Beeindruckendes auch jenseits der Bärenhatz

Prognosen für einen klaren Favoriten gibt es diesmal nicht. Insofern bleibt die Entscheidung bei der 59. Berlinale bis zur letzten Minute spannend

Prognosen für einen klaren Favoriten gibt es diesmal nicht. Insofern bleibt die Entscheidung bei der 59. Berlinale bis zur letzten Minute spannend: Am Samstagabend vergibt die Jury unter dem Vorsitz von Tilda Swinton den Goldenen und die Silbernen Bären, um die 18 Filme konkurrierten.

Insgesamt beherrschte ein breites Mittelfeld an sehenswerten Produktionen den Wettbewerb, dem es jedoch an Höhepunkten mangelte, sieht man von einem Film ab, der jedoch leider außer Konkurrenz gezeigt wurde: »In the Dust«, zweiter Teil einer Trilogie von Theo Angelopoulos. Es ist wie auch frühere preisgekrönte Werke des griechischen Altmeisters eine bildgewaltige Elegie über Heimatlosigkeit, Familienrisse, Trennung und Abschied. Wieder schauen seine ruhelosen Helden wie Odysseus auf ihre zurückliegenden und bevorstehenden Lebensstrecken und kommen doch niemals an. Es sind gleichermaßen die politischen Ereignisse und persönliche Schicksale, die das von Michel Piccoli und Irene Jacob feinfühlig verkörperte griechische Emigrantenpaar Spyros und Eleni wiederholt voneinander trennen, wenn sie einander für kurze Augenblicke wiedergefunden haben. Er war im Zweiten Weltkrieg in die USA geflüchtet, sie in die Sowjetunion.

Als sie sich 1953 zu Stalins Tod in Taschkent treffen, um miteinander zu fliehen, wird sie verhaftet und nach Sibirien verbannt. Dort trifft sie einen deutschen Juden namens Jacob (Bruno Ganz) wieder, der eine unausgesprochene, einsame, stille Liebe zu ihr hegt und ihr auf allen weiteren Reisen folgt, die in den 1970er und 1980er Jahren auch nach Toronto und Berlin führen, wo es kurz nach dem Mauerfall zum Zusammentreffen mit Elenis Sohn A.und dessen kleiner Tochter kommt. Die Faszination einer - zugegebenermaßen recht komplizierten Familiengeschichte - geht von der visuellen Kraft aus und von einer heute seltenen starken künstlerischen Gesamtkonzeption, bei der auch die Musik haarfein atmosphärisch auf die entsprechenden Szenen abgestimmt ist: Unwirklich und surreal wie im Traum wirken die Stationen auf dieser Zeitreise durch viele Länder, die 50 Jahre umfasst und 1953 einsetzt. Dann und wann legt sich ein heller Nebelschleier über die Erinnerungen, in zarten Weiß- und Grautönen wie auf Ölbildern französischer Impressionisten. Stünde dieser Film doch nur im Wettbewerb, er hätte gleich mehrere Bären für Regie, Kamera, Schauspieler, Schnitt und Musik verdient.

Auch ein anderer Altmeister meldet sich am letzten Berlinale-Tag zurück: Andrzej Wajda, der mit »Der Kalmus« auf eine Erzählung seines Landsmannes Jaroslaw Iwaszkiewicz zurückgreift. Dieser Film ist sehr reduziert und minimalistisch im Einsatz seiner Mittel, stark in Mimik und Gestik der Schauspieler und auch ein Beitrag zum Filmemachen selbst. Eigentlich sind es zwei Geschichten in einer: Die erste ist der Monolog einer reiferen Frau, die den Tod ihres an Krebs verstorbenen Ehemanns betrauert, bei dem es sich um den bedeutenden polnischen Kameramann Edward Klosinski handelt, dem dieser Film zugleich als Hommage ein Denkmal setzt. In der zweiten tritt dieselbe Figur unter anderem Namen als Schauspielerin vor die Kamera, als eine Frau in mittleren Jahren, die Glück und Abwechslung in den Armen eines jüngeren Mannes sucht, der schließlich aber beim Baden im See tödlich verunglückt.

Neben solch bewährten Handschriften braucht sich auch das deutsche Kino nicht zu verstecken. Schade nur, dass ausgerechnet der stärkste deutsche Berlinale-Film, Kai Wessels »Hilde«, seine Weltpremiere in der Sektion »Special« feierte statt im Wettbewerb, wo sich das Auswahlgremium mit Maren Ades Beziehungsdrama »Alle Anderen« eine der belanglosesten Produktionen überhaupt eingehandelt hatte.

Hilde, das ist Hildegard Knef oder - genauer - Heike Makatsch, die sich ihrem Vorbild sowohl äußerlich als auch seitens der tieferen Stimme und Berliner Schnauze so verblüffend ähnlich anverwandelt, dass weniger Makatsch in der Figur steckt als Knef. Denn Makatsch spielt nicht die Knef, sie ist sie - als Schauspielerin und Sängerin! Ja, als Sängerin auch, denn wenn im Abspann das Lied »Von nun an ging’s bergab« zu hören ist, fragt man sich wirklich, wer singt das nun? Eine Originalaufnahme der Knef oder doch die Makatsch?

Dass sie so brillieren kann wie vergleichsweise Julia Jentsch als Sophie Scholl, verdankt die Schauspielerin natürlich auch dem Drehbuch. Wessel erzählt die Biografie der vielfach talentierten Nachkriegskünstlerin nicht nur packend und authentisch, sondern auch mit gutem dramaturgischem Gespür. Sie endet mit dem legendären Konzert in der Berliner Philharmonie und Knefs vielleicht berühmtestem Lied »Für mich soll’s rote Rosen regnen«. Keine Frage der Makatsch gebührt ein Darsteller-Preis. Sie ist allerdings nicht die erste - man denke an Ulrich Mühe und »Das Leben der Anderen« -, die ihn auf der Berlinale nicht holen kann, weil das Festival eine große Leistung im Vorfeld schlicht übersehen hat. Kirsten Liese

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