Preisverfall: Der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Brandenburg und Sachsen macht auch den Viehbetrieben in der Region  zu schaffen. 	SYMBOLBILD: DPA
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Preisverfall: Der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Brandenburg und Sachsen macht auch den Viehbetrieben in der Region zu schaffen. SYMBOLBILD: DPA

Bauernverband warnt

Gießen: Landwirtschaft in der Krise – „Der Preisverfall ist enorm“

  • vonLena Karber
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Coronavirus, Afrikanische Schweinepest, Trockenheit und viel Gegenwind - das Jahr 2020 war für die Landwirtschaft kein einfaches. Manfred Paul, Vorsitzender des hiesigen Bauernverbandes, ärgert sich jedoch vor allem über fehlenden Rückhalt in Politik und Gesellschaft.

  • Landwirte in Gießen haben mit vielen Problemen zu kämpfen.
  • Nicht nur das Coronavirus, auch andere Viren bereiten den Bauern Sorgen.
  • Die Preise für Fleisch sinken ins Bodenlose, das trifft vor allem die Erzeuger.

Gießen – Dass es in den vergangenen Wochen mehrfach geschneit hat, freut die Bauern. »Schnee ist vorteilhafter als Regen, weil er langsam in den Boden einzieht«, erklärt Manfred Paul. Trotzdem ist der Vorsitzende des Bauernverbandes Gießen/Wetzlar/Dill mit der Situation der Landwirtschaft unzufrieden, und das liegt nicht an den Dürren der Vorjahre. »Ich will nicht immer nur Negatives sagen«, sagt er. Doch 2020 sei für die Landwirtschaft kein leichtes Jahr gewesen. Und 2021, so scheint es, beginnt nicht viel besser.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Einer, wenngleich wohl nicht der wichtigste, ist die Corona-Krise, die auch an der Landwirtschaft hierzulande nicht spurlos vorbeigegangen ist. Sonderkulturbetriebe, die auf Saisonarbeitskräfte angewiesen sind, die wegen der Pandemie zum Teil nicht nach Deutschland kamen, gibt es zwar vorwiegend in Südhessen. Doch veränderte Lieferketten, das Fehlen von Großveranstaltungen, die beiden Lockdowns im Gastronomie-Bereich sowie temporäre Schließungen von Schlachthöfen haben den Markt mehrfach durchgerüttelt und für Probleme und Unsicherheiten gesorgt. Unter anderem dürfte der Preis von Rindfleisch, das sehr stark in der Gastronomie nachgefragt wird, durch die Corona-Krise gedrückt worden sein. »Es ist ja ein Kreislauf, in dem alles miteinander verbunden ist«, sagt Paul. »Corona ist in allen Bereichen.«

Gießener Landwirtschaft in der Krise: Mehrere Viren machen Probleme

Die Landwirtschaft hat jedoch aktuell auch noch mit einem zweiten Virus zu kämpfen: mit der Afrikanischen Schweinepest. Zwar ist die Krankheit, die zum ersten Mal im September im Landkreis Spree-Neiße nachgewiesen wurde, nach derzeitigem Kenntnisstand bislang nur in Brandenburg und Sachsen ausgebrochen. Nicht zuletzt wegen des von China verhängten Importstopps auf deutsches Schweinefleisch spüren die Landwirte die Folgen jedoch auch hierzulande. »Das spielt nach wie vor eine Rolle, weil das Virus ein Risiko ist, das lange nicht auskuriert ist, sondern immer wieder ausbrechen kann«, sagt Paul. »Das hat sich auch massiv negativ auf die Preise ausgewirkt.«

Laut einem Bericht des NDR leben wegen des Importstopps und coronabedingter Verzögerungen bei den Schlachtungen aktuell in deutschen Ställen etwa eine halbe Million mehr Schweine als normal. Dadurch sei der Preis für Ferkel innerhalb des vergangenen Jahres von 80 Euro auf aktuell 23 Euro gefallen, was nicht einmal die Futterkosten abdecke. Der Preis für ein Kilo Schweinefleisch liegt derweil nach Angaben der Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch aktuell bei 1,19 Euro. »Der Preisverfall ist enorm und tut den Viehbetrieben richtig weh«, sagt Paul.

Landwirtschaft in der Krise: Kritik an neuen Auflagen

Durch die Kombination aus Preisverfall und immer neuen Auflagen sieht Paul die Zukunft einiger Betriebe gefährdet. Gerade im Norden des Verbandsgebietes sei die Lage schlimm, aber auch um die Betriebe im Gießener Land macht er sich Sorgen. »Die Betriebe müssen überlegen, ob sie überhaupt noch Investitionen machen«, sagt er. »Oder man lässt es auslaufen, weil man seinem Nachfolger dieses Paket nicht aufbürden will.« Langfristig führe das dazu, dass immer mehr Fleisch im Ausland produziert wird, sagt Paul. Schon jetzt liege der Selbstversorgungsgrad bei Schweinefleisch hierzulande nur noch bei etwa 18 Prozent.

Dass die Corona-Pandemie dazu geführt hat, dass regionale Lebensmittel eine höhere Nachfrage erfahren haben, hilft den landwirtschaftlichen Betrieben nach Einschätzung von Paul mehrheitlich nicht weiter. »Für jemanden, der genug eigene Leute hat und das hinkriegt, ergibt Selbstvermarktung Sinn«, sagt er. Für die Mehrheit der Betriebe sei dies jedoch nicht umsetzbar. Und letztlich werde der Preis woanders bestimmt: »Der normale Arbeitnehmer, der 1400 oder 1500 Euro im Monat hat, der geht zu Aldi & Co.«, sagt Paul. »Das ist nun einmal so.«

Bauern demonstrieren in Gießen

Bereits Anfang des vergangenen Jahres hatten Bauern deshalb mit ihren Traktoren die Gießener Innenstadt lahmgelegt, um unter anderem für faire Preise zu demonstrieren. Gleichzeitig protestierten sie jedoch auch gegen Verordnungen der Politik wie die neue Düngeverordnung, die im Frühjahr schließlich verabschiedet wurde. Die Landwirtschaft erfahre in der Politik keinen Rückhalt mehr, ärgert sich Paul, der sich für 2021 neben reichlich Feuchtigkeit in den kommenden Wochen ein Ende der »Miesmacherei« der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit wünscht. »Die Landwirtschaft wird für die Bundestagswahlen und Kommunalwahlen verheizt, indem Schlagworte wie Massentierhaltung und Pestizide in die Städte getragen werden«, kritisiert er. »Und die Städter werden zukünftig der Bevölkerung auf dem Land, wo wir uns befinden, sagen, wo es langgeht.« (Lena Karber)

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