Bewegende Szenen von Armut und Gewalt beim Max Ophüls Festival

Von wegen "Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause", wie jemand an eine Wand gekritzelt hat. Das Gefängnis ist für den Halbwüchsigen zu einem Albtraum geworden. "Picco", so lautet der Titel dieses beklemmend authentisch inszenierten Dramas, einer der herausragendsten Beiträge beim 31. Saarbrücker Max Ophüls Festival, verdientermaßen prämiert mit dem Preis des Saarländischen Ministerpräsidenten.

Wovor er denn Angst habe, fragt die Psychologin. Doch Kevin kann nicht reden. Nicht über das alltägliche Mobbing unter seiner Zellengenossen, nicht über die Aggressionen einiger Häftlinge, die Schwächere peinigen. Von wegen "Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause", wie jemand an eine Wand gekritzelt hat. Das Gefängnis ist für den Halbwüchsigen zu einem Albtraum geworden. "Picco", so lautet der Titel dieses beklemmend authentisch inszenierten Dramas, einer der herausragendsten Beiträge beim 31. Saarbrücker Max Ophüls Festival, verdientermaßen prämiert mit dem Preis des Saarländischen Ministerpräsidenten. Ganz ohne Musik kommt Philip Kochs auf wahren Begebenheiten beruhendes Kammerspiel aus, das so schwer auszuhalten ist, dass viele Zuschauer vorzeitig aus dem Kinosaal flüchteten. Spätestens wenn drei Insassen einen vierten zunächst misshandeln und schließlich in den Tod treiben. So sieht sie also aus, unsere vermeintliche "Besserungsanstalt", die in Wirklichkeit eine Folterkammer ist.

Überhaupt war Gewalt das zentrale Thema auf einem der wichtigsten Festivals für den jungen deutschsprachigen Nachwuchs. Und viele dieser erschütternden Geschichten zeugen von einer Reife und dokumentarischen Schärfe, wie man sie von so erfahrenen Meisterregisseuren wie Andreas Dresen oder Ken Loach gewohnt ist.

So gibt etwa Lisa Violetta Gaß in ihrer bemerkenswerten Studie "Gisberta" in der Sektion "mittellange Filme" Einblick in ein Jungenheim. Auch hier quälen die Rabauken den Schwächsten im Bunde, umzingeln gar am Ende die neue Küchenangestellte, die ihm den Rücken stärkt. Unwillkürlich denkt man da an Dominik B., den Geschäftsmann, der sich in München schützend vor ein paar Kinder stellte und kurze Zeit später von Jugendlichen zu Tode geprügelt wurde.

Auch in vielen anderen Produktionen legen die Jungregisseure zielsicher den Finger in die Wunden unserer Gesellschaft - auf einem durchweg hohen Niveau in allen Sektionen. Zum Gewinner des mit 18 000 Euro dotierten Max Ophüls Preis kürte die Jury etwas überraschend "Schwerkraft" von Max Erlenwein, auch ein Beitrag zur Sucht nach Gewalt und Kriminalität unter Männern (ab 25. März auch im Kino).

Stärker noch unter die Haut ging Andreas Arnstedts knallhartes Sozialdrama "Die Entbehrlichen", ausgezeichnet mit einem Verleihförderpreis von 9000 Euro. Hartz IV, wachsende Armut und geizige Wohlhabende sind hier die Themen. Seine grenzenlose Wut auf den sozialen Kahlschlag lässt hier ein Arbeitsloser an einem Plakat mit Gerhard Schröder aus, während sein zwölfjähriger Sohn sich damit abfinden muss, aus finanziellen Gründen auf die anstehende Klassenfahrt zu verzichten. Die gut situierten Eltern seiner besten Freundin könnten mit Leichtigkeit aushelfen, denken aber nicht daran.

Sollen wir uns als Europäer in die Kriegspolitik der Amerikaner einmischen? Das ist eine von vielen Fragen, die Lancelot von Nasos bewegender, großartiger Film "Waffenstillstand" aufwirft, der idealistische Ärzte und Journalisten ins Zentrum rückt, die während des Irakkriegs ihr Leben aufs Spiel setzen, um schwer verwundeten Zivilisten zu helfen.

Zu den entdeckenswerten Talenten zählt auch der türkische Regisseur Su Turhan. Ähnlich wie sein erfolgreicher Kollege Fatih Akin in seinem preisgekrönten Film "Gegen die Wand" porträtiert auch er mit "Ayla" eine moderne, selbstbewusste Deutschtürkin, die gegen die strengen Traditionen ihrer Familie ankämpft und den geplanten "Ehrenmord" an einer Freundin verhindert. Turhans Geschichte kommt übrigens nicht halb so vulgär und pornografisch daher wie Akins Filme, und Sexualität spielt hier weniger eine Rolle als der solidarische Zusammenhalt unter den Frauen. Schwer verständlich, dass die Jury ihn bei der Preisvergabe ganz vergessen hat.

So wichtig all die Filme zu den sozialen Problemen der Erniedrigten und Benachteiligten, so gut tut auch ein Hoffnungsschimmer. Einen der schönsten und optimistischsten Filme, der eigentlich im Dokumentarfilm-Wettbewerb hätte laufen müssen, versteckte das Festival in einer Nebenreihe. "Das Dschungelradio" von Susanne Jaeger wirft ein Licht auf bemerkenswerte Emanzipationsansätze mitten im Urwald Nicaraguas.

Eine kleine Radiostation ermöglicht es Frauen an diesem Ort ohne Telefon, gegen den alltäglichen Chauvinismus zu kämpfen, die Machos zu denunzieren, die sie und ihre Kinder schlagen, Misshandelten auch Mut zu machen, ihre Männer zu verlassen. Wie Ayla, die sich schützend vor ihre Freundin stellt, als sie mit einer Pistole bedroht wird, kennt auch der Mut der Radiomacherin keine Grenzen: "Wenn man mich vom Mikrofon wegschießt, werden das alle hören." Kirsten Liese

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