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Zum letzten Mal an der Ballettstange: Mieke Steinke muss ihr Tanzstudio auf Hof Schmitte aufgeben.

Hof Schmitte

Darum muss Mieke Steinke (82) raus aus ihrem Tanzstudio

44 Jahre lang hat Mieke Steinke auf Hof Schmitte Ballett und Tanz unterrichtet. Jetzt muss die 82-Jährige raus aus ihrem Studio. Weil die Gebäude zu einer Hotelanlage umgebaut werden sollen, geht das kulturelle Schaffen in der alten Mühle zu Ende.

Es ist trüb an diesem Nachmittag. Die kühle Witterung kündet vom Herbst. Dennoch fällt genug Licht durch die sechs Fenster und erhellt den großen Raum, der sich im zweiten Obergeschoss befindet. Beim Betreten fällt der Blick auf einen Strauß voller Dahlien, der auf einer überdimensionalen Theke steht und in warmen Farben leuchtet. An einer Wand sind drei riesige Spiegel angebracht, an zwei weiteren Metallhalterungen, auf denen lange, runde Holzlatten liegen. Ballettstangen, um genau zu sein. Hier oben, in der ehemaligen Mühle auf Hof Schmitte, befindet sich das Tanzstudio von Mieke Steinke. 44 Jahre hat sie auf diesen 80 Quadratmetern gewirkt und vielen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Haltung und Körperausdruck beigebracht. Vergangene Woche wurde auf den Dielen zum letzten Mal getanzt.

Die gebürtige Niederländerin, die in Utrecht und Amsterdam zur Schule ging, hatte eigentlich Sekretärin gelernt. Doch schon während ihres ersten Jobs in Basel, wo sie hingezogen war, um ihr Deutsch zu verbessern, zeigte sich ihre Leidenschaft für das Tanzen, das sie während ihrer Au-pair-Zeit in Paris und anschließend in der niederländischen Heimat intensivierte. "In Amsterdam ging ich fast jeden Abend in die Ballettstunde", erzählt die 82-Jährige. Mehr noch. Sie durfte für ihre Lehrerin den Unterricht sogar anleiten. Ihr folgte sie schließlich auch an die Hochschule für Musik nach Hannover, wo Steinke zwei Abschlüsse machte - in Theatertanz und Tanzpädagogik.

Ihr erstes Engagement führte Mieke Steinke an die Lahn. Am Gießener Stadttheater arbeitete sie als Gruppentänzerin und Assistentin von Ballettmeisterin Gudrun Kreutzberger-Dux. Zwar hatte die verhältnismäßig kleine Universitätsstadt bei weitem nicht so viel zu bieten wie die Metropolen, in denen Steinke zuvor gelebt hatte. Aber: "Ich konnte tanzen und bekam auch noch Geld dafür." "Natürlich haben wir anfangs versucht von hier wegzukommen", erinnert sich Steinke, "aber irgendwann hat man Kinder und einen Freundeskreis". Und natürlich eine Wirkungsstätte.

Den Bezug der alten Mühle in Rodheim ermöglichte 1975 die damalige Eigentümerin von Hof Schmitte, Freifrau Dorothea van der Hoop. "Mein Mann Klaus Steinke und Boris Köhncke suchten ein Atelier. Hier wurden sie fündig", berichtet die Seniorin. Weil in dem denkmalgeschützten Gebäude jede Menge Platz war, schafften sich dort auch die Ehefrauen der beiden Künstler - neben Mieke Steinke die Dichterin Dietlind Köhncke - ihren kulturellen Lebensmittelpunkt. "Eigentlich wollte ich mich nicht selbstständig machen", erzählt Steincke, die damals bereits Ballett und Tanz an Herder- und Volkshochschule, an der Universität und im Verein unterrichtete. Der städtischen Bühne hatte sie zu dieser Zeit bereits den Rücken gekehrt, aber das nie bereut. "Ich fand es so schön, Kinder zu unterrichten, dass ich der Professionalität des Theaters nicht nachgeweint habe", sagt sie. Neben Ballett lehrte Steinke auch Improvisation, Modern- und Jazzdance sowie Bühnenfolklore. Kinder und Jugendliche sind bei ihr tänzerisch groß geworden. Die letzten elf Jahre arbeitete Steinke nur noch mit Erwachsenen. 45 waren es zuletzt, zwischen 40 und 81 Jahren. "Bis vor kurzem war sogar eine 90-Jährige dabei", erzählt Steinke.

Sie selbst hatte ihren letzten Einsatz als Tänzerin 2010 bei einem Site Specific Project des Marburger Choreografen Rolf Michenfelder. Dennoch hält die 82-Jährige ihren Körper mit regelmäßigem Training fit. "Eigentlich müsste das jeden Morgen sein", sagt sie, "aber momentan schaffe ich das nicht". Weil sie und ihr Mann die Mühle bis zum 21. Oktober ausgeräumt haben müssen. Zwar ist das Mobiliar im Tanzstudio überschaubar. Aber die anderen Räumlichkeiten stehen voller Utensilien aus dem Künstlerbedarf sowie fertiger Exponate.

Steinke bedauert sehr, dass das kulturelle Schaffen in der alten Mühle zu Ende geht. "Ich bin traurig, loslassen zu müssen, weil man von den Schülern so viel zurück bekommt. Aber ich bin auch dankbar für diese Zeit", sagt sie. Und wer weiß, vielleicht bietet sich an anderer Stelle eine neue Chance. Denn genug vom Tanzen hat die Biebertalerin noch lange nicht.

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