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Karl-Heinz Funck im November 2015 als spontaner Dirigent beim Musikverein Allendorf. Nach einem Jahrzehnt als Vorsitzender und Dirigent des Kreistags scheidet er aus dem Amt aus.

»Bewahrer der Würde«

  • VonStefan Schaal
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Nach zehn Jahren als Vorsitzender des Kreistags verabschiedet sich Karl-Heinz Funck von seinem Amt und zieht Bilanz. Stolz machen ihn vor allem die vergangenen Monate während der Corona-Krise, sagt er. »Wir sind nicht in Lethargie verfallen.«

Es sind pathetische Worte. Doch treffend beschreiben sie die Rolle des Mannes, der zehn Jahre lang der Vorsitzende des Kreistags war - und sich nun von dem Amt verabschiedet. Mit außergewöhnlichem, »heftigem« Engagement, erklärt Thomas Euler, der beim Landkreis die Stabsstelle für die politischen Gremien leitet, habe sich Karl-Heinz Funck für die Rechte der Abgeordneten, die Repräsentation des Kreistags und »für die Wahrung der Würde des Hauses« eingesetzt.

Im Kreistag wird der 76 Jahre alte Funck voraussichtlich auch in den kommenden fünf Jahren, wie er vermutet, weiter sitzen, nun allerdings wieder in den Reihen der SPD-Fraktion und nicht mehr ganz vorne. Entscheiden wird sich das in den kommenden Tagen. Die SPD hat nach der Kommunalwahl 17 Sitze im Kreistag, Funck ist auf Platz 20 innerhalb seiner Fraktion gelandet, dennoch könnte er durch den Verzicht anderer auf ihr Mandat noch in den Kreistag aufrücken.

Wehmut klingt aus den Worten Funcks zu seinem Abschied als Vorsitzender des Gremiums allerdings nicht heraus. Im Gegenteil. Seine Augen funkeln, die Stimme wird immer lauter und lebhafter, als er auf Debatten, Beschlüsse und ungewöhnliche Situationen in den vergangenen zehn Jahren zurückblickt. Er sei stolz, betont Funck, wie der Kreistag mit der Corona-Krise bisher umgegangen sei. »Wir sind nicht in Lethargie verfallen«, sagt er. »Der Angriff des Virus hat die politische Vertretung des Landkreises nicht geschwächt.«

Wer sich mit Funck unterhält, realisiert nach wenigen Augenblicken, was ihn an der Kommunalpolitik reizt. Es sind harte zugespitzte Debatten. »Allerdings in der Sache«, sagt der 76-Jährige. Gegen Angriffe auf Parlamentarier oder auf Vertreter des Kreisausländerbeirats wie durch die AfD ist Funck mehrfach durch Rügen und Rufe zur Ordnung eingeschritten.

Wichtig sei ihm neben der Wahrung von Respekt und Würde im Parlament insbesondere Transparenz, erklärt Funck. »Ich habe immer darauf gedrängt, dass Unterlagen möglichst umfassend allen Abgeordneten zur Verfügung gestellt werden.« Keine Fraktion dürfe einen Wissensvorsprung haben. »Es muss in der Sache debattiert werden - und nicht darüber, wer wann Informationen nicht erhalten hat.«

Funck ist ein Urgestein der Kommunalpolitik im Gießener Land. Seit 41 Jahren gehört er dem Kreistag an. Bekanntheit in der Region erlangte er bereits in den tumultreichen 70er Jahren als AStA-Vorsitzenden und Sprecher der hessischen Studentenschaften.

So mancher Kommunalpolitiker rümpfte denn auch die Nase, als Funck - kurz nach Auflösung der Stadt Lahn und der Wiedergeburt des Landkreises - 1979 im Kreistag als Abgeordneter erstmals auftrat und im hohen Hause aufgrund seines Outfits in Jeans und seiner langen Haare sowie wegen seiner bisweilen ausschweifenden Reden und durch seine politischen Positionen auffiel.

Funck beanspruchte mit Wort und Tat die Linksaußenposition in der SPD-Fraktion für sich. Selbst Genossen wie Alfred Funk, der langjährige Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten, der dem gemäßigten Flügel seiner Partei angehörte, setzte anfangs zu Sprints aus dem Saal an, wenn Funck ans Mikrofon trat. Zur Freude Funks entstand damals der Spitzname »ck«, denn damit wurde Funck von ihm deutlich unterschieden.

Doch Funck erwarb sich bald Anerkennung durch kontinuierliches Einarbeiten in schwierige Bereiche wie beispielsweise in der Umweltpolitik. Inzwischen, seit 2018, ist er aufgrund seines ehrenamtlichen Engagements Träger des Bundesverdienstkreuzes.

»Ich war ein Spätentwickler«, sagt der 76-Jährige über sich. Kleinwüchsig sei er als Kind gewesen, die ersten Jahre hat er in Glückstadt an der Elbe bei Hamburg verbracht, mit seinen drei Geschwistern habe er »wirklichen Hunger kennengelernt« Die Eltern, sein Vater war Elektriker, taten alles, um die Kinder in den Nachkriegswirren durchzubringen. Ein Wendepunkt in seinem Leben sei dann aber das Leistungsturnen gewesen, das er für sich entdeckte. Der 76-Jährige blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Als Marineoffizier fuhr er bis nach Südamerika. Ins Gießener Land verschlug es ihn schließlich zum Jurastudium durch eine frühere Liebe aus Alsfeld.

Blickt Funck auf seine Zeit als Kreistagsvorsitzender zurück, weist er auf den Beschluss für die Projektgenehmigung des Baus eines gemeinsamen Gefahrenabwehrzentrums für Stadt und Kreis Gießen. »Herausragend«, sagt Funck. »Eine solche Kooperation wäre in früheren Zeiten nicht möglich gewesen.«

Auf die Frage, was ihn in den vergangenen Jahren hingegen am schwersten getroffen hat, nennt Funck den Tod des ehemaligen Landrats und Bundestagsabgeordneten Rüdiger Veit. »Wir haben Mitte der 80er Jahre eng zusammengearbeitet, das war damals der Beginn der rot-grünen Zusammenarbeit.« Er erinnere sich an lange Koalitionsverhandlungen bis nachts um 3 Uhr, »danach sind wir dann noch einen trinken gegangen.«

Auf 247 Terminen vor allem bei heimischen Vereinen hat Funck den Landkreis im vergangenen Jahrzehnt repräsentiert. Einmal, am 1. November 2015, war er beim Musikverein Allendorf in Gießen zu Gast und lauschte den Klängen der Blaskapelle. Als die Musiker erfuhren, dass Funck Geburtstag hat, baten sie ihn spontan nach vorne - und übergaben ihm den Dirigentenstab. »Ein außerordentlich schönes Erlebnis«, sagt Funck. »Dass es mir gelungen ist, die Kapelle zu dirigieren. Dabei habe ich doch nur mal eine Zeitlang Querflöte gespielt.«

Nun sagt Funck, der zehn Jahre lang den Kreistag dirigiert hat, Adieu.

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