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Schwimmmeister Michael Schad erklärt, woran man einen schlechten Schwimmer erkennt: "Er hat immer den Kopf im Nacken und bewegt die Arme schnell und abgehackt flach unter dem Wasser."

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Schwimmmeister im Kreis Gießen warnt: "Kinder ertrinken still"

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Immer weniger Kinder sind sichere Schwimmer. Auch im Kreis Gießen ist das zu beobachten. Michael Schad, Schwimmmeister im Familienbad Biebertal, weiß, warum Eltern eine Teilschuld tragen.

Was muss man machen, um das Seepferdchenabzeichen zu bekommen?", fragt ein älterer Mann. Er hat gerade an die Glasscheibe des Arbeitsplatzes von Schwimmmeister Michael Schad im Biebertaler Familienbad geklopft. "Sie müssen 25 Meter schwimmen, vom Beckenrand springen und einen Gegenstand mit den Händen aus schultertiefem Wasser holen", erklärt Schad. "Kann man das heute bei Ihnen machen?" - "Ja, für Sie nehme ich mir gerne die Zeit", sagt der Schwimmmeister und lächelt. Doch wie sich herausstellt geht es nicht um den älteren Herrn, sondern um seine Enkelin. Sie sind an diesem Nachmittag gemeinsam im Schwimmbad, und endlich soll auch das Abzeichen mit dem kleinen orangefarbenen Seepferdchen den Badeanzug der Grundschülerin schmücken.

Das ist leider kein alltägliches Bild, bedauert Schad. Und bestätigt damit eine Studie der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Demnach können immer weniger Kinder schwimmen. "Als sicherer Schwimmer gilt aber erst, wer die Disziplinen des Jugendschwimmabzeichens Bronze erfüllen kann. Denn alle Experten, Sportwissenschaftler und die Ausbilder der DLRG sind sich einig, dass die Prüfungsanforderungen des Seepferdchens dafür zu gering sind", erklärt Christian Momberger, Pressesprecher der DLRG-Kreisgruppe Gießen. Nur noch 40 Prozent erreichen bis zum Abschluss der vierten Klasse den sogenannten Freischwimmer. Ende der 1980er Jahre waren es noch mehr als 90 Prozent. Und nach einer 2017 von der DLRG in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage sind rund 60 Prozent der Grundschüler und jeder zweite Erwachsene nach eigenen Angaben Nichtschwimmer oder schlechte Schwimmer.

Immer mehr Schulen schaffen Schwimmunterricht ab

Dennoch: Schwimmkurse sind regelmäßig ausgebucht. Teils gibt es lange Wartelisten. Woran liegt dann diese Entwicklung? "Natürlich zum einen daran, dass immer mehr Schulen den Schwimmunterricht abschaffen", sagt Schad. Momberger erklärt: 25 Prozent der Grundschulen haben keinen Zugang zu einem Schwimmbad. Und da liege das große Problem: "Bundesweit werden immer mehr Schwimmbäder geschlossen oder in reine Spaß- und Freizeitbäder umgewandelt", sagt er. Diese Entwicklung hat in den vergangenen Jahren auch vor der Region keinen Halt gemacht. "Viele Bäder wurden geschlossen oder sind von der Existenz bedroht - etwa die Schwimmbäder in Heuchelheim oder Grünberg", sagt Momberger. Somit nehme die Zahl der "Wasserflächen", in denen eine Schwimmausbildung durchgeführt werden kann, immer mehr ab. Auch für die DLRG und Schwimmvereine werde es immer schwerer, ausreichende Übungszeiten zu bekommen und Anfängerschwimmkurse anbieten zu können.

Schwimmmeister Michael Schad

Schad beobachtet noch eine weitere Entwicklung: "In der Gesellschaft hat sich ein Wandel vollzogen. Eltern beschäftigen sich nicht mehr mit ihren Kindern. Sie bewegen sich nicht mehr und ermutigen ihre Kinder nicht dazu", sagt er. Das zeige sich auch in anderen Sportvereinen. "Da sind Kinder mit fünf Jahren teils noch nicht in der Lage, einen Ball zu fangen." Wenn er Schwimmkurse gibt, ermutigt er die Eltern im Anschluss noch, mit den Kindern im Wasser zu spielen. "Die Eltern müssen selbst den Hintern hoch kriegen. Dabei lernen die Kinder am besten das Schwimmen", erklärt er. Doch kaum ein Elternteil sei dazu bereit. "Sie holen die Kinder aus dem Wasser und dann geht es nach Hause." Im normalen Schwimmbetrieb beobachte er auch immer mehr Mütter und Väter dabei, dass sie zunehmend auf dem Handy "daddeln", als auf ihre Kinder zu achten. Täglich müsse er Eltern ermahnen, sich um ihre Kinder zu kümmern. "Meist erkenne ich die Kandidaten schon, wenn sie aus der Umkleidekabine kommen", sagt er und nickt in Richtung Duschkabinen. Seit über 40 Jahren arbeitet er als Schwimmmeister.

Immer weniger Kinder sind sichere Schwimmer: Politik und Eltern gefordert

Die Gefahr ist, dass Kinder still ertrinken, sagt Schad. "Sie schreien nicht oder zappeln hektisch." Einen unsicheren Schwimmer erkenne man daran, dass er seinen Kopf im Nacken habe und die Arme abgehackt flach unter dem Wasser bewege. "Das ist eine typische Sägezahnbewegung, die die ganze Energie kostet."

Neben den Eltern sei auch die Politik gefordert, den Schwimmunterricht wieder zu fördern, indem sie Bund, Länder und Kommunen gleichermaßen bei der Sanierung der Bäder einbinde, fordert die DLRG. "Ebenso sollte verstärkt in die Ausbildung und Qualifikation der Lehrkräfte in den Schulen investiert werden", sagt Momberger. Mangelware seien auch Schwimmmeister, genauer: Fachangestellte für Bäderbetriebe. "Es ist ein vielseitiger Beruf, der großen Spaß macht. Das wird leider zu selten beachtet. Wir müssen mehr um Auszubildende werben", sagt Schad, schnappt sich die Stoppuhr und geht zu Großvater und Enkelin.

Immer weniger Kinder sind sichere Schwimmer:

Erschreckende Zahlen

Laut DLRG sind im vergangenen Jahr mindestens 504 Menschen in Deutschland ertrunken, 233 davon in Seen. Darunter waren 71 Kinder und Jugendliche, im Jahr davor waren es noch 44. Auch bei den Erwachsenen ist die Zahl erschreckend: 203 Menschen ertranken, 80 mehr als 2017. Wie viele dieser Unfälle auf nicht ausreichende Schwimmfähigkeit zurückzuführen sind, lässt sich nicht genau sagen. Die häufigsten Ursachen seien Selbstüberschätzung, Leichtsinn oder Unkenntnis über das Gewässer, sagt Christian Momberger, Pressesprecher des DLRG-Kreisverbands Gießen. "Die Schwimmfähigkeit ist aber ein nicht ganz unwichtiger Grund."

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