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Blick auf die Grünberger Steinmühle (links) mit der Scheune zur Lauterer Straße hin.

Bewegte Geschichte

  • Thomas Brückner
    VonThomas Brückner
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Nicht weniger als fünf Mühlen gab es einst in Grünberg. Und alle drehten sich im Brunnental. Nicht von ungefähr: Seit altersher fließt dort genug kühles Wasser, um den Mühlrädern die nötige Kraft zu verleihen. Und das auch noch für lau. Die älteste ihrer Zunft ist die Steinmühle, ihre Anfänge reichen bis ins Jahr 1350 zurück. Spaziergänger aber würdigen sie kaum eines Gedankens.

Dabei birgt auch dieser »vergessene Ort« eine - auch buchstäblich - bewegte Geschichte.

Das Tal am Rande ihrer Stadt diente den Grünbergern zuvörderst als Quell frischen Wassers. Also bauten sie hier die namensgebenden Brunnen, pumpten das lebensspendende Wasser hinauf in die Stadt. Und das schon ab 1420 - eine technische Pionierleistung. Für Wasserreichtum sorgten neben den Quellen der Äschers- und Flachsbach. Insgesamt ideale Bedingungen für die Entwicklung des Müllerwesens in Grünberg.

Ein gleichsam elementarer Zweig der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, da er den Menschen das Mehl fürs tägliche Brot, dem Vieh das Schrot schaffte.

Nicht nur für diese Facette der Stadtgeschichte ist Dr. Werner Faust (75) ein kundiger Gesprächspartner. Der kann dabei auch auf Recherchen zurückgreifen, die Erhard Zimmer Anfang der 1970er für die Stadtchronik (»Klüther«) angestellt hatte. Erhard Zimmer? Älteren ist er wohlbekannt, da er als Bürstmeister des Gallusmarktes Zugereiste zu »originären Grimmichern« erhob - von 1965 bis 1971 und von 1973 bis 1983 tat er das. Bis just ein gewisser Werner Faust ihn ablöste und das Amt bis 2004 versah.

Zurück zu den Mühlen: Sozusagen ihr Senior ist die erwähnte Steinmühle. »Nur sie«, macht Faust auf eine erste Besonderheit aufmerksam, »gehörte den Landgrafen, die sie in Erbpacht vergaben.« Bis zur Säkularisierung im 16. Jahrhundert seien alle anderen Eigentum der Antoniter gewesen (siehe Zusatzelement).

1711, so der Heimatkundler weiter, kam eine weitere, neue Mühle hinzu: Ein Johannes Zimmer erbaute sie an der Hungener Straße. Ein Schlenker mit persönlichem Bezug, reichen doch die Wurzeln der Familie Faust zur Wadenhäuser Mühle, nahe Ilsdorf gelegen. Und just von dort stammte der »Neu-Müller«.

Als Kulturdenkmal ausgewiesen

Nicht der einzige »genealogische Schlenker«. Was sich zeigen wird, wenn die Rede wieder auf die Steinmühle, kommt. Vor rund 670 Jahren schon wurden ihre Fundamente gelegt. Also erfüllte bald an der Straße nach Lauter das Klappern der Mühle die Luft. Zwar in Dokumenten als Steinmühle benannt, ist sie in Grünberg doch eher als Zimmersmühle bekannt.

Seinen Ursprung hatte dies 1823: Johann Heinrich Zimmer von besagter Neumühle heiratete damals Anna Maria Bommersheim von der Steinmühle. Ihr Vater Heinrich hatte 1806 das Anwesen gekauft und um Stall und Scheune erweitert. Die Mühle selbst war 1770 neu errichtet worden.

Ihren historischen Stellenwert dokumentiert die Aufnahme in die deutsche Denkmaltopographie. Darin erwähnt wird unter anderem der Umbau des ausgewiesenen Kulturdenkmals« durch Heinrich Konrad Zimmer 1875, der 1907 auch das Wohnhaus in Auftrag gab: »Ein dreigeschossiger, villenartiger Bau mit Quadersockel und hohem Mansarddach«, heißt es in der Topographie. Heinrich Konrad nun war der Großvater von Hans-Rudolf Zimmer, dem letzten Grünberger Müller. 1992, sieben Jahre vor seinem Tod, kam das Aus für seine Mühle, setzten sich die Walzenstühle letztmals in Bewegung, vermahlten Roggen und Weizen zu Mehl und Schrot.

An die Zeit davor kann sich Werner Faust noch gut erinnern. Als Bub hatte er Müller und Mühle kennen gelernt. Holte doch der Vater hier sein Mehl. In der Neustadt - zuletzt im Besitz der Familie Prehn - führte der eine Bäckerei.

Die Leiter rauf, 100 Kilo auf dem Buckel

Solche gab es in alter Zeit fast in jeder Straße der Gallusstadt. Faust zeigt dazu auf einen Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1856: Ganze 29 Grünberger Bäckereien sind dort aufgeführt. Mitsamt der Preise für einen Vierpfünder, alle aus »2/3 Korn und 1/3 Gerste«, alle um die 17 Kreuzer.

»Oft standen fünf, sechs Wagen, voll beladen mit Korn, auf dem Hof«, erinnert sich der heute 75-Jährige. Wie bei allen Mühlen aus alter Zeit lieh auch hier ein Bach seine Kraft dem Wasserrad. Das wiederum trieb über ein vermeintliches Gewirr aus Transmissionsriemen Hubeinrichtungen, Schälmaschinen und Walzenstühle an. Später, laut Stadtchronik ums Jahr 1927, wurde eine wasserbetriebene Turbine zur Stromerzeugung eingebaut.

Die Zimmersmühle verarbeitete das Getreide vieler Landwirte aus der Umgebung. Das Mehl wurde in Säcke, einen Doppelzentner schwer, abgefüllt. Keine leichte Sache, möchte man meinen. An dieser Stelle erzählt Faust noch, wie er und viele Grünberger Bauklötze staunten, wenn der »Zimmersch Rudolf« oder sein Gehilfe Franz Bös in der Barfüßergasse die Leiter hinaufkletterten, um zum Mehlboden der Bäckerei Stein zu gelangen - auf dem Buckel einen der 100 Kilo schweren Säcke.

1992 aber endete das letzte Kapitel dieser uralten Mühlentradition, in der Lauterer Straße wie für ganz Grünberg. Die Gründe auch hier: Die Konkurrenz der großen Betriebe war zu stark geworden.

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