Kreis-Pirat vereitelte "Apfeltag" von Rewe an Grundschulen

Gießen (no/tb). Matthias Tampe-Haverkock aus Biebertal, für die Piraten Mandatsträger im Kreistag, hat’s nicht einfach in diesen Tagen: Erst trat er zu Wochenbeginn als kritischer Vater einer Grundschülerin einen Stein los, was sich zum relativen Erdrutsch ausweitete – und dann hagelte es nach dem politischen Erfolg keineswegs nur Lob, sondern auch massive Schelte.

Ihm und seinen Parteifreunden war es gelungen, vom Kultusministerium eine zur Unterrichtszeit geplante Goodwill-Werbeaktion von Rewe in Schulen untersagen zu lassen. "Seither werde ich gebürstet von allen Seiten, dass ich böse bin", sagte der Pirat am Donnerstag im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung. Vorwurf: Kindern in Afrika werde nicht geholfen, und hier enthalte man den Kleinen gesunde Kost vor.

Bereits am Dienstag breitete der Hessische Rundfunk in seinem Online-Portal den Streit offen aus. Mit ihrer Werbeaktion wolle die Rewe-Gruppe vor allem junge Familien erreichen. Der Lebensmittelriese plante für Donnerstag um 11 Uhr an 500 Grundschulen in Deutschland einen "Apfeltag" – offenbar ohne behördliche Erlaubnis. Solche Werbemaßnahmen seien an Schulen nicht zugelassen, wurde ein Sprecher des Kultusministeriums in Wiesbaden zitiert.

Matthias Tampe-Haverkock war von seiner Tochter informiert worden mit einem Flugblatt, das diese an der Schule erhalten hatte und das von Schulleitung, SOS-Kinderdörfer und Rewe unterzeichnet war. Unter dem Slogan "Gemeinsam Gutes tun" wolle man eine Million Grundschüler zeitgleich in einen von der Supermarktkette kostenlos verteilten Äpfel beißen lassen. Für jede Frucht werde das Unternehmen zehn Cent an ein Schulprojekt der SOS-Kinderdörfer in Ghana spenden.

Der Biebertaler blieb hartnäckig, insistierte zunächst beim Schulamt in Gießen.

Grünberger Kinder bekamen Äpfel

"Mit geht es da nicht um Rewe", sagte der Kreispolitiker am Donnerstag, "schon gar nicht habe ich was gegen den Markt hier in Rodheim-Bieber." Entscheidend für ihn: Während der Schulzeit sollten die Kinder Bildung genießen und nicht für Werbung missbraucht werden. Auch sei das Einverständnis der Eltern dafür nicht eingeholt worden. Sie seien lediglich mit dem erwähnten Flugblatt informiert worden. Auch andere Eltern an der Grundschule seiner Tochter seien von der Rewe-Aktion entsetzt. "Werbung in Schulen ist verboten!" Schule sei ein Schutzraum, der ungenehmigte "Apfeltag" folglich "ein Übergriff".

Ähnlich sah man dies im Kultusministerium. Die Aktion sei nicht abgesprochen, sagte Sprecher Christian Henkes zu HR-Online. "Um 11 Uhr wird an den Grundschulen Unterricht gemacht und kein Apfel gegessen." Werbemaßnahmen an Schulen, wie Rewe sie plant, seien nicht zugelassen. "Wir haben nichts gegen karitative Aktionen an Grundschulen. Dafür darf aber kein Unterricht ausfallen."

Laut HR habe indes Rewe-Sprecher Raimund Esser die Aktion verteidigt. "Da es sich um ein Schulprojekt in Afrika handelt, lag es hier nahe, Schulen solidarisch einzubeziehen", wurde er vom Sender zitiert. Der Kontakt zu den teilnehmenden Schulen sei ausschließlich über gewachsene persönliche Beziehungen der Rewe-Märkte vor Ort hergestellt worden.

Die zahlenmäßig größte Apfel-Aktion im Landkreis war übrigens in Grünberg geplant: Marktinhaber Bernd Messerschmitt hatte nicht weniger als 530 Äpfel waschen lassen; genug, um jeden Grundschüler der Ostkreisgemeinde – jeweils eine Charge für die Schulen in Grünberg und Stangenrod – mit dem vitaminhaltigen Präsent zu bedenken. Punkt 11 Uhr hätte es dann vor allem im Pausenhof der "Schule am Diebsturm" so richtig gewuselt, hätten alle Kinder um einen aufs Pflaster aufgemalten großen Apfel Aufstellung genommen, um so richtig "kräftig zuzubeißen.

" Zum geschenkten Apfel hätte es die Rewe-Ernährungsbroschüre gegeben. Sinniger Titel: "Mampf".

Trotzdem Rewe-Geld für Ghana

"Hätte, hätte – Fahrradkette!"

Bereits am Mittwoch erreichte auch die Grünberger Grundschule die Meldung, wonach das Kultusministerium das von Kritikern als "PR-Aktion zu Unterrichtszeiten" bezeichnete Vorhaben unterbinde. In der Gallusstadt übrigens ist kein einziger Apfel in die Tonne gewandert – alle fanden ihren Weg zu den Kindern (und möglichst in der Mägen), aber nicht während des Unterrichts.

Der Lebensmittelversorger kritisierte am Mittwoch "die Initiatoren der Negativkampagne", die nicht das Gespräch mit dem Unternehmen gesucht hätten. Man werde aber "auf jeden Fall 100 000 Euro an die SOD-Kinderdörfer für das Ghana-Projekt spenden". Und Rewe werde sich weiterhin tatkräftig "für die gesunde Ernährung von Kindern und Jugendlichen engagieren".

Streitbarer Sündenfall auf dem Schulhof – oder klare Angelegenheit? Verführung à la Adam und Eva – oder nur ein Missverständnis? Selbst bei www.piratenpartei-hessen.de im Internet mangelt es nicht an kritischen Kommentaren zum Vorgehen der Parteispitze. Ein "Anonymus" fragte gar: "Mit Kanonen auf Äpfel geschossen?"

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