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Die Bahn veränderte Oberhessen

  • Patrick Dehnhardt
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Die Eisenbahnstrecken haben Oberhessen verändert. Entlegene Dörfer bekamen über Nebenbahnen einen Anschluss an die Städte, Reisen nach Gießen oder Frankfurt wurden unkomplizierter. Jürgen Röhrig und Stefan Klöppel dokumentieren dies in ihrem neuen Buch "150 Jahre Oberhessische Eisenbahn".

Vor 150 Jahren wurden die Bahnstrecken zwischen Hungen und Gießen sowie Grünberg und Gießen fertiggestellt. Die Jubiläumsfeierlichkeiten sind zwar vorerst aufgrund der Corona-Pandemie auf dem Abstellgleis gelandet. Dafür haben Stefan Klöppel und Jürgen Röhrig zusammen mit Dieter Eckert, Steffen Eigner und Carsten Eigner nun ihr neues, 270 Seiten dickes Buch "150 Jahre Oberhessische Eisenbahn" fertiggestellt.

Bereits im Dezember 2019 hatten Eckert und Röhrig in der Pohlheimer Heimatstube ihr Buch "Anschluss an den Weltverkehr - 150 Jahre Oberhessische Eisenbahn zwischen Gießen und Hungen" im Rahmen einer Sonderausstellung zum Eisenbahnjubiläum vorgestellt. Das neue Buch beschäftigt sich ausführlich mit den beiden Strecken Gießen-Grünberg-Alsfeld-Fulda und Gießen-Lich-Hungen-Nidda-Gelnhausen sowie den von diesen abzweigenden Nebenbahnen.

Zahlreiche Fotografien ermöglichen einen Blick in Zeiten, in denen es noch eine Bahnpost gab, Tickets am Schalter im Bahnhofsgebäude verkauft wurden und mancher seine Lohntüte auf dem Heimweg beim Bahnhofswirt erleichterte.

417 000 Reisende im ersten Jahr

Die Strecken von Gießen nach Grünberg und Hungen wurden durch die Oberhessische Eisenbahngesellschaft errichtet und zeitgleich am 29. Dezember 1869 eingeweiht. Die Strecke über Hungen nach Gelnhausen wurde am 30. November 1870 vollendet, eine durchgängige Verbindung von Gießen über Grünberg nach Fulda war ab dem 31. Juli 1871 in Betrieb.

Noch lässt sich genau sagen, dass im November 1870 rund 1200 Fahrkarten in Hungen verkauft wurden oder das im ersten Bahnjahr fast 417 000 Reisende und 132 000 Tonnen Güter befördert wurden. Der Grund für die gute Datenlage: "Von 1870 bis zum Ersten Weltkrieg wurden von den Industrie- und Handelskammern jährliche Berichte verfasst", sagt Röhrig. Diese befinden sich mittlerweile im Hessischen Wirtschaftsarchiv in Darmstadt. Die beiden Eisenbahnenthusiasten haben viele technische Daten zu Streckenführungen, Steigungen und den eingesetzten Lokomotiven zusammengetragen.

Ausführlich werden zudem Nebenstrecken beschrieben, etwa die von Lich über Münster nach Grünberg. Selbst die Pferdebahn, die von 1890 bis 1896 mittels echter PS zwischen Villingen und Friedrichshütte Güter und Arbeiter transportierte und danach durch eine Dampflok ersetzt wurde, findet sich in dem Buch wieder.

Während heute die beiden Bahnstrecken im Eisenbahnverkehr höchstens eine Randnotiz sind, gab es beim Bau große Pläne: Die Strecke über Lich, Hungen und Nidda sollte einst Teil einer Verbindung von London nach Konstantinopel werden, sagt Röhrig. Dazu sollte die Strecke von Gelnhausen weiter in Richtung Gemünden am Main führen. Doch soweit kam es nicht: Da sich das Königreich Preußen die Rechte für die Bahnstrecke Friedberg-Hanau gesichert hatte und keine Konkurrenzverbindung wollte.

Todesopfer bei Unfällen

Zwischen Alsfeld und Bad Hersfeld sollte ebenfalls eine Bahnstrecke gebaut werden. Obwohl sich die Industrie- und Handelskammer dafür einsetzte, kam sie nie zustande. "Wäre das gekommen, wäre die Strecke in einen überregionalen Verkehr eingebunden worden", sagt Röhrig. Doch auch dort hatte Preußen eigene Pläne.

Ein Kapitel befasst sich mit den Unfällen auf den beiden Bahnstrecken. Oft gab es dabei Todesopfer zu beklagen. Am 21. August 1956 etwa wurden am Bahnhof Pfahlgraben bei Garbenteich die Schrankenbäume neu gestrichen. Dafür hatte der Maler einen der Schrankenbäume vom Antrieb gelöst. Als er diesen im Zuge des Anstreichens anhob, verstand dies ein Lasterfahrer als Zeichen für die freie Fahrt. Da die gegenüberliegenden Schranken jedoch geschlossen waren, kam es zum Unglück: Der aus Lich kommende Zug prallte in den Lkw. Der Lasterfahrer wurde schwer verletzt, seine beiden Beifahrer kamen ums Leben.

Auch am 13. Oktober 1965 kam es am Bahnübergang bei Steinheim zu einem schweren Unfall, als eine Bahn ebenfalls mit einem Lkw kollidierte.

Kurios hingegen ein Unfall bei Buseck: Dort stürzte am 29. März 1999 auf dem Bahnanschlussgleis ein beladener Bananenwaggon um. Da die Bergung per Kran scheitertete, musste der Bauhof der Gemeinde anrücken und die Mitarbeiter Tonnen von Bananen per Hand entladen.

Das Buch "150 Jahre Oberhessische Eisenbahn" ist ab Mitte November beim Verlag Drehscheibe (www.drehscheibe-online.de) erhältlich. Vorbestellungen sind möglich.

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