+

Lost Places

Lost Place bei Hungen: Ein Bahnhof auf dem Abstellgleis

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
    schließen

Tiere und Pflanzen haben sich längst den Bahnhaltepunkt Bellersheim zurückerobert. Der Mix aus rostenden Gleisen, bröseligem Bahnsteig und vergessenen Laternen hat seinen eigenen Charme. Warum gab es überhaupt mitten im Nichts einen Bahnhaltepunkt? Teil eins der Serie "Lost Places".

Ob Christian Anders mal auf der Horlofftalbahn unterwegs war? Bei der Liedzeile "Es fährt ein Zug nach nirgendwo" denken jedenfalls viele Bellersheimer an die "Ponderosa", ihren ehemaligen Bahnhaltepunkt mitten im Nichts. Seit 17 Jahren fährt dort kein Zug mehr.

Den Haltepunkt haben Wildblumen für sich erobert. Sie sprießen aus Ritzen des Bahnsteigs. Schmetterlinge schaukeln auf ihnen im Wind. Auf dem von Rost rot gefärbten Schienenstrang hüpft eine Goldammer auf der Suche nach Futter entlang. In der Sommerhitze riecht es nach dem Teer der Bahnschwellen. Alte Laternen ragen aus den Gebüschen in den Himmel.

Selbst als die Horlofftalbahn noch fuhr, herrschte an der "Ponderosa" nie wirklich Betrieb. "Ich bin da nie in meinem Leben in den Zug gestiegen", sagt der Bellersheimer Werner Fuchs. Dabei sei er eigentlich gerne mit der Bahn gefahren - bis 1968.

Bis dahin hatte Bellersheim noch einen Bahnhof am Ortsrand. Seit dem 1. Oktober 1871 - dem Betriebsstart für die Strecke Hungen-Friedberg - hielt dort der Zug. Fahrkarten wurden im Bahnhofsgebäude verkauft, in der Stückgutannahme konnten die Bellersheimer und Obbornhofener Päckchen abholen und versenden. "Es gab sogar einen Bahnhofsvorsteher", sagt Fuchs.

Ihm sind besonders die großen Güterwaggons in Erinnerung geblieben. Zur Zuckerrübenernte standen diese auf einem Abstellgleis bereit, um befüllt zu werden. Maschinen gab es dafür nicht. "Die Bauern haben mit ihren Wagen angestanden und die Rüben mit der Hand auf den Waggon geworfen." Ein Knochenjob. Erst wenn sechs bis acht Fuhrwerke leergeräumt waren, war der Waggon voll. Die nächste Zuckerfabrik war übrigens in Friedberg.

Zahlreiche Bellersheimer und Obbornhofener nutzten die Bahn, um nach Hungen, Gießen, Friedberg oder Frankfurt zu fahren. Das änderte sich jedoch schlagartig 1968. Da die Bahnstrecke über eine Braunkohlelagerstätte führte, die im Tagebau erschlossen werden sollte, musste die Trasse verlegt werden. Warum die Kommunalpolitiker damals nicht darauf bestanden, dass die Bahnlinie nach Ende des Kohleabbaus wieder zurückverlegt wird, bleibt ein Rätsel. Es war jedoch einer der ersten Sargnägel für die Horlofftalbahn.

Am 10. Juni 1968 ging der neue Bahnhaltepunkt in Betrieb - über zwei Kilometer vom Dorf entfernt, mitten im Feld. Einen Fußweg dorthin gab es nicht, Fahrgäste mussten entlang der unbeleuchteten Landesstraße zum Bahnsteig laufen. "Da habe ich auch nie Autos stehen sehen", sagt Fuchs.

Bereits 1969 spotteten die Bellersheimer beim Dorfjubiläum: "Ein Bahnhof mitten im Feld, der kostet nicht viel Geld" und ließen einen Wagen mit dem Bahnhofsschild "Ponderosa" im Festzug mitrollen. "Der Name stammt aus der Fernsehserie ›Bonanza‹", erklärt Fuchs. "Da gibt es die Farm ›Ponderosa‹, die irgendwo weit draußen liegt - so wie dieser Bahnhaltepunkt."

Einer der Fahrgäste, die regelmäßig an der "Ponderosa" ein- und ausstiegen, war Egon Stingl. Er besuchte die Schule in Friedberg. "Wenn die Schule früher aus war oder hitzefrei, dann sind wir mit dem Zug gefahren." Besonders der lange Weg von und nach Bellersheim ist ihm in Erinnerung geblieben. "Das zog sich wie Kaugummi. Wir sind an der Straße gelaufen und haben immer gehofft, dass uns jemand mitnimmt. Da gab es noch kein Mama-Taxi." Die Alternative, ein Fahrrad an den Bahnhaltepunkt zu stellen, gab es nicht wirklich: "Das konntest du vergessen. Da konntest du abends die Ersatzteile suchen."

Als 2003 der Zugverkehr auf der Horlofftalbahn eingestellt wurde, versank die "Ponderosa" endgültig im Dornröschenschlaf. Das Schutzhäuschen wurde bereits vor Jahren abgerissen.

Am Bahnsteig steht Stefan Kannwischer. Er hat extra das Transparent mitgebracht, mit dem er und weitere Mitstreiter sich für den Erhalt der Horlofftalbahn engagiert hatten. Im April 2003 hatten sie es vor dem letzten Zug auf der Bahnstrecke entrollt, seitdem für die Rückkehr des Bahnverkehrs gekämpft. "Wir haben die Entwidmung der Strecke verhindert."

Die schwarz-grüne Landessregierung hat die Reaktivierung der Horlofftalbahn zwar in den Koalitionsvertrag aufgenommen.

Kannwischer berichtet, dass sich diese mittlerweile bis 2025 verzögern werde. Er schüttelt den Kopf, während er das Transparent einrollt: "In China bauen sie in einer Woche ein Krankenhaus. Und hier braucht es Jahre, um elf Kilometer vorhandene Bahnstrecke zu reaktivieren."

In der Vergangenheit wurde als ein Grund für die Verzögerungen bei der Reaktivierung der Horlofftalbahn angeführt, dass sich diese erst lohnen würde, wenn die Bahnstrecke Friedberg-Frankfurt ausgebaut wird. Zuvor gäbe es auf der Strecke keine Kapazitäten für weitere Züge.

Stefan Kannwischer von der AG Horlofftalbahn hat für dieses Problem eine Lösung: Der Zug aus Hungen könnte in Beienheim mit der Bahn aus Nidda zusammengekoppelt werden und dann als ein Zug nach Frankfurt weiterfahren.

Dieses Verfahren wird bereits seit Jahren erfolgreich bei den Regionalbahnen aus Siegen und Treysa praktiziert, die im Bahnhof Gießen zusammengekoppelt werden. pad

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare