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Lara Gruber mit zwei Kindern im Flüchtlingscamp auf Lesbos. Gerade die Lage der ganz jungen Menschen dort sei prekär und mache sie besonders betroffen, sagt sie.

Beklemmende Eindrücke

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
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Zum zweiten Mal ist Lara Gruber aus Krofdorf-Gleiberg nun aus einem Camp für Geflüchtete auf Lesbos zurückgekehrt, hat mit ihrer Schwester und weiteren Begleitern Spenden verteilt. Die beklemmenden Eindrücke wirken nach.

Seit Sonntag ist Lara Gruber wieder im Gießener Land, doch wirklich angekommen fühlt sie sich noch nicht. Hinter ihr liegen zehn aufwühlende Tage auf der griechischen Insel Lesbos, geprägt von Eindrücken aus dem Camp Kara Tepe, wo sich laut Gruber zurzeit etwa 6000 Geflüchtete aufhalten. »Ich bin noch dabei, meine Gedanken zu sortieren«, sagt die Krofdorferin. Die Frage, wie es ihr geht, kann sie zurzeit schwer beantworten. Es fühle sich an, als sei sie nun in einer Parallelwelt gelandet.

Zum zweiten Mal sind die Schwestern Lara und Lucie Gruber gemeinsam mit ein paar Begleitern, darunter diesmal auch ihre Mutter, nach Lesbos aufgebrochen, um Geflüchteten vor Ort zu helfen. Ein Teil der Gruppe um Lucie kommt erst in den kommenden Tagen zurück von jener Insel, die immer weiter aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit zu geraten scheint, wie Lara beklagt.

Die Lage vor Ort hat die Studentin schockiert. Zwar sei der erste Eindruck relativ positiv gewesen. Doch gehe man weiter in das Camp hinein, zeige sich ein anderes Bild: »Es gleicht immer mehr gefängnisartigen Zuständen«, sagt Gruber. »Hohe Mauern wurden eingezogen. Die Geflüchteten bekommen teils kein Geld mehr, dürfen selten rausgehen, werden von der Bevölkerung ferngehalten.« Vor einigen Monaten hätten jedem Camp-Bewohner noch 70 Euro pro Monat zur Verfügung gestanden. Doch inzwischen gilt laut Gruber: »Wer zweimal eine Ablehnung für einen Asylantrag bekommen hat, bekommt kein Geld mehr.« Ihr Eindruck: Jeder Versuch, auf dem europäischen Festland eine Perspektive zu erhalten, werde quasi bestraft.

Wer es irgendwie finanzieren könne, verlasse das Camp und versuche sein Glück auf dem Weg nach Europa, teils mit organisierten Schleppern. Doch gerade für Familien mit Kindern sei das schwierig, sagt Gruber. »Viele Familien sagen: Wir haben alles Geld einem Anwalt gegeben - aber es hat zu nichts geführt.« Die Chance, auf legalem Weg den Aufenthalt in Europa zu erreichen, ist extrem gering. Der Kontinent schottet sich ab.

Anders als im Oktober haben die Grubers und ihr Team diesmal keine Sachspenden mitgebracht, sondern vorab ausschließlich Geld gesammelt. So wollten sie einerseits die Hilfe passgenau den Bedarfen anpassen und zugleich die darbende Wirtschaft vor Ort stärken. Die Verteilung habe recht gut geklappt, resümiert Gruber. Kleidung und Lebensmittel, aber auch Medikamente würden vor Ort dringend gebraucht. Gezielt hat das Team einzelne Familien im Camp besucht und für sie eingekauft.

Außerdem haben sie von Spendengeldern Gutscheine in lokalen Supermärkten erworben und diese an Familien weitergegeben. »Die meisten Leute waren sehr dankbar, manche sind angesichts der Gutscheine in Tränen ausgebrochen. Aber unter 100 gab es vielleicht zwei, die gesagt haben: ›Was will ich mit dem Gutschein - ich will hier raus.‹«

Das Camp ist kein Ort der Hoffnung, laut Gruber sind viele Gestrandete voller Verzweiflung. Die 21-Jährige hat gegenüber ihrem ersten Aufenthalt dort nun eine andere Stimmung wahrgenommen: Damals hätten viele noch um die Aufmerksamkeit der Helfer gekämpft. Nun sei ihnen die Aussichtslosigkeit anzumerken. »Viele haben sich damit abgefunden«, sagt Gruber und ringt um Fassung.

Das schwere Los der Kinder im Flüchtlingscamp macht ihr besonders zu schaffen. »So viele werden nicht anständig ernährt, haben kein Dach über dem Kopf.« Die hygienischen Zustände seien teils katastrophal und manche Kinder würde gewalttätig behandelt. Vielen werde der Zugang zu Bildung verwehrt - umso erstaunter war Gruber, wie gut manche Kinder Englisch sprechen. Mit dabei war auch eine aus Afghanistan stammende Freundin der Grubers, einer ihrer Begleiter spricht Syrisch-Arabisch, ein anderer die afrikanische Sprache Lingala. Das sei eine große Bereicherung gewesen, habe direkte Kontakte besser ermöglicht.

Der überwiegende Teil der Menschen im Camp stammt laut Gruber aus Afghanistan - jenem Land, das wegen der dramatischen Evakuierung von »Ortskräften« zurzeit wieder im Fokus steht. Eine Situation, die auch Geflüchtete auf Lesbos umtreibt. Gruber: »Ich habe gedacht: Vielleicht ändert die Lage in Afghanistan auch etwas an der Situation der Menschen im Camp« - weil nun auch der letzte verstanden haben müsste, dass es für dieses Land absehbar keine Rückkehr-Perspektive gibt. »Aber es ist eher das Gegenteil: Die Menschen im Camp befürchten, dass es wieder so überfüllt wird wie das Camp Moria, das 2020 gebrannt hat.« Viele bangten nun um Freunde und Verwandte aus Afghanistan. »Für die Traurigkeit der Menschen gibt es eigentlich keine Worte. Sie werden nun Zeugen einer weiteren dramatischen Notlage«, berichtet die Krofdorferin.

Nicht nur die Geflüchteten leiden unter der Situation auf der Insel, sondern auch die Einheimischen, wie Gruber eindrücklich schildert: »Die drehen auch jeden Euro um. Den Menschen geht es schlecht, die Wut wächst. Eine Einheimische sagte: ›Die Stimmung ist am Kippen.‹« Nun gebe es Pläne, auf Lesbos 2022 ein nach außen geschlossenes Lager zu errichten. Doch auch das von ihr besuchte Camp wirke von der Außenwelt fast abgeschottet. Manche dürften diesen Ort nur noch einmal pro Woche verlassen. Wer fotografiere, müsse mitunter mit Strafen rechnen - auch das sieht Gruber als Indiz, dass die prekäre Lage nach dem Willen der Verantwortlichen keine hohen Wellen schlagen soll. Nicht zuletzt seien immer weniger Hilfsorganisationen vor Ort vertreten.

»Man erlebt dort Dinge, die lange an einem nagen werden«, da ist sich die junge Frau sicher. »Wir haben versucht, direkt zu helfen« - trotzdem fürchtet sie, dass Schuldgefühle kommen werden, weil sie nicht allen helfen konnte. Ein Dilemma, das sie wohl weiter begleiten wird.

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