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Erich Braas beim Komponieren an seinem Klavier.

Immer morgens ans Klavier

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Biebertal (m). "Ein Einfall ist wie ein göttlicher Funke", zitiert Erich Braas Johann Wolfgang von Goethe. Braas selbst hatte in seinem langen Leben zahlreiche dieser "göttlichen Funken". Der fast 89-jährige Fellingshäuser komponiert. Das sei seine Berufung, sagt er, wenn auch nachdenklich und mit leicht vernehmbarer Verbitterung, denn seine Werke haben trotzt vieler und intensiver Bemühungen die Öffentlichkeit bisher nicht oder nur in begrenztem Umfang erreicht.

Der gebürtige Oberfischbacher (Siegerland) sieht die Dinge realistisch und geht nicht mehr davon aus, dass sich irgendjemand für die Ergebnisse seines Schaffens in dem Maße interessiert, wie er sich immer gewünscht hat. Ein Leben lang hat er auf Förderung und Anerkennung gehofft - spärlich waren sie und die, die es ehrlich meinten, konnten ihm nicht zu einem Durchbruch verhelfen.

Gelernter Schreiner

Es sind einige hundert Kompositionen entstanden. Darunter sechs Sinfonien: "Europa-Sinfonie", "Gnade-Sinfonie", "Melodien-Sinfonie", die Sinfonie "Verrat am Genius" und weitere ohne Titel. Hinzu kommen der Orchester-Zyklus "Das Abendland", Deutsche Konzerte wie die Ballettmusik "Tanz ums Goldene Kalb", weitere 120 Lieder für Sopran und Klavier, über 80 christliche und über 40 lyrische Lieder.

Gerade bei der "Europa-Sinfonie" für Chor und Orchester hätte sich Braas sehr gefreut, wenn durch ein Orchester diese Sinfonie für Flöten, Oboen, Klarinette, Fagott, Violinen, Bratsche, Cello, Kontrabass und Pauken zur Aufführung gelangt wäre. Die Textunterlage dafür - "Ich danke Gott und freue mich" - stammt von Matthias Claudius. Braas hat die Sinfonie mit 1766 Takten aus Anlass der Einigung Europas komponiert, und um auf seine Art dafür zu danken, dass durch diese Einigung der Krieg in Europa dem Frieden weichen konnte.

"Man wird geboren und irgendwann muss man sich entscheiden", sagt der Komponist und er hat sich fürs Komponieren entschieden - was für Braas eine eher brotlose Kunst blieb. Der gelernte Schreiner war in seinem Beruf fünf Jahre als Geselle tätig und dann bis zu seiner Rente noch 20 Jahre bei der Post beschäftigt.

Trotz aller Enttäuschungen hat eine gewisse Gelassenheit in seinem Leben Platz gegriffen. Denn auch im hohen Alter und sich um seine kranke Ehefrau kümmernd, ist der kreative Funke nicht erloschen. "Am besten geht das morgens, wenn man frisch und ausgeschlafen ist", sagt er. Dann steht da im kleinen Zimmer seines Hauses in der Gladenbacher Straße das Klavier, an dem er seine Kompositionen erarbeitet.

Braas stammt aus einer musikalischen Bauernfamilie. Schon mit sechs Jahren spielte er eine Ziehharmonika mit vier Bässen. Das Instrument musste er sich lange von den Eltern erbetteln. In seine Zeit als Schreiner, Ende der 40er Jahre, fielen seine ersten Kompositionen. Denen sprach der Operettenkomponist Paul Abraham seine Anerkennung aus und ermunterte das Talent zum Weitermachen.

Nach einer mehrjährigen, schweren Erkrankung studierte Braas zwei Jahre am heutigen Richard-Strauß-Konservatorium in München. Danach lehrte ihn der Komponist Josef Suder acht Jahre lang Komposition, Klavier, Harmonielehre, Kontrapunkt und Instrumentation.

Im Wohnzimmerschrank stehen seine Kompositionen, gebunden und geheftet, darunter viele Stücke für Klavier. Lange hat Braas an seiner neuesten Veröffentlichung, der "Europa-Sinfonie" (Opus 122 für Chor und Sinfonieorchester) gearbeitet. Partitur und Klavierauszüge sind bei ihm erhältlich.

Einzelne seiner Arbeiten wurden schon gelegentlich bei Konzerten, etwa von Dr. Jürgen Gerlach, vorgestellt. Für Braas wäre es eine große Freude, wenn sich Interpreten fänden, die seine Werke zur Aufführung brächten. Vielleicht mangelt es auch an einer professionellen Vermarktung. Wer Interesse hat, für den hat der Fellingshäuser Komponist ein offenes Ohr (Tel. 0 64 09/29 97).

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