellingshausen 30 Paare als sogenannte Mischehen den kirchlichen Segen. Die Warnungen der älteren, heimischen Bevölkerung, »nemm d’r nur kaa Flüchtlingsmaadche«, fanden wenig Beachtung.

Eine der ersten Eheschließungen eines Vertriebenen-Mädels mit einem Einheimischen war die zwischen Robert und Maria Gerlach, geb. Sandner. Sie ist mit 95 Jahren die älteste noch lebende Heimatvertriebene in Fellingshausen, ihr Mann inzwischen verstorben. Mit wachem Geist erinnert sich die Seniorin, wie es war, als das Zuhause in Graslitz im Kreis Falkenau verlassen werden musste und die Heimat auf 50 Kilo Gepäck pro Person reduziert wurde. Mitte April 1946 war für die damals 20-Jährige und ihre Mutter Anna Sandner die Zeit gekommen.

Angekommen im Lager Finsterloh in Wetzlar, dauerte es nochmals drei Tage, bis es weiterging. Wo würde die Fahrt auf den amerikanischen Lkw wohl enden? Dort, wo heute der Edeka-Markt in Rodheim steht, hat Maria Gerlach mal kurz die Plane beiseite geschoben und sah zwei Burgen und hügelige Wälder. »Das war ja fast wie daheim.« Etwas wich die Anspannung einem Gefühl der Erleichterung.

Zehn Quadratmeter groß war die Kammer, in der Mutter und Tochter in der heutigen Rodheimer Straße 27 (damals Familie Steinmüller) zunächst unterkamen und sich ein Strohsackbett teilen mussten.

»Wir hatten keine Küche, konnten uns keine Mahlzeit machen und bekamen ab und zu kleine Rationen in der Gastwirtschaft und Metzgerei bei Philipp Weber«, Großvater von Udo Weber, heute Landgasthof »Zum Dünsberg«. »Das war ein mitfühlender Mensch mit gutem Herzen.«

Trotz aller Schwierigkeiten am Anfang: So nach und nach gewann Normalität die Oberhand. Tanz, Fasching, Maibaumstellen - alles Traditionen und Brauchtum, mit denen die »Neuen«, unter ihnen viele Musikanten, die Alteingesessenen begeisterten, auch »wenn die zunächst nicht verstehen konnten, wie man trotz des Schicksals sich doch so viel Fröhlichkeit bewahren konnte«, erzählt Maria Gerlach, »aber vielleicht half grade das über schwere Zeiten hinweg.«

Gerlach fand bei der Firma Leitz in Wetzlar Anstellung als Graveurin. Am 19. Dezember 1949 heirateten Maria und Robert Gerlach, 1952 bezog man das eigene Heim in der Wiesenstraße, wo sie ihren Lebensabend verbringt.

Helmut Failing, Vorsitzender des Heimatvereins Rodheim, war bei Ankunft der Vertriebenen acht Jahre alt, hat aber als Einheimischer noch lebendige Erinnerungen an den Ostermontag vor 75 Jahren und die Entwicklung danach.

Auch wenn man das Wort Integration noch nicht kannte, sei die einheimische Bevölkerung überwiegend verständnisvoll und hilfsbereit gegenüber den Neuankömmlingen gewesen, so Failing. Aber auch an schwierige Situationen und Ressentiments erinnert er sich. Nicht zuletzt halfen die Kirchen und deren Hilfsorganisationen, Not und Leid zu mildern. Die Bevölkerung dachte oft pragmatisch und vorurteilslos: Wenn beispielsweise ein Vertriebener gut Fußball spielen konnte, war es egal, wo er herkam und welchen Glauben er hatte. FOTOS: M

Maria Gerlach

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