Am besten zu Fuß zur Schule

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Jedes fünfte Grundschulkind wird mit dem Auto zur Schule gefahren, Tendenz steigend. Auch im Kreis Gießen. Das zeigen Zählungen des Automobilclub Europa. Was nun zu tun ist, das haben Fachleute in Rodheim-Bieber beraten.

Die Zahlen variieren zwar. Doch so oder so zeigen sie sehr eindrücklich die Gemengelage auf. 20 Prozent der Kinder sitzen laut Automobilclub Europa (ACE) im Elterntaxi. Die Studie "Mobilität in Deutschland" von 2017 spricht sogar von 43 Prozent der Grundschüler, die mit dem Auto gebracht werden. Nur rund ein Drittel der Kinder geht zu Fuß, 13 Prozent kommen mit dem Fahrrad und zehn Prozent mit dem Bus.

In den Sommermonaten hat der ACE vor den Grundschulen in Heuchelheim, Rodheim-Bieber und Lollar gezählt: Auch im Kreis Gießen wird jedes fünfte Kind im Elterntaxi um kurz vor acht Uhr in der Früh zur Schule chauffiert. Und nicht nur das, darüber hinaus hielten Mütter und Väter im Halteverbot oder verbotenerweise auf Gehwegen. Kinder waren nicht angeschnallt, hatten den Ranzen im Auto auf dem Rücken, stiegen zur Fahrbahn hin aus den Autos aus... Alles Unfallrisiken, heraufbeschworen von Eltern, die die ebenfalls nachvollziebare Ansicht vertreten, das eigene Kind sei im eigenen Auto am sichersten zur Schule unterwegs. Aber letztlich sind es die autofahrenden Eltern, die die Kinder gefährden.

Dieser Tage trafen sich die Initiatoren der ACE-Aktion "Goodbye Elterntaxi" in Rodheim-Bieber mit Vertretern von Polizei, Politik, Ordnungsamt und Schulverwaltung, um die Aktion nachzubereiten. Dies, um zum einen individuelle, lokale Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. Zum anderen, um aus diesen Ergebnissen und Lösungsansätzen Ideen abzuleiten, die beispielgebend sein können für weitere Grundschulstandorte im Kreis. Denn die Problemstellung findet sich an nahezu jedem Kindergarten und jeder der 39 Grundschulen im Kreis.

ACE-Kreisvorsitzender Gerd Wegel (Frankenbach) benennt ein ganzes Paket an Maßnahmen, um Gefährdungen auf dem Schulweg und vor allem direkt vor den Schulen zu reduzieren. So plädiert der ACE für sichere Haltestellen für die Eltern in einer Entfernung von 300 bis maximal 500 Metern oder eben sogenannte "Kiss&Ride"-Hol- und Bringzonen. Auch Schulstraßen, die zu bestimmten Zeiten eben nur für Verkehr zur Schule freigegeben sind, wären eine Option.

Was an welchem Schulstandort wie optimiert werden kann, das ist mit Blick auf die lokalen Gegebenheiten zu prüfen. Und was ist mit Alternativen zum Auto oder dem Weg zu Fuß? Schuldezernentin Dr. Christiane Schmahl (Grüne) berichtete beispielhaft von einer dank engagierter Eltern sehr gut organisierten "Fahrradgrundschule", der Wiesengrundschule in Leihgestern. Kinder kommen als Gruppe auf dem Rad zur Schule, werden dabei von Eltern begleitet. Ebenfalls ein guter Ansatz ist der "Fuß-Bus" oder "walking bus": Kinder treffen sich an bestimmten Sammelpunkten, um den Schulweg als Gruppe gemeinsam sicherer zu absolvieren. Ein Schulweg zu Fuß wird bis zu einer Entfernung von zwei Kilometern als leistbar angesehen. Bei Strecken über zwei Kilometern ist der Kreis in der Pflicht, einen Schülertransport zu organisieren.

Mit Blick auf "Kiss&Ride"-Plätze für die Elterntaxis stellt sich immer die Frage der Akzeptanz: Sind 500 Meter Entfernung von einer Schule nicht womöglich schon zu weit, als dass Eltern ihre Kinder dieses letzte Stück des Weges laufen lassen? Hinzu kommen Kosten, wenn ein solcher Platz zum Halten für die an- und abfahrenden Eltern erst angelegt werden muss. Geld wird gerne schnell zum Knackpunkt.

Absolute Halteverbote vor Schulen können durchaus hilfreich sein - sie bringen aber nur dann was, wenn das Verbot auch kontrolliert und der Verstoß sanktioniert wird. "Oftmals wirkt es erst, wenn die Eltern bezahlen müssen", seufzt der in Biebertal engagierte Ordnungspolizist Thomas Landgraf.

Vor allem aber gilt es, immer wieder für den Verzicht auf die Fahrt im elterlichen Auto zu werben. Die Polizei unterstützt solches etwa mit dem Faltblatt "Sicherer Schulweg", einer gut gemachten Info für Eltern. Dieses kann im Polizeipräsidium in Gießen gerne angefordert werden, sagt Jörg Schormann, als Kriminalhauptkommissar bei Kompass in der Prävention tätig.

Schuldezernentin Schmahl will das Thema in das Treffen mit den Grundschulleitungen aus dem Landkreis Gießen mitnehmen, das für November geplant ist. Eben um auch da einmal mehr für den Umgang mit dem Problem der Elterntaxis zu sensibilisieren. ACE-Sprecher Wegel sagt: "Jede Familie, die man erreicht, jedes Auto, das morgens nicht vor einer Schule vorfährt, ist ein Erfolg."

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