1. Gießener Allgemeine
  2. Kreis Gießen
  3. Biebertal

Dünsberger in der Welt des Marcel Pagnol

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Biebertal (bf). Diese Erlebnisse hallen noch eine Zeit nach: Eine Woche lang wanderten 46 Naturfreunde des Dünsberg-Vereins mal nicht zwischen Hinterland und Vogelsberg, nicht in Mittelgebirgen oder in den Alpen, sondern im Mediterranen - jenseits des »blauen Garlabans« in der kleinen Welt des Marcel Pagnol.

Biebertal (bf). Diese Erlebnisse hallen noch eine Zeit nach: Eine Woche lang wanderten 46 Naturfreunde des Dünsberg-Vereins mal nicht zwischen Hinterland und Vogelsberg, nicht in Mittelgebirgen oder in den Alpen, sondern im Mediterranen - jenseits des »blauen Garlabans« in der kleinen Welt des Marcel Pagnol. Rund ums Hafenstädtchen Cassis, entlang des Mittelmeers übers Cap Canaille, Europas höchste Festland-Steilküste (400 m), bis nach La Ciotat. Durch karge Garrigue-Vegetation bis zur faszinierenden Calanque En-Vau; einem dieser schmalen, steilwandigen Täler, die teilweise vom Meer überflutet sind und dadurch fjordartigen Charakter haben. Vom Second-Empire-Palais Longchamp aus auf den Spuren des Schriftstellers Jean-Claude Izzo (Krimi-Trilogie mit Kommissar »Fabio Montale« u.a.) bis ins Panier-Viertel am Alten Hafen in Marseille.

Vorsitzender Cenneth Löhr und dessen »Vize« Dieter Fähler hatten ihre Freude an einer außerordentlich vitalen Gemeinschaft. Die offenbarte ein übers (Berg-)Wandern weit hinaus gehendes Interesse an Landeskunde, Geschichte und Literatur, an lokaler Tradition und Alltagskultur, knüpfte an frühere »La douce France«-Touren des Vereins an, die Collioure im Roussillon samt Barcelona (1996 / 2001) und Paris (1993 / 1998) zum Ziel hatten.

Ein weiteres Mal nutzten die Dünsberger die Möglichkeit zum Dialog mit Freunden in und aus Sarrians, Biebertals Partnergemeinde. Im Dörfchen bei Avignon gaben die Provencalen einen Apéritif-Empfang für die anreisenden Oberhessen. Und am Ende der Woche beteiligte sich ein wackeres Dutzend Mitglieder des Comité de Jumelage Sarrians an der Abschlusswanderung, darunter Vorsitzende Blanche Busca und die bis 2006 in Biebertal beheimatete Patricia Leydier.

Bis vergangenen Samstag hatten die Dünsberger ausreichend Gelegenheit, den guten Ruf des Midi auf seine Richtigkeit hin zu überprüfen. Immerhin heißt es von der Provence, Gott habe sie am letzten Tag seiner Schöpfung geschaffen und - nachgerade Klima und Landschaft betreffend - nur beste Zutaten verwendet.

Das Motto der Reise stammte von Pagnol (* 1895 / † 1974), dem unvergessenen Autoren und Filmemacher aus Aubagne: »Für Optimisten ist das Leben kein Problem, sondern bereits die Lösung!« Da konnte selbst das bisschen Regen zur Wochenmitte das mentale Gleichgewicht der Reisenden nicht aus der Waage bringen. Wie glitzernde Perlen in der Sonne des Mediterannée reihten sich die (für die allermeisten Teilnehmer neuen) Eindrücke aneinander.

Wandern auf kalkweißem Stein, Rosmarinsträucher streifend, deren ätherischen Duft einatmend. Im Schatten eines Pinienwäldchens stehend, fast 100 Meter über einer Schlucht, dort auf türkis schillerndes Wasser schauen. In Marseille auf dem Cours Julien, im Szeneviertel, unterhalten werden von einem musizierenden Clowns-Ensemble. Orient-Imbiss in der Rue d’Aubagne, sozusagen mitten in Afrika, mindestens auf dem Maghreb.

Im Panier-Viertel über dem Hafen davon hören, wie perfide und systematisch die deutschen Besatzer im Januar 1943 vorgegangen waren, SS, Wehrmacht, unterstützt von der französischen Verwaltung: 27 000 Menschen zwangumgesiedelt, 1640 Bewohner der Stadt - darunter nahezu 800 Juden - festgesetzt, deportiert, ermordet.

An der Corniche, kurz vor Les Goudes und Callelongue, in der Nachmittagssonne auf Löhrs neugeborenen Enkel anstoßen. Sich mit den Marseillais freuen über die Meisterschaft der Olympique-Fußballer - der ersten seit jenen Jahren, in denen dort Franz Beckenbauer Trainer und Sportdirektor war und Rudi Völler Mittelstürmer. In Cassis am Hafen geborgen sein »chez Robin« im Hotel du Golfe. Allabendlich zum Schlaftrunk Einkehr bei Manu in der »Bar de la Fontaine«. Meeresfrüchte genießen im »Les Roches Blanches« und Drachenkopf-Filet (»Rascasse«) bei Jean-Jacques im »Le Commerce«. Weine von »Paternel« goutieren oder ein frisches »1664«-Bier »zischen«. Übers Cap Canaille rund zwölf Kilometer nach La Ciotat gehen und in Summe 1000 Höhenmeter überwinden. Noch ein Abstecher nach Aubagne, in den Pavillon »Le petit Monde du Marcel Pagnol« mit den zahllosen Santons, kurz Heuchelheims Partnergemeinde Gémenos besuchen.

Mit einem Boot an neun Calanques vorbei - bis Sormiou, einem der Filmdrehorte, an denen Alain Delon 2001 den Fabio Montale gab. Auf dem Wochenmarkt vom Bauern korsischen Käse kaufen und frischen Knoblauch. Provence sehen, riechen, atmen.

Organisation und Reiseleitung oblagen Susanne und Norbert Schmidt von den Wettenberger »Deutschfranzosen«, am Gelingen maßgeblich beteiligt war »Conducteur« Guido Hofmann.

»Für Optimisten ist das Leben kein Problem, sondern bereits die Lösung!«

Marcel Pagnol, franz. Schriftsteller

Auch interessant

Kommentare