Begehrte hessische Nordmänner Selber zuschlagen

  • Patrick Dehnhardt
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Pünktlich zum ersten Advent gibt es die ersten Weihnachtsbäume. Auf den heimischen Schonungen hat der Verkauf begonnen – und die Tannen zum Selberschlagen sind heiß begehrt, auch nahe Laubach in Friedrichshütte, wo die ersten Kunden bereits ungeduldig mit der Säge in der Hand auf den Saisonstart warteten.

Samstagmorgen, 8.55 Uhr in Friedrichshütte. Noch 29 Tage bis Heiligabend. Erst in fünf Minuten öffnet die Schonung der Familie Lehr. Dennoch stehen bereits einige Menschen mit der Säge in der Hand vor dem Tor. Als Nadine Lehr das Tor öffnet, sind sie sofort in den Baumreihen verschwunden. Minuten später dröhnt eine Motorsäge in der Ferne.

»Wir dürfen die Hinweisschilder erst heute aufstellen, sonst klingeln die Leute noch früher bei uns auf dem Hof«, sagt Nadine Lehr. Zusammen mit ihrem Vater Hans-Joachim und ihrer Schwester Nicole pflegt sie das ganze Jahr über die Schonung. Direkt nach Weihnachten gehen die Vorbereitungen für die neue Saison los, werden Stämme und Restholz herausgeholt. Das Jahr über müssen die Wege und die Flächen um die Bäume freigehalten, die rund anderthalb Kilometer Hecke um die Schonung geschnitten werden. In den letzten Tagen haben die Lehrs zudem von den Bäumen, die nicht verkauft werden können – etwa weil sie mehrere Spitzen haben oder schief gewachsen sind – Tannengrün geschnitten. Im Frühling und Sommer kehrt aber Ruhe in der Schonung ein. »Dann ist das hier ein Vogelparadies«, erzählt Nicole Lehr. Auch Hasen und Rehe verstecken sich hier dann gerne. Nun ist Betreten aber ausdrücklich erwünscht. Auf die Suche machen sich auch Falko Kraus, Carsten und Daniela Bartz aus Fernwald. Kraus schaut nach einem Baum für den Hof, »grün und groß, so vier Meter«. Das Ehepaar hingegen will schon den Baum fürs Wohnzimmer schlagen. Der ist dann übrigens noch immer acht Wochen frischer, als das, was von den Plantagen im Norden Europas per Laster nach Deutschland gefahren wird: Dort hat die Tannenbaumernte Anfang Oktober begonnen. Die mittelhessischen Nordmänner müssen außerdem den Vergleich mit denen aus Dänemark nicht scheuen. In den letzten beiden Jahren waren die Bedingungen ideal, erklärt Hans-Joachim Lehr: »Wir hatten im Mai keinen Frost, dadurch sind die Triebe nicht geschädigt worden.« 90 Prozent der Bäume in Friedrichshütte sind Nordmanntannen, dazwischen stehen einige Colorado- und Koreatannen. Einige Anbieter rechnen nach Metern ab, Lehrs nehmen einen Festpreis pro Baum, egal wie hoch er ist. »Vor zwei Jahren hat ein Kunde einen sieben Meter hohen Baum geholt. Er hatte eine Galerie im Haus. Der kam extra mit dem Laster«, erinnert sich Nicole Lehr. Wenige Minuten später verladen drei Männer einen sechs Meter hohen Tannenbaum auf einem Anhänger – er wird noch am selben Tag in einem Frankfurter Altenheim aufgestellt werden. Ans Aufstellen können Falko Kraus und Carsten und Daniela Bartz noch nicht denken. Noch immer suchen sie nach dem passenden Exemplar. »Schau mal, der da!« »Nein, der ist oben zu dünn.« »Und der?« »Lass noch mal weiter gucken.« Das geht vielen Besuchern so, weiß Nadine Lehr. Und einen Tipp geben, wo der beste Baum steht, kann sie auch nicht. »Da hat jeder seinen eigenen Geschmack.« In den letzten Jahren waren aber vor allem schmale Bäume gefragt, zwischen 1,40 und zwei Metern groß. Baum fällt! Eine knapp über zwei Meter hohe Nordmanntanne haben nun auch die drei Fernwälder gefunden. Für die drei ist das Selberschlagen ein Ritual geworden. Vor einigen Jahren waren die Bartz’ mit ihrem Kind zum ersten Mal in Friedrichshütte. »Das war so wunderschön«, erinnert sich Daniela Bartz. »Als ob man den Baum mitten im Wald aussucht.« Wenige Minuten später finden sich auch ein stattliches Exemplar für den Hof. Der schwierigste Teil folgt jedoch noch: das Verladen im Auto. Mit vereinten Kräften und Hilfe weiterer Kunden sind schließlich beide Bäume im Kleinbus verstaut. Damit man nicht erst beim Einladen ins Auto merkt, wie hoch der Baum ist, schadet es nicht, einen Zollstock dabei zu haben. Die Säge und Material zum Zusammenbinden des Baumes, etwa Seile oder eine Decke, sollte man nach Friedrichshütte selbst mitbringen. Gummistiefel und Handschuhe sind ebenfalls zu empfehlen – nichts klebt so gut wie Tannenharz an Fingern. Und wann holen die Lehrs ihren Tannenbaum? »Das schaffen wir meist erst auf den letzten Metern«, sagt Nadine Lehr. »Vorher haben wir keine Zeit.« Daniela und Carsten Bartz und Falko Kraus (r.) suchen nach je einem Baum fürs Wohnzimmer und den Hof. Nach einer halben Stunde Pirsch über des Gelände ziehen sie eine rund fünf Meter lange Tanne hinter sich her. Die muss dann aber auch ins Auto verladen werden. Hans-Joachim Lehr und seine beiden Töchter Nicole und Nadine (r.) pflegen das ganze Jahr über die Schonung. (Fotos: pad) Eine kleine Auswahl von Anbietern im Gießener Land, bei denen man Weihnachtsbäume selbst schlagen kann: Carsten und Sabine Leib, Krofdorf-Gleiberg,

www.weihnachtsbaeume-leib.de

, Telefon 06 41/86 1 86. Jürgen Fritz, Hof Wiesental, Nonnenroth, Tel. 0 64 02/99 01. Kurt Döring, Mücke, Tel. 0 66 34/7 55. Helmut Lorch, Ebsdorfergrund, Telefon 0 64 07/58 51. Revierförsterei Linden Telefon 06 41/46 04 60-0 Laubach-Friedrichshütte, Bauernhof Lehr, Telefon 0 64 05/61 31 Forstamt Wettenberg - 01 60/47 14 182. Markwald Holzheim - 06 004/30 42

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