"Hass macht blind und zerstört"

  • vonKlaus Waldschmidt
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Biebertal(ws). "Betroffen sind wir, erschrocken, wütend, traurig. Zehn Menschen sind nicht weit von uns ums Leben gekommen. Erschossen von einem, der sich besser fühlte, überlegener als die anderen. Die Nachrichten und die Reaktionen machen zum Teil sprachlos. Und sprachlos macht, wie einige verharmlosen, dies als Einzeltat eines Verrückten deklarieren. Aber es reiht sich ein in eine Reihe, die sich durch unser Land zieht, NSU und dessen Morde, Walter Lübcke, der auf seiner Terrasse erschossen wird, die Synagoge in Halle, wo sich um Haaresbreite eine Katastrophe ereignet hätte. Und nun Hanau, wo Menschen sich bemühen, miteinander zu leben, wo Menschen sich eine Zukunft, eine Hoffnung aufbauen wollten. Und wo zehn Menschenleben nun ausgelöscht sind", sagte Pfarrer Günter Schäfer während der Mahnwache in der Krumbacher Kirche. Dazu waren über 120 Teilnehmer aller Glaubensrichtungen, aus allen Biebertaler Ortsteilen und darüber hinaus gekommen. Susanne Pitten begleitete die Gedenkstunde an der Orgel. "Hass macht blind und zerstört, und hasserfüllte Reden und Posts in sozialen Netzwerken vollführen ihr Werk, und Demagogen und ihre Erfüllungsgehilfen reiben sich still die Hände, weil ihre Hass-Saat aufzugehen scheint", sagte Schäfer.

Gegen Fanatismus und Fremdenhass

Bürgermeisterin Patricia Ortmann drückte ihre Betroffenheit aus und rief zum Widerstand gegen menschenverachtende Bestrebungen in der Gesellschaft auf. Der Täter habe sich "unerkannt radikalisiert", lautete eine Analyse. "Eins wissen wir wohl: Er war vor allem blind vor und voll an Hass", konstatierte Schäfer. Er ging auf die Ereignisse der Nazi-Herrschaft ein, während der Menschen plötzlich begannen, jüdische Verwandte, Freunde oder Kollegen zu meiden, teils zu hassen, auszugrenzen und deren Verschleppung und Ermordung zu ignorieren, zu tolerieren oder zu unterstützen. "Was hat aus Mitläufern Mittäter gemacht? Was aus Ignoranz und Gleichgültigkeit Hass? Aus Vielfalt, die ich eben noch genossen habe, Blindheit?", fragte Schäfer. Er appellierte, sich gegen Fanatismus, Fremdenhass und religiöse Intoleranz zu wehren. "Denn die Folgen sind damals wie heute fatal und Ursache von unsagbarem Leiden."

Mit dem Gebet von Pfarrer Claus Becker und dem Segen durch Pfarrer Schäfer endete die Mahnwache. Auch in Vetzberg fand mit Pfarrer Becker ein Gedenkgottesdienst zum Thema "Hanau, und jetzt?" für die Opfer des rechten Terrors statt.

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