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Nur zwei Kinder spielen dort, wo es sonst eigentlich 22 tun. Betreuung in Zeiten von Corona hat auch Vorteile: Die pädagogischen Fachkräfte im Licher Kindergarten "Am Gründchen" können sich gerade viel gezielter um ihre Schützlinge kümmern. FOTO: TI

Corona-Virus

Betreuung in Krisenzeiten: Alles andere als Routine

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Erzieher, die nur für wenige Kinder sorgen müssen. Eltern, die während der Arbeit Schulaufgaben zu beaufsichtigen haben. Kinderbetreuung ist in Zeiten von Corona eine echte Herausforderung.

Sonnenlicht fällt durch hohe Fenster und bringt sattgelb gestrichene Wände zum Strahlen. Überall fordern Spielsachen zum Verweilen auf. Platz bietet der Raum dafür genug. Muss er auch, denn eigentlich werden hier wochentags 22 Jungen und Mädchen von drei Erzieherinnen beaufsichtigt. Heute allerdings sind es gerade einmal fünf Kinder. Traumhafte Bedingungen, was das Betreuungsverhältnis angeht. Corona macht es möglich.

115 Kinder zwischen anderthalb und sechs Jahren gehen in den Licher Kindergarten "Am Gründchen" normalerweise täglich ein und aus. Betreut werden sie von 15 pädagogischen Fachkräften in fünf Gruppen. Doch in Zeiten von Covid-19 dürfen nur noch Eltern ihren Nachwuchs bringen, wenn mindestens einer der beiden Erziehungsberechtigten in einem sogenannten systemrelevanten Beruf arbeitet. "Anspruch darauf hätten bei uns 40 Kinder", sagt Bahareh Kellmann, seit einem guten Jahr Leiterin der Einrichtung. Bisher habe die Mehrheit es aber geschafft, die Betreuung anderweitig sicherzustellen. "Zwischen drei und sechs Kindern hatten wir vergangene Woche pro Tag hier", so Kellmann.

Legosteine in die Wäsche

Und obwohl es für Montag eigentlich zwölf Anmeldungen gab, wurden nur fünf kleine Licher von ihren Eltern gebracht. Ein entspannter Arbeitstag für die Erzieherinnen? Weit gefehlt.

"Man muss die Augen überall haben und noch aufmerksamer sein", sagt Kellmann mit Blick auf den Infektionsschutz. "Das ist nicht weniger anstrengend, sondern einfach anders als sonst." Natürlich sei es viel ruhiger, und man könne sich Dingen widmen, für die sonst die Zeit fehle. Aber dafür fordere Corona die Erzieher in anderen Bereichen: Gruppenräume müssten täglich geputzt und desinfiziert werden, ebenso Türgriffe und Spielzeug.

"Die Legosteine beispielsweise kommen bei uns jeden Nachmittag im Kopfkissen in die Waschmaschine", berichtet Kellmann. Auch die Kinder würden häufiger als sonst zum Händewaschen geschickt. Unterm Strich aber sieht die 35-Jährige das Positive. Kellmann: "Wir können die Kinder gerade viel gezielter beobachten und fördern."

Kreativität und Flexibilität

Viele Eltern, die ihre Töchter und Söhne derzeit zu Hause betreuen und nebenbei von dort aus arbeiten müssen, sind dagegen froh, wenn sie irgendwie das Pflichtprogramm auf die Reihe bekommen. Denn schon das fordert ihnen ein hohes Maß an Kreativität und Flexibilität ab.

Sophie Lorenz (Name von der Redaktion geändert) aus Buseck ist Mutter von einem Kindergarten- und einem Grundschulkind. Sie hat in der vergangenen Woche die Erfahrung gemacht, dass eine gewisse Struktur in dieser Zeit sehr wichtig ist. Während ihr Mann nach wie vor ins Büro fährt, arbeitet sie selbst im Homeoffice, das morgens pünktlich um acht beginnt.

Familien im Homeoffice

Allerdings nicht nur für sie, sondern auch für ihren achtjährigen Sohn, der die zweite Klasse besucht und nun zu Hause lernen muss. Dritte im Bund ist die sechsjährige Tochter, die sich zwar viel selbst beschäftigt, aber hin und wieder eben auch Ansprache benötigt.

"Bisher klappt das bei uns wirklich gut", so die Mutter. Aber eine Herausforderung sei es dennoch. Die 40-Jährige schafft derzeit "nicht dasselbe Pensum wie sonst", muss nachmittags oder abends nacharbeiten. Und natürlich könne sie ihrem Sohn nicht die Schule ersetzen. "Ich kann es weder so interessant gestalten, noch habe ich die Zeit dafür", sagt sie.

Was tun mit den Kleinsten?

Für manche Eltern mag sich das nach Luxusproblemen anhören. Jene beispielsweise, deren Kinder nicht so funktionieren, wie es von ihnen erwartet wird, oder die, deren Nachwuchs noch sehr klein ist. Denn Zwei-, Drei- oder Vierjährige lassen sich selten über längere Zeit bei Laune halten. Wer kann, teilt sich in der Partnerschaft die Arbeitsstunden auf. Nach dem Motto: Ich setze mich morgen früh um fünf an den Schreibtisch, Du übernimmst die Nachtschicht.

Aber selbst wenn Eltern diese Herausforderungen mit Bravour meistern, irgendetwas bleibt in vielen Familien in diesen Tagen auf der Strecke. Im besten Fall sind das nur die sozialen Kontakte.

Die immerhin sind den Gründchen-Kindern erhalten geblieben. Aber auch in der Licher Kita werden alle froh sein, wenn irgendwann wieder Alltag einkehrt. Denn Corona hat die Routine auch hier völlig auf den Kopf gestellt.

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