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Die Verkehrswenden-Initiative in Lollar schlägt für die Dauer eines Vierteljahres einen Verkehrswendeversuch in der Stadt vor.

Autos stehen still

  • VonVolker Heller
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Für eine Stunde haben am Samstag in der Gießener Straße in Lollar Fahrradfahrer die Vorherrschaft übernommen. In einer Diskussionsrunde der Fraktionen zu der Aktion kam es zu interessanten Vorschlägen und Positionen.

Für eine Stunde haben am Samstagmittag in Lollar auf der Gießener Straße zwischen Lumda- und Bahnhofstraße alle motorisierten Räder stillgestanden. Zu hören waren stattdessen das Surren und die Klingeln von Fahrrädern. Anlass war eine lokalpolitische Diskussion der erst Mitte August dieses Jahres gegründeten Verkehrswende-Initiative Lollar.

Um 12.30 Uhr erreichten Teilnehmer von Verkehrswende- und Umweltgruppen den Schmaadlecker-Brunnen. Einige ruhten sich in einem blauen aufblasbaren Luftsofa aus. Initiativen-Sprecher Kai Sander aus Salzböden nannte die Aktion »einen Impuls für die Verkehrswende«. Er wünsche sich bis 2030 eine Halbierung des Ausmaßes des Autoverkehrs. Dafür brauche es Radschnellwege, sagte er. Es sei nicht effektiv, neue Fahrradstraßen zu bauen, sondern vorhandene Autostraßen umzuwidmen.

Die Initiative denkt dabei beispielsweise an die Landesstraße 3093 von Wißmar über Fronhausen bis Marburg. Zugelassen wären dann nur noch Fahrradfahrer und Linienbusse. Der motorisierte Individualverkehr müsste sich umorientieren.

Für die Lollarer Ortsdurchfahrt ist außerdem als Idee angedacht, auf dem für die Aktion abgesperrten Abschnitt der Gießener Straße eine Fußgängerzone einzurichten, die wiederum nur Radfahrer und Busse befahren dürften. Da Lollar im Süden und Norden Anbindung zur Bundesstraße 3 hat, könnte sich der übrige Verkehr an der Stadt vorbei bewegen. Sander schlug für die Dauer eines Vierteljahres einen Verkehrswendeversuch vor.

Zu diesen Vorschlägen nahmen die Fraktionsvorsitzenden des Stadtparlaments in einer Gesprächsrunde Stellung. Der SPD-Politiker Norman Speier mahnte, Konzepte und Verkehrswenden dürfe man nicht mit der Brechstange durchsetzen. Bürger und Gewerbetreibende sollten mitreden können.

Gerhard Born von den Grünen beschrieb das Vorhaben der Initiative als »sympathische Idee«. Sie sei aber wenig sozialverträglich und vorerst eine Utopie. Längere Fahrzeiten über den Umweg der B 3 verursachten mehr Schadstoffe. Born schlug allerdings einen Bogen zur Lumdatalbahn - einer vergleichbaren Utopie die nunmehr eine Vision sei und vielleicht sogar Realität werde. Die Bushaltestelle in der Gießener Straße mit dem direkten Zugang zum Bahnsteig werde gebaut, erklärte er weiter. Born schlug Tempo 30 vor für die Ortsdurchfahrt vor.

Dr. Jens-Christian Kraft von der CDU-Fraktion stimmte der Initiative insofern zu, dass es Handlungsbedarf gebe. Er wohne in der Kernstadt und kenne die Probleme, sagte er. Der erwartbare Mehrverkehr auf der B 3 könnte allerdings zu Problemen führen.

Man solle an die Mobilitätsbedürfnisse aller Bürger denken, sagte Kraft. Er stelle sich vor, den interkommunalen Nahverkehr zu stärken, etwa eine Gießener Stadtbuslinie bis zum Bahnhof Lollar zu verlängern. Auf der Main-Weser-Bahnlinie sollte es zudem eine stärkere Taktung geben. Wenn es mehr lokale Lebensmittelproduzenten gebe, würden auch viele Autofahrten entfallen. Generell sei das Busnetz auszubauen. Jeder Bahnhalt solle bedient werden auch die entfernteren Orte wie Salzböden. Er hoffe, sagte Kraft, dass die Lumdatalbahn wieder fahren werde.

Die Polizei hatte am Samstag das Herzstück der Lollarer Ortsdurchfahrt gegen 12.10 Uhr abgesperrt, die Umleitung erfolgte für eine Stunde über die Lumdastraße und den Holzmühler Weg.

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