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Noch immer steht eine Entscheidung über die Lumdatalbahn-Reaktivierung aus. In Allendorf gehen die Meinungen dazu auseinander.

Bahn bleibt Streitpunkt in Allendorf

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Als Kommune mit den wenigsten Einwohnern im Landkreis muss Allendorf (Lumda) punkten, um Menschen zu halten und attraktiv für Neubürger zu werden. Es braucht frische Ideen - von Mobilitätsthemen bis hin zur Schaffung neuen Wohnraums. Gleichzeitig sind die Finanzen chronisch knapp, auch der Zustand des Waldes bereitet Sorgen. Wie positionieren sich die Bewerber im Wahlkampf dazu?

Antworten von FW, SPD, CDU, BfA/FDP und Grünen.

?Wie stehen Sie zur möglichen Reaktivierung der Lumdatalbahn - auch angesichts von Infrastrukturkosten, die das für die Stadt bedeuten könnte?

FW: Eine Reaktivierung der Lumdatalbahn wäre für Allendorf wünschenswert und würde auch die Stadt aufwerten. Jedoch sind Wünsche leider nicht immer finanzierbar. Daher ist abzuwarten, wie hoch die tatsächlichen Kosten sind und wer diese tragen soll. Sollten sich Bund bzw. Land und Kreis dafür entscheiden, dass die Kommune keine oder nur geringe Kosten übernehmen muss, ist über die finanziellen Mittel der Stadt abzuwägen, ob eine Reaktivierung für die Stadt möglich und durchführbar ist, ohne die Bürger weiter zu belasten.

SPD: Die SPD unterstützt die Pläne zur Reaktivierung der Lumdatalbahn als ein Zukunftsprojekt, das die Mobilität im ländlichen Raum fördert und einen Beitrag zum Klimaschutz leistet. Wenn wir zukünftig ein attraktiver Wohnort sein wollen, dann müssen wir unseren Bürgern eine gute Verkehrsanbindung anbieten. Infrastrukturkosten soll die Stadt im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten übernehmen.

CDU: Das abschließende Gutachten zur Lumdatalbahn, vorgestellt im November 2020, zeigt die realen Kosten der Reaktivierung mit 36 Millionen Euro auf. Damit werden die Prognosen aus der Machbarkeitsstudie widerlegt. Die Kosten verdreifachen sich, über die Betriebskosten schweigt man sich aus. Zur Umsetzung hat der Kreistag nur die Planungsstufen eins bis zwei in Auftrag gegeben. All dies bestätigt uns in der Auffassung, dass die Lumdatalbahn als »Appendix« geplanter durchgehender Bahnverbindungen Anforderungen, die auch dem Deutschlandtakt der Bahn genügen müssen, nicht erfüllen wird.

Bürger für Allendorf/FDP: Wir sehen in der Lumdatalbahn ein wichtiges Zukunftsprojekt für Allendorf, mit dem es möglich ist, die Infrastruktur zu verbessern. Wichtig ist, dass flexible Zubringerverbindungen für Climbach, Nordeck und Winnen bereitgestellt werden. Bis jetzt sind die Rahmenbedingungen für den Betrieb weitgehend unbekannt. Sollte die Stadt für die Inbetriebnahme erhebliche finanzielle Mittel aufbringen müssen, versichern wir, zu diesem Thema rechtzeitig eine Bürgerbefragung auf den Weg zu bringen. Wir wünschen uns eine baldige Entscheidung über die Inbetriebnahme.

Grüne: Mit den Attributen »schneller, bequemer, sparsamer« ist die Lumdatalbahn für Jung und Alt der Schlüsselbaustein der Mobilität in unserem ländlichen Raum. Hier übernehmen wir die Aussage des Verkehrsministers von Luxemburg: »Wir wollen Menschen mobil halten, nicht Fahrzeuge.« Infrastrukturkosten, die die Kommunen betreffen, etwa Stellplätze für Fahrräder und Pkw, sind zum Betriebsbeginn überschaubar, da unserer Gemeinde hierfür Gelände bereitsteht. Wenn die Bahn »läuft«, sehen wir weiter.

?Das Baugebiet »Hege II« wird nun in Angriff genommen, der Bedarf an Grundstücken gerade für junge Familien ist aber weiter gegeben. Gleichzeitig gibt es in den Ortskernen teils Leerstand, aber auch einen Mangel an seniorengerechtem Wohnraum. Was wollen Sie konkret tun, um die Wohnraum-Situation zu verbessern?

FW: Über den Leerstand in Allendorf gibt es leider keine Erhebung, sodass aktuell keine verlässlichen Zahlen genannt werden können. Fakt ist jedoch, dass immer mehr alleinstehende Senioren in einem Haus leben, was zukünftig ein Leerstandsproblem geben wird. Es sollte daher dringend eine Bestandsaufnahme gemacht werden, damit die Stadt zielgerecht handeln kann. Die Stadt muss Projekte fördern. Beispielhaft ist hier das Projekt »Altstadthöfe« zu nennen. Jung und Alt müssen zukünftig wieder im Stadtkern leben.

SPD: Wir bestehen beim Baugebiet »Hege II« auf der Planung eines Mehrgenerationenhauses. Für die Innenstadtbelebung braucht es Anreize für die jetzigen Immobilienbesitzer, Umbau- und Sanierungsmaßnahmen durchzuführen, damit kleinere, barrierefreie und seniorengerechte Wohnungen entstehen können. Die SPD will deshalb die Aufnahme der Stadt in das Dorfentwicklungsprogramm 2021 vorantreiben und besteht weiterhin auf dem Beitritt in die kreiseigene Gesellschaft für sozialen Wohnungsbau und Strukturwandel.

CDU: Mit der Unterstützung des Projektes »Allendorfer Altstadthöfe« fördern wir die notwendige Umgestaltung eines zentralen Quartiers, indem leer stehende Scheunen und vorhandene Wohngebäude barrierefrei umgestaltet werden können. Der eventuell notwendige neue Zuschnitt von Bestandsgrundstücken kann im Einvernehmen mit den Eignern erfolgen. Losgelöst von politischen Diskussionen kann durch private Initiativen ein Zusammenleben aller Generationen in einem lebendigen Umfeld entstehen.

BfA/FDP: Wir sind sowohl für die Ausweisung von Bauland als auch für eine Innerortsverdichtung. Das Neubaugebiet »Hege II« sollte schnellstmöglich in Angriff genommen werden, da der Stadtverwaltung 40 bis 50 Bewerbungen für Bauplätze vorliegen, überwiegend aus Allendorf und der Region. Mehrgenerationengebäude können ebenfalls dort entstehen. Im Ortskern von Allendorf wird durch eine Privatinitiative ein Konzept für seniorengerechten Wohnraum entwickelt, das wir unterstützen. Wir werden uns dafür einsetzen, dass ähnliche Projekte in allen Stadtteilen entstehen.

Grüne: Unsere Altstadt und die Gebäude ab den 50er-Jahren haben Entwicklungspotenzial! Hier kann zusätzlich Wohnraum gestaltet werden, der modern, komfortabel und bezahlbar ist. Es gilt, die Ansprüche von jungen Familien, Senioren und Einzelpersonen zu erfüllen. Mit »weiter so wie bisher« geht die Schere von Einnahmen (mehr Rentner, weniger Einkommensteuer) und Ausgaben (mehr bebaute Fläche, höhere Gebühren) noch weiter auseinander. Neubaugebiete sind heute ein »Luxus«. Besondere Anforderungen sind hierfür notwendig.

?Der Zustand des Waldes bereitet auch in Allendorf (Lumda) Sorge - aus ökologischer und wirtschaftlicher Sicht. Wie soll aus Ihrer Sicht künftig mit dem Stadtwald umgegangen werden?

FW: Die Situation des Waldes ist wirklich erschreckend. Hier muss dringend gehandelt werden. Leider gibt es keine Patentlösung, wie zukünftig mit dem Wald umgegangen werden muss. Soll sich der Wald alleine mit einer Stilllegung erholen? Mit welchen Pflanzen ist eine Aufforstung möglich? Wir brauchen den Wald, daher sollten wir nicht nur in Asphalt, sondern auch in den Wald und somit in ein besseres Klima investieren. Ein erster positiver Schritt wäre, keine gesunden Bäume für Windkraftanlagen zu fällen.

SPD: Wir müssen dafür sorgen, dass unser Wald als Erholungsort für Menschen und Lebensraum für Tiere und Pflanzen erhalten bleibt. Die durch Trockenheit und den Borkenkäfer entstandenen Schäden müssen durch nachhaltige Aufforstung ausgeglichen werden. Der Wald ist durch Klimawandel und Preisverfall für Holz nicht mehr als gewinnbringender Wirtschaftsbetrieb für die Stadt zu betrachten, sondern als Investition in ein intaktes Ökosystem. Für dieses Ziel muss die Stadt finanzielle Mittel bereitstellen. Auch kreative Ideen werden wir einbringen, z. B. Baumpaten bei der Aufforstung.

CDU: Waldstilllegungen entbinden die Stadt nicht von der Verkehrssicherungspflicht. Mit Unterstützung des Landes finden in Allendorf Wiederaufforstungen auf Kalamitätsflächen statt. Wir unterstützen die Meinung des Forstamtes auf einen Umbau des Waldes im Sinne der Pflanzung von klimaresistenten Baumarten. Nur durch eine nachhaltige, ökologische Bewirtschaftung kann der Wald seine Funktion im Sinne eines Klimawaldes 2.0 erfüllen.

BfA/FDP: Zunächst sollen Aufforstungen mit dem Klimawandel angepassten Baumarten vorgenommen werden. Es sollen unter anderem Mischwälder entstehen. Weiter wollen wir einen runden Tisch »Wald« mit Fachleuten, um neue Wege zu finden, wie die Waldbewirtschaftung in Allendorf zukünftig ausgerichtet werden soll.

Grüne: Wir wollen für Allendorf einen naturnahen Wald; einen Wald, den wir für unsere Naherholung benötigen; Bäume, die innerhalb eines komplexen Ökosystems alt werden dürfen; Bäume, die als Baumaterial unserer Häuser langfristig CO2 binden; Bäume und andere Biomassen, die einen Beitrag zu unserer Versorgung mit Strom und Wärme leisten. Wir wollen, dass unser Wald wieder unserer Daseinsvorsorge dient. Wir wollen weg von einer Forstwirtschaft, die uns seit Jahrzehnten keine ökonomische und ökologische Wertschöpfung bietet.

Auch die Belebung des Allendorfer Ortskerns ist ein Thema im Wahlkampf.

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