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Hassan Al-Zaza, Muhammad Yaseen Mughal und Anas Al-Akdr (von links) bei der Gießener Allgemeinen Zeitung im Interview.

"Wir wollen eine Perspektive"

Nach den Ereignissen von Köln in der Silvesternacht wird viel über muslimische Männer gesprochen – und vor allem geurteilt. Wir haben mit ihnen gesprochen. Hassan Al-Zaza, Anas Al-Akdr und Muhammad Yaseen Mughal erzählen von Unterschieden, Gemeinsamkeiten und davon, was sich seit Köln für sie verändert hat.

Bevor das auf Deutsch und Englisch geführte Interview in der GAZ-Redaktion beginnt, bittet der Syrer Hassan Al-Zaza darum, nicht als Flüchtling bezeichnet zu werden. Er stößt sich an dem Wort. Anas Al-Akdr ergänzt: "Ich bin nicht Flüchtling Anas, sondern Anas aus Syrien."

Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie von den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln gehört hatten?

Hassan Al-Zaza: Das war für mich ein totaler Schock. Was diese Männer gemacht haben, ist schrecklich. Es war das erste Mal, dass ich von so etwas gehört hatte. Diese Ereignisse ändern vieles, vor allem die Meinung vieler Menschen hier in Deutschland.

Anas Al-Akdr: Das waren böse Menschen, die das gemacht haben. Aber es ist fatal, dass es jetzt heißt, die Täter seien Muslime. Es gibt in allen Ländern und Kulturen gute und böse Menschen. Ich bin Moslem, ich bin hier, und ich respektiere das Gesetz.

Sie sprechen es gerade an: Jetzt wird vor allem über das Frauenbild von muslimischen Männern diskutiert…

Al-Zaza: Es gibt nicht den einen Islam, sondern verschiedene Ansätze. Meine Mutter zum Beispiel war in Syrien Lehrerin und hat genauso wie mein Vater gearbeitet. Auf dem Land mag das stellenweise anders sein. Das gesellschaftliche Bild ist komplexer, als es hierzulande dargestellt wird. Es gibt liberale und konservative Familien. Das ist in Deutschland nicht anders.

Muhammad Yaseen Mughal: Der Islam lehrt, dass Männer und Frauen die gleichen Rechte haben. In vielen Ländern im Nahen Osten gibt es sehr wohl Probleme. Aber ich kann dafür nicht den Islam verantwortlich machen. Das hat politische und gesellschaftliche Gründe. Denn Islam bedeutet Frieden.

Al-Zaza: Ja, das hat nichts mit Religion, sondern mit der Unterdrückung der Frau durch die Regierung zu tun.

Wo liegen die Unterschiede beim Verhältnis von Mann und Frau zwischen Deutschland und Ihren Heimatländern?

Al-Akdr: Ich habe das Gefühl, dass in Syrien Männer und Frauen mehr zusammenhalten. Es gibt nicht so viele Scheidungen wie in Deutschland. In Syrien haben die Menschen diese Freiheit natürlich auch. Aber: In Deutschland unterstützt die Regierung alle Menschen mit Kindergartenplätzen oder der Rente. Da können sich Menschen auch alleine behaupten. Das gibt es in Syrien nicht.

Mughal: In Pakistan auch nicht. Meine Mutter zum Beispiel war sehr krank. Wir haben versucht, sie zu unterstützen, aber das kostete sehr viel Geld. Sie ist gestorben. Eine Frau ohne vernünftige Ausbildung bleibt oft zu Hause.

Al-Zaza: Das hat eine historische Dimension. In Syrien sieht es heute so aus wie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Alles ist zerstört. Die deutschen Frauen haben das Land wieder aufgebaut. Sie mussten den ganzen Schmerz ertragen. Es gab viele tapfere Frauen, die sich für ihre Rechte eingesetzt haben – wie zum Beispiel Louise Schröder. Ich bewundere sie. In Syrien brauchen wir genau diese Frauen jetzt auch.

Aber die Klischees halten sich hartnäckig.

Al-Akdr: Viele Menschen hierzulande denken, in muslimischen Ländern sind die Frauen Sklaven und putzen den Männern die Füße. Das ist Unsinn. In meiner Familie haben mein Vater und meine Mutter die Entscheidungen immer gemeinsam getroffen.

Al-Zaza: Hier treffen zwei verschiedene Kulturen aufeinander. Ich sage immer, Araber agieren mit dem Herzen, Europäer mit dem Verstand (lacht).

Mughal: Fremdgehen ist im Islam verboten. Hier in Deutschland scheint das anders zu sein. In vielen muslimischen Ländern ist die Frau oftmals die Chefin des Hauses, der Mann verdient in der Regel das Geld.

Al-Zaza: Es kommt immer auf das soziale Umfeld an. In Europa gab und gibt es starke Frauen wie Angela Merkel oder Margaret Thatcher. Aber auch in Pakistan: Denken Sie nur an Premierministerin Benazir Bhutto, die von den Taliban ermordet wurde. Es ist Propaganda, dass es einen Kampf der Kulturen gibt. Das sind politische Konflikte. Beispiel Korea: Das ist eine Nation, eine Kultur, aber es gibt den Konflikt zwischen Nord und Süd seit Jahrzehnten.

Einige der Täter aus der Silvesternacht sollen junge nordafrikanische Männer gewesen sein. Fehlt bei ihnen die soziale Kontrolle durch die Familie, die in deren Heimat eine wichtige Rolle spielt?

Al-Akdr: Das kann sein. In Syrien werden Vater und Mutter vom Kind geachtet. Wer in Deutschland 18 Jahre alt ist, zieht aus. In arabischen Ländern hat das Kind danach auch sein eigenes Leben. Aber es kümmert sich um seine Eltern. Wenn man klein ist, helfen einem die Eltern. Wenn man groß ist, gibt man es ihnen zurück.

Mughal: Mein Vater hat die Familie gestützt, als meine Mutter starb. Mein Bruder und ich haben nun die Verantwortung, ihm zu helfen. Im Alter bekommen die Menschen keine Rente, deswegen stehen wir Söhne bereit. Das ist eine Frage des Respekts.

Was, denken Sie, hat die jungen Männer zu den Übergriffen getrieben?

Al-Zaza: Die, die in Köln gewütet haben, haben keinen ausgeglichenen sozialen Charakter. Jeder Mensch hat zwei Seiten, und bei ihnen hat die böse die gute besiegt. Sie müssen dafür nach dem deutschen Recht bestraft werden. In Syrien wäre die Strafe empfindlicher als hier, da bin ich mir sicher.

Mughal: Wichtig ist aber, nicht alle, die nach Deutschland geflüchtet sind, für die Fehler Einzelner verantwortlich zu machen.

Al-Zaza: Wer profitiert von den Silvester-Ereignissen? Das sind nicht die, die eine bunte Gesellschaft fordern. Das sind die Rassisten und extremen Rechten. Es ist schade, dass diese Stimmen aktuell so laut zu hören sind.

Wie nehmen Sie diese Diskussion wahr? Und was folgern Sie daraus?

Al-Akdr: Wenn ich hier bin, muss ich die Regeln befolgen. Am Anfang, als ich nach Deutschland kam, hatte ich Angst. Aber viele Leute waren freundlich und haben mir geholfen, mich einzugliedern. Jeder, der flieht, hatte Probleme. In meiner Heimat lebt zwar noch meine Familie, aber 80 Prozent meiner Freunde sind tot. Das tut weh. Wir sind hier, weil wir eine Perspektive haben wollen.

Mughal: Unsere Aufgabe ist es, den Neuen die Regeln zu erklären. Wer hier ein Jahr lang gelebt hat, kennt sie. Als ich das erste Mal in Griechenland war, sah ich in der Öffentlichkeit küssende Pärchen. Das war komisch für mich. Aber ich habe verstanden, dass es dort ganz normal ist.

Al-Zaza: Ja, wir müssen verstärkt aufklären. Überall. Umarmungen zwischen Männern und Frauen an der Universität in Syrien sind für mich vollkommen normal. Aber manche Menschen, die zum Beispiel vom Land kommen, interpretieren eine Umarmung sexuell. Und: Wir müssen Stellung beziehen. Das passiert ja auch. Beispielsweise haben sich syrische Gemeinden in ganz Deutschland von den Ereignissen distanziert.

Mughal: Man muss aufpassen, dass die Vorurteile nicht überhand nehmen. Ich habe mehrere Jahre in Griechenland gelebt. Und dort hieß es immer, sobald etwas Schlimmes passiert ist: Die Pakistanis waren es.

Al-Akdr: Vor zwei Wochen war eine Freundin zu Besuch. Sie erzählte, sie sei im Bus von zwei muslimischen Männern angemacht worden. Ich fragte sie, woher sie wisse, dass das Muslime gewesen seien. Sie hätten einfach so ausgesehen, war die Antwort.

Al-Akdr zeigt ein Video. Es ist ein Sketch aus der ZDF-Kabarett-Sendung "Die Anstalt" – mit arabischen Untertiteln. Serdar Somuncu soll sich als Muslim vor vier Deutschen rechtfertigen: für Morde, die IS und Taliban verübt haben. Am Ende dreht er den Spieß um und fragt, warum die vier sich nicht für NSU, Anders Breivik und eine marodierende ultrachristliche Rebellengruppe in Uganda entschuldigen wollen.

Al-Akdr: Genauso fühlen wir uns gerade. Der IS hat mit dem Islam nichts zu tun. Die machen nur Probleme, viele Syrer hassen sie.

Mughal: Die IS-Kämpfer sind bei uns die Taliban. Die haben erst gerade wieder eine Universität angegriffen. Viele Menschen sind dabei getötet worden. Unsere Religion erlaubt das ausdrücklich nicht. Im Islam heißt es: Wer einen Menschen tötet, tötet die gesamte Menschheit.

Al-Zaza: Ich vergleiche die Fanatiker mit Faschisten. Sie wollen verhindern, dass sich Menschen bilden, dass Männer und Frauen ihre wahre Rolle in der Gesellschaft finden. In Syrien gingen vor dem Krieg alle Mädchen in die Schule. Denn im Islam ist die Ausbildung aller Menschen ein Muss.

Al-Akdr: Meine Religion lehrt mich, andere Religionen zu respektieren. Aber: Ich sehe doch nicht deinen Glauben, wenn ich mit dir rede, sondern dein Herz.

Hat sich seit den Silvester-Ereignissen etwas für Sie persönlich verändert?

Al-Akdr: Vor Köln wurde ich an der Bushaltestelle auch mal freundlich angesprochen. Heute halten viele Abstand. Ich verstehe das nicht. Wir haben auch Schwestern, Freundinnen und eine Mutter. Wir akzeptieren es auch nicht, dass so etwas Schlimmes passiert ist. Aber: Nicht alle Menschen sind schlecht – genauso wenig wie alle Menschen gut sind. Freiheit bedeutet nicht, Sex mit jedem zu haben, sondern selbstbestimmt leben zu können und zu entscheiden, wen man heiratet.

Vielen Dank für das Gespräch.

Al-Akdr: Ich würde gerne noch etwas sagen. Gebt uns eine Chance. Mehr Kontakt mit Deutschen hilft uns, unseren Weg zu finden. Wir sind alleine hier. Und immer wieder denke ich, meine Familie würde es nicht erfahren, wenn ich sterbe. Ich suche hier keine Frau. Ich suche eine Familie.    

Kays Al-Khanak

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